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»Kommt rein, kommt rein!« Der Gnom wedelte unwillig mit einer fleckigen, dürren Hand. »Was wollt Ihr hier, Scriptor, ich habe zu tun. Also tragt Euer Anliegen vor und stehlt mir nicht meine Zeit!«

Leonie war im ersten Moment verwirrt. Woher wusste der Gnom Scriptors Namen? An diesem Mantel war nichts, was zur Identifizierung seines legitimen Besitzers dienen konnte. Aber vielleicht war Scriptor ja auch gar kein Name, sondern eine Art Dienstrang.

Trotz dieser Erkenntnis war sie in arger Verlegenheit. Der Gnom erwartete noch immer eine Antwort von ihr, und seine Miene verdüsterte sich zusehends, als sie nicht schnell genug kam. »Habt Ihr Eure Zunge verschluckt, oder seid Ihr eigens hierher gekommen, um mir meine Zeit zu stehlen, Scriptor?«, giftete er, beantwortete seine Frage aber auch gleich selbst. »Ihr bringt das Inventarium, nehme ich an? Ist es schon wieder so weit?« Er kam um den Tisch herumgetrippelt, riss Leonie das Buch unter dem Arm weg, bevor sie auch nur richtig begriff, was er von ihr wollte, und klappte es auf.

»Was ist das?«, japste er. »Das ist doch nicht...«

»Nein«, sagte Leonie, »ist es nicht.« Sie schlug die Kapuze zurück und weidete sich einen Moment lang an dem Ausdruck blanken Entsetzens auf dem faltigen Gesicht des Scriptors. Der Gnom setzte dazu an, etwas zu sagen, aber Leonie brachte ihn dazu, sich das noch einmal zu überlegen, indem sie kurzerhand den Arm ausstreckte und ihn an seiner dürren Gurgel packte. »Ich an deiner Stelle wäre jetzt ganz still«, sagte sie. »Sind wir uns da einig? Ich will dir nichts tun, aber ich möchte auch nicht, dass du deine Freunde rufst. Hast du verstanden?«

Der Scriptor hätte möglicherweise sogar geantwortet, wenn er es nur gekonnt hätte. Er war jedoch nur dazu fähig, mit den Füßen zu strampeln und hektisch mit beiden Händen auf seinen Hals zu deuten. Leonie ließ ihn los.

Der Scriptor hustete, taumelte rücklings gegen sein Stehpult und krümmte sich, heftig um Atem ringend. »Oh«, keuchte er. »Oh, oh! Du... du bist ja so...«

»Grob, ich weiß«, sagte Leonie. »Es tut mir Leid« - das war gelogen - »aber ich dachte, das wäre der normale Umgangston hier unten.«

Immer noch keuchend richtete sich der Scriptor auf und funkelte sie feindselig aus seinen hervorquellenden Augen an. »Hässlich, wollte ich eigentlich sagen«, zischte er. »So etwas Hässliches wie dich habe ich ja noch nie gesehen! Was willst du hier?«

Das war eine gute Frage. Leonie hätte selbst eine Menge darum gegeben, die Antwort darauf zu wissen. Den ganzen Weg hier herunter war sie nur ihrem Gefühl gefolgt, aber allmählich gestand sie sich ein, dass es sie möglicherweise getrogen hatte. Hier in dieser winzigen Kammer waren ihre Eltern jedenfalls nicht.

Sie beantwortete die Frage des Scriptors nicht, sondern warf ihm nur einen drohenden Blick zu und umrundete mit zwei schnellen Schritten das Stehpult, um einen Blick in das aufgeschlagene Buch zu werfen, das dort lag.

»Was tust du da?«, kreischte der Scriptor. Er versuchte sie zurückzureißen, aber seine Kraft reichte nicht einmal annähernd. Leonie blätterte ungerührt weiter, während der keifende Gnom immer verzweifelter an ihrem Arm zerrte und riss. »Das darfst du nicht!«, schimpfte er. »Solche wie dich geht das Inventarium nichts an! Niemanden geht es etwas an!«

Leonie ignorierte ihn. Sie blätterte langsam weiter in dem Buch, aber was sie sah, schien einfach keinen Sinn zu ergeben, oder vielleicht doch, aber es war einer, der sich ihr nicht offenbarte. Da standen Namen, nicht alphabetisch, sondern scheinbar willkürlich geordnet, und jeder einzelne Name war mit einer langen Kombination von Buchstaben und Zahlen versehen, die ihr noch unverständlicher vorkamen. Ebenso gut hätte sie das Telefonbuch einer Großstadt durchblättern können.

Der Scriptor hörte endlich auf, sinnlos an ihrem Arm herumzuzerren und änderte seine Taktik: Er grub seine Zähne so tief in Leonies Hand, dass sie vor Schmerz aufheulte. Sein Pech war nur, dass Leonie ganz instinktiv reagierte: Sie versetzte ihm eine schallende Ohrfeige, die ihn quer durch den Raum fliegen ließ.

»Das wirst du bereuen«, keuchte er. »Niemand schnüffelt ungestraft in meinem Hauptbuch! Du wirst im Leimtopf landen, genau wie die anderen!«

»Welche anderen?« Leonie war mit einem einzigen Schritt neben dem Scriptor, der gerade versuchte sich irgendwie in die Höhe zu arbeiten. Leonie nahm ihm die Arbeit ab, indem sie ihn unsanft im Nacken ergriff und auf die Füße zerrte. »Welche anderen?«, wiederholte sie.

Der Scriptor starrte sie nur trotzig an und Leonie zerrte ihn noch ein gutes Stück weiter in die Höhe und begann ihn dann zu schütteln wie eine nasse Katze. »Also?«

»Da... Da... Da waren schon andere wie du«, stammelte der Scriptor hastig.

»Andere wie ich?« Vielleicht war sie hier doch nicht ganz so falsch. Möglicherweise hatte ihr Gefühl sie ja nur auf Umwegen hierher geleitet. Sie schüttelte den Scriptor noch einmal.

»Ich... ich habe sie selbst nicht gesehen«, keuchte der Gnom. »Aber alle sprechen von ihnen. Man sagt, sie wären genauso hässlich gewesen wie du. Grausige Monster, bei deren Anblick es einem kalt über den Rücken läuft, und...«

Leonie schüttelte ihn noch einmal und der Scriptor verstummte mit einem schrillen Quietschen. »Was ist aus ihnen geworden?«, fragte sie.

»Was soll aus ihnen geworden sein?«, ächzte der Scriptor. »Die Aufseher haben sie erwischt, so wie sie alle erwischen, die hier nichts zu suchen haben!«

»Die Aufseher? Du meinst die großen Kerle in den schwarzen Rüstungen?«

»Natürlich, wen denn sonst? Du bist anscheinend genauso dumm, wie du hässlich bist, und...«

Leonie drückte noch ein wenig fester zu und der Scriptor quietschte. »Ja«, ächzte er, nachdem er wieder Luft bekam.

»Die Aufseher haben sie also erwischt«, sagte Leonie. Allein die Vorstellung, dass sich ihre Eltern in der Gewalt dieser grässlichen Kreaturen befanden, schnürte ihr schier die Kehle zu. »Wo haben sie sie hingebracht?«

»Wohin schon«, kicherte der Scriptor. »Sie landen im Leimtopf, wie alle, die...«

»Wo finde ich ihn?«, unterbrach ihn Leonie.

»Den Leimtopf?« Der Scriptor ächzte. »Du bist nicht nur hässlich, du bist auch noch verrückt. Niemand geht freiwillig dorthin.«

»Ich schon«, sagte Leonie grimmig. »Und weißt du was? Du wirst mir den Weg zeigen!«

»Ich?!« Der Scriptor kreischte fast.

»Siehst du hier sonst noch jemanden?«, fragte Leonie. »Du kennst den Weg und ich nicht. Also sind wir uns einig, oder etwa nicht?«

»Ich denke ja nicht daran!«, kreischte der Scriptor. »Sie werden mich in den Leimtopf werfen, wenn ich auch nur...«

Leonie schüttelte ihn ungefähr zwanzig Sekunden lang und der Scriptor fuhr mit etwas lauterer Stimme fort: »Auf der anderen Seite ist es ja dein Hals, den du riskierst. Ich könnte dir zumindest den Weg erklären.«

»Wenn du versuchst mich reinzulegen, wirst du es bereuen«, drohte Leonie. »Ein falsches Wort, und du wirst dir noch wünschen, es nur mit den Aufsehern zu tun zu haben!«

»Wenn du meinst«, grinste der Scriptor.

Leonie schüttelte ihn rein prophylaktisch ein weiteres Mal durch, aber sie gestand sich insgeheim ein, dass der Scriptor Recht hatte. Sobald sie aus dieser Kammer herauskam, war sie dem Gnomen praktisch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er musste nur einen einzigen Schrei ausstoßen und sie war verloren.

Nachdenklich sah sie sich in der winzigen Kammer um. Abgesehen von Scriptors Stehpult war der Raum vollkommen leer und auch auf dem Pult lag nur das aufgeschlagene Buch. Leonie betrachtete es aufmerksam, dann hellte sich ihr Gesicht auf. Das Buch hatte ein Lesebändchen, breit wie zwei nebeneinander gelegte Finger und aus einem dünnen Leinengewebe geflochten. Leonie riss es kurzerhand ab.