Auch auf dieser Seite erstreckten sich die Galerien ins Unendliche, aber es gab dennoch einen Unterschied zwischen ihnen und jener Galerie, über die Leonie den Schreibsaal betreten hatte: Die Anzahl der Kapuzenmännchen, die ihr entgegengekommen war, hatte langsam, aber beständig zugenommen, sodass sie mittlerweile durch einen regelrechten Strom handgroßer Gestalten watete, der zu ihren Füßen herumwuselte. Obwohl etliche von ihnen unter der Last der Papierstapel, Tintenfässer, Sandstreuer und anderer Schreibutensilien, die sie trugen, schwankten, berührten sie sie kein einziges Mal. Offensichtlich sorgte der schwarze Mantel, in den Leonie sich gehüllt hatte, für gehörigen Respekt. Leonie war es nur recht. Dass sie bisher nicht entdeckt worden war, glich ohnehin einem kleinen Wunder, aber es war schlechterdings unmöglich, dass ihre Tarnung einem direkten Zusammenprall standhielt. So gab sie sich auch ihrerseits alle Mühe, einem Zusammenstoß auszuweichen, aber ihr wurde schon nach wenigen Augenblicken klar, dass sie dadurch gerade Aufmerksamkeit erregte. Keiner der anderen Kapuzenmänner in ihrer Nähe nahm auch nur eine Spur Rücksicht auf seine kleineren Kopien. Wer nicht schnell genug auswich, fing sich einen Tritt ein, so einfach war das.
Endlich näherte sie sich der jenseitigen Wand des Schreibsaales und damit auch der Stelle, an der der Strom der Winzlinge seinen Ursprung hatte. Sie quollen aus buchstäblich Hunderten von Türen, hinter denen eng gewendelte Steintreppen steil in die Tiefe hinabführten. Die Ahnung, der Leonie noch immer folgte wie der Nadel eines unsichtbaren Kompasses, wurde an dieser Stelle etwas vage, aber sie ging einfach weiter. Möglicherweise führten ja alle diese Tunnel in die richtige Richtung.
Zuerst einmal führten sie alle nach unten und in ein wahres Labyrinth von Gängen und Stollen, die sich immer weiter verzweigten, kreuzten und aufteilten. Leonie kam an riesigen Katakomben vorbei, die bis unter die Decke mit Pergamentrollen voll gestopft waren, gewaltigen Sälen, die nichts anderes enthielten als Tinte: Tinte in gewaltigen Fässern, Tinte in Bottichen, Tinte in Karaffen und schließlich Tinte in kleinen irdenen Tintenfässchen, die von Hunderten Kapuzenmännchen an einem endlosen Tisch abgefüllt und sorgsam verkorkt wurden. Das hier unten musste wohl das Materiallager des Schreibsaales sein, dessen Größe entsprechend beeindruckend war. Aber sie war noch nicht am Ziel. Sie musste weiter nach unten, sehr viel weiter.
Allmählich wurde ihr warm unter dem gestohlenen Umhang, und der Fetzen stank so erbärmlich, dass ihr übel zu werden drohte. Darüber hinaus war ihr klar, dass Scriptor mittlerweile einfach wach geworden sein musste. Vermutlich war er jetzt schon auf dem Weg hierher und schrie Zeter und Mordio. Nur gut, dass diese unheimliche unterirdische Anlage so ungeheuer groß war!
Es wurde wärmer, je tiefer sie kam. Ein sonderbarer süßlicher Geruch hing in der Luft, nicht unbedingt unangenehm, aber penetrant, und bald hörte sie ein anderes Geräusch, das sich in das Getrappel, Wispern, Rauschen und Zischen mischte und die Gänge des Labyrinths erfüllte: ein dumpfes, langsames Pochen und Wummern, wie das Arbeitsgeräusch einer sehr großen, behäbigen Maschine. Schließlich ging sie eine letzte gewendelte Treppe hinab und gelangte in einen Raum, der gut als Vorhof der Hölle durchgegangen wäre.
Er war nicht so gigantisch wie der Schreibsaal, aber immer noch riesig. Die Decke, die von gewaltigen gemauerten Säulen getragen wurde, befand sich mindestens zwanzig Meter über ihrem Kopf, und ein wahres Gewirr von Trägern, Balken und Schienen aus rostigem Metall zog sich darunter entlang wie das Netz einer titanischen, verrückt gewordenen Spinne. Anders als der Schreibsaal herrschte in diesem Raum ein reines Chaos. Die Luft war rot vom Widerschein zahlloser Feuer, die unter gewaltigen gusseisernen Kesseln brannten, und der süßliche Geruch war hier so stark, dass er ihr fast den Atem nahm. Zwischen den Kesseln standen riesige, altertümlich anmutende Maschinen, deren Zweck sie nicht erriet, und zum ersten Mal sah sie auch Wesen, die keine schwarzen Kapuzenmäntel trugen und entweder so groß waren wie ein zehnjähriges Kind oder so klein wie eine Hand. Aber sie konnte nicht sagen, um was für Geschöpfe es sich handelte.
Menschen waren es jedenfalls nicht.
Eine Sorte war kaum größer als Scriptor, aber ihre Vertreter waren so massig, dass sie fast quadratisch wirkten. Ihre Gesichter sahen eher aus wie die von Bulldoggen als die von Menschen, und da sie bis auf grobe, wollene Kniehosen nackt waren, konnte Leonie die Ehrfurcht gebietenden Muskelpakete sehen, die ihre stämmigen Körper bedeckten. Sie musste daran denken, wie leicht es ihr gefallen war, Scriptor auszuknocken, vermutlich würde es einem von diesen Muskelzwergen noch weniger Mühe bereiten, sie einfach in zwei Teile zu brechen.
Es gab noch andere, noch unheimlichere Geschöpfe. Riesige gepanzerte Kreaturen, deren Leiber sich unter Plattenrüstungen, schwarzem Leder und zerschrammtem Eisen verbargen und die mit langen mehrschwänzigen Peitschen und wuchtigen Keulen bewaffnet waren. Leonie nahm an, dass es sich um eine Art Aufseher handelte, denn sie gingen keiner sichtbaren Tätigkeit nach, sondern schlenderten scheinbar ziellos umher und blieben nur manchmal stehen, um ihre Peitschen knallen zu lassen oder einen der Muskelzwerge anzufahren, die die Maschinen bedienten. Leonie war sehr froh, dass sie die Gesichter hinter den schwarzen Metallmasken nicht sehen konnte; Gesichter von Wesen, die das Wort Brutalität offensichtlich erfunden hatten - sie beobachtete einen der Knirpse, der das Pech hatte, unter die Füße der Aufseher zu geraten und einfach zerquetscht wurde. Und einmal machte eine ganze Gruppe dieser Winzlinge einem der riesigen Geschöpfe nicht schnell genug Platz, denn das Wesen bückte sich, ergriff eine ganze Hand voll von ihnen und warf sie in hohem Bogen in einen der Kessel. Leonie unterdrückte ein eisiges Frösteln. Ganz gleich, was diese sonderbaren Geschöpfe auch sein mochten, ein Leben schien hier unten nicht besonders viel wert zu sein.
Während sie rasch und scheinbar unbeeindruckt zwischen den gewaltigen Maschinen, Kesseln und Schienensystemen hindurchging, wurde ihr allmählich klar, dass sie sich auf der untersten Ebene der Anlage befand. Hier wurde offensichtlich das Papier hergestellt, aus dem die Pergamentrollen und Bücher bestanden, die von den Kapuzenmännern weiter oben verteilt wurden. Hatte Scriptor nicht irgendetwas von einem Leimtopf erzählt?
Ziemlich genau in der Mitte der Halle erhob sich eine gewaltige Säule aus schwarzem Stein, in die ein gutes halbes Dutzend niedriger Eisentüren eingelassen war. Leonie steuerte zielsicher darauf zu. Niemand versuchte sie aufzuhalten oder sprach sie an, obwohl ihr nur zu deutlich bewusst wurde, dass sie die Einzige war, die auf den unterirdischen Turm zuhielt. Schließlich hatte sie eine dieser Türen erreicht und drückte entschlossen die geschmiedete Klinke herunter.
Sie rührte sich nicht. Leonie rüttelte daran, aber es war so wie vorhin oben an der Schranktür: Genauso gut hätte sie versuchen können, mit bloßen Händen einen Banksafe aufzubrechen.
Vielleicht funktionierte der Trick ja noch einmal.
»Geh auf!«, sagte Leonie.
Die Tür ging auf.
»Na also«, bemerkte Leonie zufrieden. »Geht doch.« Sie warf noch einen vorsichtigen Blick nach rechts und links, dann ergriff sie ihr Buch fester und trat durch die Tür hindurch. Sie war so niedrig, dass sie sich bücken musste, und das erwies sich als großes Glück, denn der Raum, den sie betrat, war nicht leer. Er war so klein, dass er gerade mal einem der niedrigen Stehpulte Platz bot, wie sie sie schon oben gesehen hatte. Auch hinter diesem Pult stand ein hakennasiger Zwerg in einer schwarzen Kutte, der seine Kapuze allerdings zurückgeschlagen hatte, sodass sie sein Gesicht sehen konnte. Er war noch hässlicher als Scriptor, falls das überhaupt möglich war.