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Der Scriptor schrie, als hätte man ihm bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen, und nahm Leonie die Mühe ab, sich zu ihm zu begeben, indem er sich mit erhobenen Armen auf sie stürzte und mit den Fäusten auf ihren Rücken einhämmerte. »Bist du wahnsinnig!«, kreischte er. »Was tust du da? Willst du meine ganze Arbeit zunichte machen, du hässliches Ungeheuer?«

Leonie ignorierte ihn. Das Lesebändchen war für das, was sie damit im Sinn hatte, zu kurz, also begann sie es aufzuribbeln. Der Scriptor heulte auf, als hätte sie damit begonnen, dasselbe mit ihm zu tun, hörte auf, sie zu schlagen, und versuchte stattdessen, sie zu würgen - und das war eindeutig zu viel. Leonie fuhr auf dem Absatz herum, packte den keifenden Gnomen mit der linken Hand am Kragen und schlang ihm mit der anderen das Ende der selbst gebastelten Leine um den Hals.

»Was...?«, ächzte der Scriptor. Der Rest der Frage ging in einem erstickten Keuchen unter, als Leonie unsanft an dem dünnen Goldbändchen riss.

»Das«, sagte Leonie betont, »geschieht dir jetzt jedes Mal, wenn du nicht spurst. Hast du das verstanden?« Sie zerrte noch einmal an dem Strick, als die erwartete Antwort nicht schnell genug kam, und erntete ein hastiges Nicken.

»Gut«, fuhr sie fort. Mit der freien Hand deutete sie auf die Tür. »Wir gehen jetzt hinaus und du wirst mich dorthin bringen, wo die anderen gefangen gehalten werden. Wenn du um Hilfe schreist oder mich in die Irre zu führen versuchst oder mich irgendwie sonst reinlegst, reiße ich dir den Kopf ab, ist das klar?«

Der Scriptor nickte wieder hastig. Leonie kam sich ziemlich gemein vor, den hilflosen Gnomen derart zu bedrohen. Natürlich würde sie ihm weder den Kopf abreißen noch ihm sonst etwas zuleide tun (jedenfalls nicht viel), aber das musste sie diesem keifenden Zwerg ja nicht unbedingt auf die Nase binden, oder? Nach allem, was sie in den letzten Stunden beobachtet und miterlebt hatte, herrschte hier unten ohnehin ein reichlich grober Umgangston. Sie bezweifelte, dass das Wort Freundlichkeit auch nur zum Sprachschatz der Scriptoren gehörte.

Leonie wickelte sich das freie Ende ihrer improvisierten Leine um die rechte Hand und schlug mit der anderen die Kapuze wieder hoch. »Also los!«

Der Scriptor begann am ganzen Leib zu zittern. »Aber das... das... das geht doch nicht!«, wimmerte er. »Das können wir nicht tun. Wir dürfen nicht dorthin. Sie werden uns erwischen und wir landen...«

»... im Leimtopf, ich weiß«, unterbrach ihn Leonie grob - und riss mit einem unsanften Ruck an seiner Leine, der den Scriptor fast auf die Knie warf. »Ich bin schon ganz gespannt darauf. Los!«

Der Scriptor massierte seinen schmerzenden Hals und warf ihr noch einen giftigen Blick zu, aber er leistete keinen Widerstand mehr, sondern wandte sich gehorsam zur Tür und öffnete sie. Flackerndes rotes Licht und der durcheinander hallende Lärm der Arbeiter und Maschinen drangen zu ihr herein, und ein sonderbares Gefühl ergriff von Leonie Besitz, als sie ins Freie traten. Im allerersten Moment hielt sie es für Furcht - und es war wohl auch ein Gutteil Furcht dabei -, aber dann verstand sie, dass es eher das intensive Gefühl war, einen Fehler zu begehen.

Sie unterdrückte das Gefühl. Bisher hatte sie gar keine andere Wahl gehabt, als auf Gedeih und Verderb der eher vagen Ahnung zu folgen, die sie leitete. Aber nun hatte sie eine konkrete Spur, die sie möglicherweise zu ihren Eltern führen würde - oder auch direkt in den Leimtopf, was immer das war.

Sie ging so dicht wie möglich hinter dem Scriptor her, damit niemand die Leine sah, die sie mit ihrem unfreiwilligen Führer verband, und musste Acht geben, ihm nicht in die Hacken zu treten. Wie auf dem Weg hierher schien niemand Notiz von ihnen zu nehmen, nicht einmal die riesigen gepanzerten Aufseher, die mit Argusaugen über alles wachten, was sich hier regte. Und sie waren nicht zimperlich. Mehr als einer der winzigen Kapuzenmänner wurde unter ihren gewaltigen Füßen zerquetscht. Und Leonie beobachtete einen Aufseher, der sich anscheinend einen Spaß daraus machte, etliche der Knirpse zu nehmen und in hohem Bogen in die brodelnden Kessel zu werfen.

»Dasselbe wird uns auch passieren«, jammerte der Scriptor.

»Warum seid ihr so brutal zu den Kleinen?«, fragte Leonie. Das erschien ihr ratsamer, als zu intensiv über die Prophezeiung des Scriptors nachzudenken. »Ihr könnt sie doch nicht einfach so umbringen!«

»Umbringen?« Der Scriptor warf ihr einen Blick zu, der deutlich machte, dass er an ihrem Verstand zweifelte. »Wieso umbringen? Das sind doch nur Schusterjungen.«

»Schusterjungen?« Leonie hätte beinahe über dieses Wort gelächelt, aber eben nur beinahe. Es mochte komisch klingen, doch sie hatte das sichere Gefühl, dass es in Wahrheit etwas vollkommen anderes bedeutete, als sie darunter verstand. »Also, ich finde sie sehen euch Scriptoren ähnlich - bis auf die Größe, versteht sich.«

»Eben!«, sagte der Scriptor. »Wo kämen wir hin, wenn sie alle zu Scriptoren würden? Stell dir nur das Gedränge vor!«

»Soll das heißen«, ächzte Leonie. »Das diese... Schusterjungen junge Scriptoren sind? Und ihr bringt sie reihenweise um?!«

»Nur die Besten schaffen es«, bestätigte der Scriptor. Etwas leiser und mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme fügte er hinzu: »Die Allerbesten.«

»Aha«, murmelte Leonie.

Der Scriptor sah sie nur verständnislos an. »Macht ihr das da, wo du herkommst, mit euren Jungen etwa anders?«

»Ein wenig«, antwortete Leonie ausweichend.

»Ich hab’s gewusst«, sagte der Scriptor hämisch. »Ihr seid nicht nur hässlich, ihr seid auch verrückt.«

»Mag sein«, erwiderte Leonie. Sie zupfte unsanft an der Leine. »Besser, du merkst dir das. Geh schneller!«

Langsam näherten sie sich der gegenüberliegenden Wand der Halle, wo es nur noch ein einziges, allerdings monumental großes Tor aus schwarzem Eisen gab, das tiefer in die Erde hineinführte. Zwei gewaltige Aufseher flankierten das Tor; sie standen so reglos, dass Leonie sie im ersten Moment für Statuen hielt.

»Und nun?«, giftete der Scriptor. »Ich meine: Nur falls du mir nicht zugehört haben solltest - wir können da nicht durch. Nur Aufseher und Schriftführer können dieses Tor öffnen.«

»Das wird sich zeigen«, antwortete Leonie gereizt. Sie ging - scheinbar - unbeeindruckt weiter, aber sie fragte sich in Wirklichkeit mit wachsender Verzweiflung, was sie tun sollte, wenn ihr Sesam-öffne-dich-Trick bei dieser Tür nicht funktionierte. Sie konnte die Gesichter der beiden Aufseher nicht erkennen, denn sie waren hinter schwarzen Eisenmasken verborgen, in denen es nur schmale Sehschlitze gab, aber sie glaubte, ihre misstrauischen Blicke fast wie die Berührung einer unangenehm warmen Hand auf sich zu spüren. Erneut wurde ihr schaudernd bewusst, wie riesig die monströsen Geschöpfe waren: bestimmt zwei Meter groß, wenn nicht mehr, und dabei so breitschultrig, dass sie schon fast missgestaltet wirkten. Sie konnte sich ungefähr vorstellen, wie die beiden Aufseher reagieren würden, wenn sie vergeblich versuchte diese Tür zu öffnen.

»Wir werden im Leimtopf landen«, jammerte der Scriptor. »Ich kann schon spüren, wie mir das Fleisch von den Knochen gekocht wird.«

»Du wirst dir noch wünschen, im Leimtopf zu landen, wenn du nicht gleich die Klappe hältst«, zischte Leonie. Sie versetzte dem Scriptor einen unsanften Stups, damit er schneller ging. Er stolperte fast über die unterste Stufe der kurzen Treppe, die zu der wuchtigen Eisentür hinaufführte, fing sich dann aber im letzten Moment wieder und ging mit gesenktem Kopf weiter. Auch Leonie sah zu Boden, versuchte aber, die Aufseher so unauffällig wie möglich im Auge zu behalten. Einer der muskelbepackten Kolosse rührte sich nicht, aber der andere, der links von ihr stand, drehte langsam den Kopf in ihre Richtung. Leonies Herz raste jetzt wie ein kleines Hammerwerk in ihrer Brust. Es gab keinen Griff, keinen wie auch immer gearteten Öffnungsmechanismus. Nichts! Die Tür war glatt. Eine nahezu fugenlose Platte aus schwarzem Eisen, deren einziger Schmuck eine stilisierte, tief eingravierte Feder war. Leonie sah nicht hin, aber sie konnte spüren, wie sich der Aufseher vollends zu ihr hindrehte und aus seiner Erstarrung erwachte.