»Geh auf«, flüsterte sie. Die Tür rührte sich nicht. Der Aufseher machte einen einzelnen Schritt in ihre Richtung. Der Boden erbebte nicht wirklich unter seinen Füßen, aber es kam Leonie so vor. Sie konzentrierte sich und sagte noch einmal mit lauterer, klar verständlicher Stimme: »Geh auf!«
Ein dumpfes, hartes Klacken erscholl, ein Geräusch, als raste irgendwo tief unter der Erde ein gewaltiger Riegel ein, und die Tür sprang auf. Ein haarfeiner Spalt bildete sich, der quälend langsam breiter wurde.
Der Aufseher machte einen weiteren Schritt auf sie zu. »He da!«, grollte er. »Was macht ihr da?«
Die Tür glitt mit einem schweren eisernen Knirschen weiter auf, beständig, aber immer noch unerträglich langsam. Zu langsam. Der Spalt war jetzt vielleicht so breit wie eine Hand, und der Aufseher machte einen weiteren Schritt. »Was ihr da treibt, habe ich gefragt! Ihr zwei habt hier nichts verloren!«
Der Spalt wurde breiter; dahinter kamen die gemauerten Wände eines finsteren Ganges zum Vorschein, der von dunkelrot blakenden Fackeln in ein düsteres Licht getaucht wurde.
»Aufhören!«, befahl der Aufseher. »Sofort aufhören, habe ich gesagt!«
Leonie sah aus dem Augenwinkel, wie auch der zweite Aufseher aus seiner Erstarrung erwachte und sich langsam in ihre Richtung drehte. Seine Peitsche schleifte mit einem Geräusch über den Boden, das sie an das Zischen einer angreifenden Schlange erinnerte. Der Spalt war noch immer nicht breit genug für sie, aber vielleicht für...
Leonie versetzte dem Scriptor einen Stoß, der ihn durch den Spalt und auf die andere Seite stolpern ließ. Der Zwerg kreischte, schlug der Länge nach hin und schlitterte mit ausgebreiteten Armen über den rauen Boden, und Leonie warf sich mit verzweifelter Kraft nach vorne und versuchte, sich ebenfalls durch den breiter werdenden Spalt zu quetschen.
»He!«, brüllte der Aufseher. Seine Peitsche knallte. Leonie zog instinktiv den Kopf zwischen die Schultern und die Peitschenschnur krachte nur einen Fingerbreit über ihr gegen die Tür, und das mit solcher Wucht, dass die Funken stoben. »Stehen bleiben! Rühr dich nicht von der Stelle!«
Leonie hätte es nicht einmal gekonnt, wenn sie gewollt hätte. Sie hatte sich mit der Kraft der Verzweiflung in den Türspalt geworfen, mit dem Ergebnis, dass sie nun hoffnungslos festsaß. Der Spalt wurde ganz allmählich breiter. Wahrscheinlich dauerte es nur noch zwei oder drei Sekunden, bis er auch für sie breit genug war, um sich hindurchzuquetschen.
Nur dass sie diese zwei oder drei Sekunden nicht hatte.
Leonie schrie vor Entsetzen auf, als die Gestalt des Aufsehers riesig und drohend über ihr emporwuchs. Mit der ungeheuren Kraft, die ihr die Todesangst verlieh, presste sie sich weiter durch den Spalt. Die rauen Eisenkanten der Tür schrammten über ihre Schultern, zerrissen den gestohlenen Umhang und hinterließen tiefe, brennende Kratzer auf ihren Oberarmen. Eine riesige Pfote grapschte nach ihr, hinterließ tiefe Kratzer auf ihrem Rücken und riss ihr die Kapuze vom Kopf - und dann war sie durch, machte einen letzten, ungeschickten Stolperschritt und schlug genau wie der Scriptor der Länge nach hin. Hinter ihr erscholl ein zorniges Brüllen, als sich der Aufseher im buchstäblich letzten Moment um seine schon sicher geglaubte Beute betrogen sah.
Leonie blieb für die Dauer von zwei oder drei schweren Herzschlägen liegen, ehe sie sich ächzend auf den Rücken wälzte und dann aufrichtete. Um ein Haar hätte sie schon wieder vor Entsetzen laut aufgeschrien. Es war noch nicht vorbei. Der Aufseher war ganz offensichtlich nicht gewillt, seine Beute so leicht aufzugeben. Der Spalt war noch nicht einmal annähernd breit genug für ihn, aber er quetschte und drängelte sich herein, so wütend er nur konnte, und seine gewaltige Pranke hatte sich um die Tür geschlossen und riss, zerrte und rüttelte mit aller Gewalt daran. Die Tür zeigte sich davon zwar vollkommen unbeeindruckt, aber sie glitt immer noch Millimeter um Millimeter auf.
»Um Gottes willen!«, keuchte Leonie. »Schluss! Aus! Vorbei!«
Die Tür öffnete sich weiter. Der Aufseher quetschte nun auch seine andere Hand durch den Spalt und versuchte sogar, den Schädel zwischen die Torhälften zu drücken. Leonie richtete sich hastig weiter auf. Ihre Kapuze rutschte endgültig nach hinten und faltete sich in ihrem Nacken zusammen.
Der Aufseher brüllte auf. Leonie konnte sehen, wie sich seine wässrigen Augen hinter den schmalen Sehschlitzen weiteten.
»Guargck!«, brüllte er. »Hässlich! Du bist ja sooo häässlich!«
Brüllend zog er die Arme aus dem Spalt, prallte zurück und schlug die Hände vors Gesicht, und Leonie sprang mit einem Satz endgültig auf die Füße.
»Geh zu!«, befahl sie. Die Tür schloss sich mit einem dumpfen Knall.
»Das war knapp«, keuchte sie. »Eine Minute länger, und...« Sie hob fröstelnd die Schultern, betrachtete die geschlossene Tür mit einem letzten, misstrauischen Blick und drehte sich schließlich um. Sie staunte nicht schlecht, als sie in ein spitzes, abgrundtief hässliches Gesicht blickte, das unter einer halb verrutschten Kapuze zu ihr heraufsah. Der Scriptor hatte sich in eine halb sitzende Position hochgerappelt, saß aber ansonsten genau dort, wo er hingefallen war.
»Wieso bist du nicht weggelaufen?«, fragte Leonie fassungslos.
Der Scriptor verdrehte den Hals und sah sich mit einem übertriebenen Schaudern um.
»Wohin denn?«, fragte er mit weinerlicher Stimme.
»Moment mal«, sagte Leonie. »Soll das jetzt heißen, du... du kennst dich hier gar nicht aus?«
»Habe ich das etwa behauptet?« Der Scriptor hatte noch immer einen weinerlichen Ton in der Stimme, aber er wurde auch schon wieder patzig.
»Du hast gesagt, du kannst mich zu meinen El...« Leonie verbesserte sich hastig. »Zu den anderen führen.«
»Ich habe gesagt, ich weiß, wo man sie hingebracht hat«, nörgelte der Scriptor. »Nämlich durch diese Tür. Was dahinter ist, weiß ich nicht. Niemand weiß das. Kein Scriptor hat diese Tür je durchschritten. Wenigstens keiner, der zurückgekommen ist«, fügte er mit deutlich leiserer Stimme hinzu.
Leonie zog es vor, den letzten Satz nicht gehört zu haben. Sie ging in die Hocke, nahm das Ende des aufgeribbelten Lesebändchens in die Hand, das der Scriptor noch immer um den Hals trug, und sah den hakennasigen Winzling nachdenklich an.
»Gibst du mir dein Wort, keinen Unsinn zu machen, wenn ich dich losbinde?«, fragte sie.
»Klar«, antwortete der Scriptor schnell - für Leonies Geschmack ein kleines bisschen zu schnell.
»Was gilt denn das Ehrenwort eines Scriptors?«, erkundigte sie sich.
»Ehre?« Der Scriptor legte die Stirn in Falten. »Was ist denn das?«
Leonie seufzte. »Ja, das habe ich mir so gedacht.« Sie wog das Ende des goldfarbenen Bandes noch einen Moment in der Hand, ehe sie sich weiter aufrichtete und es mit einem Achselzucken fallen ließ. »Geh einfach vor«, sagte sie.
Der Scriptor blinzelte. Zwei oder drei Sekunden beäugte er sie misstrauisch, dann stand er überhastet auf, streifte die Schlinge über den Kopf und fegte die Leine mit einem Fußtritt davon. Leonie machte eine auffordernde Kopfbewegung, der Scriptor druckste jedoch herum, ohne sich von der Stelle zu rühren.
»Was ist denn noch?«, fragte sie unwillig.
»Ähm... könntest du mir ähm... ähm... einen klitzekleinen Gefallen tun?«, fragte der Scriptor.