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Der Scriptor

Der Gang schien kein Ende zu nehmen. Leonie hatte längst aufgehört, die Schritte zu zählen, die sie zurücklegte, genauso wie sie aufgehört hatte, die Anzahl der Türen zu schätzen, an denen sie vorüberkam. In Wahrheit dauerte es nicht einmal annähernd so lange, wie es ihr vorkam, doch sie hatte das Gefühl, Stunden unterwegs zu sein, als es vor ihr endlich wieder hell wurde. Sie war keinen weiteren Kapuzenmännchen begegnet und auch keinem von ihren größeren Vettern. Leonie war sehr froh darüber. Sie glaubte nicht, dass ihre lächerliche Verkleidung einem auch nur etwas genaueren Hinsehen standgehalten hätte. Die schwarze Kutte reichte ihr nicht einmal ganz bis zu den Knöcheln, und sie war überhaupt nicht sicher, ob die Kapuze ihr Gesicht ausreichend verbarg.

Leonie hatte es nicht gewagt, noch eine weitere Tür zu öffnen, obwohl sie vor Neugier beinahe platzte. Keine Tür sah aus wie die andere, obwohl sie sich gleichzeitig alle irgendwie zu ähneln schienen. Das Einzige, auf das sie überall stieß, waren die fremdartigen goldenen Schriftzeichen. Nur einmal erhaschte sie einen Blick auf einen Raum, dessen Tür nicht ganz geschlossen war. Er schien vollkommen leer zu sein, aber etwas warnte sie so intensiv davor, ihn zu betreten, dass sie es nicht wagte, auch nur einen Fuß durch die Tür zu setzen, sondern rasch weiterging. Und endlich wich das Licht nicht mehr vor ihr zurück. Der leuchtende graugrüne Nebel begann sich zu verdichten und nahm Gestalt an. Vor ihr lag ein weiterer ummauerter Durchgang, und Leonies Schritte wurden automatisch langsamer. Sie wappnete sich innerlich dagegen, wieder in einen bodenlosen Abgrund zu blicken.

Diese Befürchtung erwies sich als nicht ganz unberechtigt, wurde aber auch nicht hundertprozentig erfüllt. Diesmal trat sie nicht auf eine schmale Treppenstufe hinaus, sondern auf eine - allerdings auch nicht sehr viel breitere - Galerie, die von einem gerade mal oberschenkelstarken steinernen Geländer begrenzt wurde und in beide Richtungen verlief, so weit der Blick reichte. Der Balkon wies eine leichte Krümmung auf, sodass Leonie annahm, dass er sich um einen gewaltigen kreisrunden Raum erstreckte. Wie groß er genau war, konnte sie nicht sagen, denn die gegenüberliegende Wand lag in so weiter Entfernung, dass sie nur noch zu erahnen war. Sowohl darüber als auch darunter erstreckten sich weitere kreisrunde Galerien. Es mussten Dutzende sein, wenn nicht mehr. Und noch ungleich größer war die Anzahl der Türen, die auf diese Galerien hinausführten.

Leonie trat mit klopfendem Herzen an die steinerne Brüstung und beugte sich vor. Sie konnte tatsächlich einen Boden erkennen, aber er lag so tief unter ihr, dass sie nur verschwommene Schemen sah; und einen vagen Eindruck von wuselnder Bewegung hatte.

Ihr Ziel lag irgendwo dort unten. Das Gefühl, das sie hierher geleitet hatte, war wieder da und es war sogar stärker geworden. Leonie war nach wie vor nicht mehr vollkommen sicher, dass es tatsächlich die Gegenwart ihrer Eltern war, die sie spürte (um ehrlich zu sein, wurden die Zweifel sogar immer stärker), aber was sollte es sonst sein?

So oder so: Sie musste dort hinunter.

Leonie sah sich unbehaglich um. Die Galerie verlor sich in beiden Richtungen in grüngrauer Unendlichkeit, aber ihre Augen hatten sich mittlerweile an das schummrige Licht gewöhnt. In einiger Entfernung schien eine Treppe zum nächstunteren Stockwerk hinabzuführen und von dort aus - wenn auch um ein gutes Stück versetzt - die nächste weiter nach unten. Viel langsamer, als es nötig gewesen wäre, ging sie zu der Treppe. Als sie noch einmal zögerte und sich in die Richtung umdrehte, aus der sie gekommen war, musste sie sich selbst eingestehen, dass sie jetzt wohl endgültig die Orientierung verloren hatte.

Hinter ihr lagen mindestens zwei Dutzend Türen, die auf die Galerie hinausgingen, und alle sahen vollkommen gleich aus, und die Tunnel, in die sie führten, waren ebenfalls absolut identisch.

Leonie erschrak nicht einmal mehr wirklich. Wäre sie ehrlich zu sich selbst gewesen, dann hätte sie sich schon vor Stunden eingestehen müssen, dass sie längst die Orientierung verloren hatte; schon draußen im runden Treppenschacht, durch den sie heruntergekommen war. Sie konnte einfach nur darauf vertrauen, dass sie das unheimliche Gefühl, das sie bis hierher geführt hatte, auch wieder hinausbringen würde. Jetzt gab es jedenfalls nur noch eine Richtung: nach unten. Sie machte sich entschlossen auf den Weg.

Er war länger, als sie erwartet hatte. Die Galerien lagen jeweils etwa fünf oder sechs Meter untereinander, aber sie musste ein gutes Dutzend Treppen überwinden, bis sie dem Boden auch nur nahe genug gekommen war, um Einzelheiten zu erkennen.

Unter ihr erstreckte sich ein wahrhaft gigantischer Saal mit schwarzweiß gefliestem Boden. So weit ihr Blick reichte, waren dort niedrige, schräge Pulte Reihe um Reihe, an denen Gestalten in schwarzen Kapuzenmänteln standen, die mit altertümlichen Federn in großformatige Bücher schrieben - Bücher, die dem ähnelten, das Leonie unter dem Arm trug. Ein dunkles, an- und abschwellendes Raunen und Murmeln lag über der unheimlichen Szenerie wie das Geräusch ferner Meeresbrandung, aber auf schwer zu beschreibende Weise bedrohlicher. Andere, viel kleinere Gestalten in schwarzen Kapuzenmänteln flitzten emsig zwischen den Stehpulten hin und her, trugen Pergamentrollen und Papierstapel, füllten Tintenfässer auf und tauschen abgenutzte Federn aus, und manchmal mühten sich auch zwei oder drei von ihnen zugleich mit einem der großen Bücher ab, offensichtlich wenn es voll geschrieben war, oder brachten einen leeren Band zu einem der Stehpulte.

Das Ganze sah aus wie der größte Schreibsaal der Weltgeschichte, nur dass es hier keine Computer oder elektrischen Schreibmaschinen gab, sondern altmodische Stehpulte, an denen kindsgroße Gestalten in schwarzen Kapuzenmänteln standen. Leonie konnte die Gesichter unter den spitzen Kapuzen nicht erkennen (sie war nicht böse darüber), aber sie vermutete, dass sie dem Scriptors ähnelten, der hoffentlich immer noch oben im Schrank eingesperrt war und tief und fest schlief. Und auch von ihrem Wesen her schienen sich die Kapuzenmänner nicht sonderlich voneinander zu unterscheiden. Als einer der Knirpse offensichtlich nicht schnell genug beim Auffüllen eines leeren Tintenfasses war, spießte ihn Scriptors Kollege kurzerhand mit seinem Federkiel auf und schrieb mit seinem Blut weiter.

Leonie nahm entschlossen die letzte Treppe in Angriff. Bisher war sie keinem der Kapuzenträger direkt begegnet, aber sie begann doch Hoffnung zu schöpfen, dass ihre Verkleidung bestehen würde. Die Schreiber schienen so auf ihre Arbeit konzentriert zu sein, dass sie praktisch keine Notiz von dem nahmen, was um sie herum vorging.

Sie verstärkte den Griff um ihr Buch, senkte den Kopf gerade weit genug, dass es nicht auffiel, und marschierte mit energischen Schritten los. Ihr Ziel lag auf der anderen Seite der Halle, das war alles, was sie wusste.

Ihre Hoffnung schien sich tatsächlich zu erfüllen. Zwar blickte der eine oder andere von Scriptors Kollegen flüchtig auf, als sie an ihm vorüberging, aber niemand sah auch nur ein zweites Mal in ihre Richtung. Die schwarz vermummten Gestalten waren voll und ganz mit ihren Schreibarbeiten beschäftigt.

Leonie versuchte einen verstohlenen Blick in die aufgeschlagenen Bücher zu werfen. Es gelang ihr auch, aber viel schlauer war sie hinterher nicht. Die Federkiele der Kapuzenmänner huschten so schnell über das Papier, dass sie zu verschwimmen schienen, und füllten Seite um Seite mit akribischen, fast mikroskopisch kleinen Buchstaben; viel zu winzig, um sie aus einer Entfernung von mehr als einem Meter entziffern zu können.

Weiter und weiter ging sie zwischen den dicht an dicht aufgestellten Stehpulten hindurch. Sie hatte geahnt, dass der Saal riesig sein würde, aber er schien noch viel größer zu sein, als sie befürchtet hatte. Irgendwann gab es einen Moment, in dem sie die Wände in keiner Richtung mehr sehen konnte. Ihr Rücken hatte längst zu schmerzen begonnen und das Buch unter ihrem rechten Arm wurde immer schwerer. Erst nach einer halben Ewigkeit tauchte die gegenüberliegende Wand wieder vor ihr auf; in so weiter Entfernung, dass Leonie nur mit Mühe ein entsetztes Aufstöhnen unterdrücken konnte.