Er seufzte noch einmal und tiefer, dann klappte er sein Buch mit einem Knall zu und machte eine herrische Geste, auf die hin die Kapuzenmännchen die Beine in die Hand nahmen, um so schnell wie möglich aus dem Zimmer zu verschwinden. Eines von ihnen schien Scriptor wohl trotz allem nicht schnell genug zu sein; er spießte es mit seiner Schreibfeder auf, gerade als der Winzling zwischen seinen Beinen hindurchlaufen wollte. Leonie runzelte in ihrem Versteck die Stirn. Sie hatte keine Ahnung, wer oder was dieser Scriptor war, aber sein Charakter schien durchaus seinem Aussehen zu entsprechen.
Nachdem die Kapuzenmännchen gegangen waren (zumindest die, die noch gehen konnten), wartete sie nun darauf, dass Scriptor ebenfalls verschwand. Aber er dachte offensichtlich nicht daran. Stattdessen blieb er noch eine kleine Ewigkeit unter der Tür stehen und sah sich aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen im Zimmer um. Leonie überlief ein eisiges Frösteln, als sein Blick dabei auch den Schrank streifte und für ihren Geschmack eine Spur zu lange daran hängen blieb. Er runzelte die Stirn, als wäre ihm etwas aufgefallen, aber dann zuckte er nur die Schultern, klappte sein Buch wieder auf und machte einen schwungvollen Federstrich.
Das gute Dutzend regloser Kapuzenmännchen, das im Raum verteilt war, verschwand. Leonie sog so scharf die Luft ein, dass sie schon befürchtete, Scriptor dadurch auf ihre Anwesenheit aufmerksam gemacht zu haben, aber der hässliche Gnom drehte nur noch einmal den Kopf von rechts nach links, wobei er seinen Blick abschließend und sehr aufmerksam durch das Zimmer schweifen ließ, dann wandte er sich um und verließ den Raum. Die Tür schloss sich schnell und vollkommen lautlos hinter ihm und Leonie war wieder allein.
Sie ließ noch mehrere Minuten verstreichen, ehe sie es wagte, die Schranktür zu öffnen und wieder ins Zimmer hinauszutreten. Der Raum kam ihr plötzlich viel unheimlicher vor als vorhin, als sie hereingekommen war, obwohl sich hier rein gar nichts verändert hatte. Vielleicht kam das aber auch gerade daher, dass nun alles wieder genauso aussah wie vorher. Was war so ungemein wichtig daran, dass hier auch nicht die kleinste Kleinigkeit verändert wurde?
Leonie zermarterte sich einen Moment lang vergeblich das Hirn mit dieser Frage, tat sie dann aber mit einem Achselzucken ab und wandte sich zur Tür. Ohne es zu merken, ging sie dabei in so großem Abstand an den Möbeln vorbei, wie ihr das nur möglich war. Ganz flüchtig streifte ihr Blick den Sekretär, und sie ertappte sich bei dem Wunsch, die Familienbibel noch einmal herauszunehmen, um einen Blick auf das unheimliche Foto zu werfen, aber sie unterdrückte ihn auch fast im gleichen Sekundenbruchteil wieder, in dem sie ihn verspürte. Auch wenn sie nicht einmal annähernd verstand, was sie eben beobachtet hatte, war ihr doch zugleich klar, dass sie mehr Glück als Verstand gehabt hatte. Sie gedachte nicht, dieses Glück unnötig auf die Probe zu stellen. Stattdessen hastete sie zur Tür, öffnete sie und blieb wie angewurzelt stehen.
»Sieh an, sieh an«, sagte Scriptor, der draußen auf dem Gang stand und hämisch zu ihr heraufgrinste. »Das habe ich mir doch beinahe gedacht!«
»Oh«, machte Leonie verdattert.
»Oh«, meinte Scriptor und stieß mit der Spitze seiner Schreibfeder nach ihrer Brust, »ist keine Antwort. Jedenfalls nicht auf die meisten Fragen, die ich an dich habe.« Er piekste sie noch einmal mit seiner Feder, und diesmal war die Berührung so unangenehm, dass Leonie ganz instinktiv die Türklinke losließ und zwei Schritte weit ins Zimmer zurückwich.
Scriptor folgte ihr. Seine wässrigen Glupschaugen funkelten boshaft. Er piekste Leonie immer wieder mit seiner Feder, und obwohl es nicht wirklich wehtat, wich sie Schritt für Schritt vor ihm zurück, bis sie auf der gegenüberliegenden Seite gegen die Wand stieß. Sie hatte nicht wirklich Angst, dazu war sie viel zu perplex. »Da haben wir ja des Rätsels Lösung«, sagte Scriptor hämisch. »Konnte ich mir auch gar nicht vorstellen, dass das alles reiner Zufall gewesen sein soll. Aber deine Frechheiten werden dir schon noch vergehen, das verspreche ich dir. Ich kann nämlich auch ganz anders, wenn es sein muss. Du landest im Leimtopf, mindestens! Aber vorher wirst du mir noch ein paar Fragen beantworten.«
»Ach?«, fragte Leonie. »Werde ich das?« Sie versuchte vergeblich, Angst zu empfinden. Scriptor erschien ihr zwar genauso, wie sie umgekehrt auch ihm - nämlich abgrundtief hässlich -, aber jetzt, wo sie ihm direkt gegenüberstand, merkte sie auch, was für einen lächerlichen Anblick der Kapuzenmann eigentlich bot. Er hatte sich herausfordernd aufgeplustert und fuchtelte nach wie vor drohend mit seiner Feder herum, aber das änderte nichts daran, dass er ihr mit Mühe und Not bis zur Brust reichte und so dürr war, dass sein schwarzer Umhang nur so um seine Glieder schlotterte. Leonie bezweifelte, dass der Knirps mehr als fünfzig Pfund wog.
»Also?«, giftete Scriptor. »Willst du jetzt reden oder muss ich andere Seiten aufziehen?«
Leonie dachte einen Moment lang daran, wie Scriptor mit seinen kleinen Gehilfen umgesprungen war, überlegte einen etwas längeren Moment, wie sie reagieren sollte, und entschied sich schließlich für eine, wie sie fand, angemessene Vorgehensweise. Sie sah noch eine Sekunde lang nachdenklich auf Scriptor hinab und boxte ihm dann kräftig auf die Nase. Scriptor verdrehte die Augen und kippte stocksteif nach hinten.
Leonie riss ungläubig die Augen auf und betrachtete abwechselnd ihre eigene Hand und den bewusstlosen Zwerg, der mit ausgebreiteten Armen und Beinen vor ihr auf dem Boden lag. Sie hatte nicht einmal sehr fest zugeschlagen, sonderlich viel schien er nicht auszuhalten.
Leonie überzeugte sich mit einem raschen Blick davon, dass Scriptor nachhaltig ausgeschaltet war, ging zur Tür und drückte sie hastig ins Schloss. Das fehlte ihr noch, dass noch mehr von diesen hässlichen Gnomen hier auftauchten. Sie ging zu Scriptor zurück, ließ sich neben ihm in die Hocke sinken und hob das Buch auf, das er fallen gelassen hatte. Es war so schwer, als wäre es aus einem massiven Felsblock herausgemeißelt worden, und hatte mindestens tausend Seiten, wenn nicht mehr.
Und sie waren alle leer.
Leonie blätterte das Buch mit wachsender Verblüffung durch, aber es blieb dabei: Die Seiten aus uraltem Büttenpapier waren leer.
Endlich legte sie das Buch wieder aus der Hand, sah einen Moment lang nachdenklich auf Scriptor hinab und überlegte, was sie als Nächstes tun sollte. Besonders viele Möglichkeiten hatte sie nicht. Und keine davon weckte wirklich ihre Begeisterung. Aber es gab keinen Ausweg - sie hätte höchstens zurückgehen können, und das kam nicht in Frage, solange sie ihre Eltern nicht gefunden hatte.
Sie beugte sich zu Scriptor hinab und zog ihm ohne viel Mühe die schwarze Kutte aus. Der Gnom war darunter vollkommen nackt und noch viel dürrer, als sie sowieso schon erwartet hatte; kaum mehr als ein Skelett, das von runzliger, schwarzgrüner Krötenhaut überzogen war. Leonie nahm ihn auf die Arme - er schien überhaupt nichts zu wiegen -, trug ihn zum Schrank und schloss die Tür hinter ihm. Sie hätte gern einen Stuhl unter den Griff geschoben, um den Schrank von außen zu verbarrikadieren, aber nach der Aufregung, die die letzten Veränderungen hervorgerufen hatten, wagte sie es nicht, hier drinnen auch nur irgendetwas anzurühren. Sie war allerdings auch ziemlich sicher, dass Scriptor für eine geraume Weile außer Gefecht gesetzt war.
Leonie betrachtete die schmuddelige schwarze Kutte, die sie Scriptor ausgezogen hatte, und verzog angewidert das Gesicht. Allein die Vorstellung, diesen Lumpen überzustreifen, ließ sie frösteln.
Trotzdem tat sie es.
Nur wenige Augenblicke später verließ sie das Zimmer, in Scriptors schwarze Kutte gehüllt, die Kapuze so weit nach vorne gezogen, wie es nur ging, das schwere Buch unter den rechten Arm geklemmt und die Schreibfeder in der rechten Hand, und setzte ihren Weg fort.