»Und welchen?«, erkundigte sich Leonie argwöhnisch.
»Deine Kapuze«, antwortete der Scriptor. »Könntest du sie vielleicht... ich meine... ähm... wieder aufsetzen? Du bist sooo hääässlich.«
Leonie presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und schluckte die wütende Antwort hinunter, die ihr auf der Zunge lag. Mit einem Ruck zog sie sich die Kapuze tief ins Gesicht.
»Danke«, sagte der Scriptor erleichtert.
Leonie schenkte ihm einen giftigen Blick. Sie sagte nichts, aber sie trat mit einem Schritt dicht an den Scriptor heran und zog auch dessen Kapuze mit einem Ruck so weit nach vorne, wie es nur ging.
»Danke, gleichfalls«, knurrte sie.
Dann vergaß sie den Scriptor und konzentrierte sich stattdessen auf den Weg, der sich vor ihr auftat. Der Gang war mindestens zwanzig Meter breit, Wände, Decke und Boden bestanden aus schweren, roh behauenen Steinen und es erging Leonie so wie beim Anblick des monströsen Treppenschachtes: Obwohl sich ihr Blick schon nach ein paar Dutzend Schritten im Nebel verlor, wusste sie irgendwie, dass dieser Korridor buchstäblich endlos war.
Nur etwas war anders. Sie spürte, dass sie nicht mehr auf dem richtigen Weg war. Das unheimliche Gefühl, das sie bis zur Kammer des Scriptors geleitet hatte, war nicht nur nicht mehr da, sondern ganz eindeutig ins Gegenteil umgeschlagen. Aber es gab kein Zurück. Auf der anderen Seite der geschlossenen Eisentür warteten die Aufseher, und mittlerweile bestimmt nicht mehr nur sie.
Sie marschierten eine ganze Weile, bis sie die erste Tür erreichten und wieder stehen blieben. Leonie betrachtete sie misstrauisch. Auch sie bestand aus schwarzem Eisen, aber auf ihr prangte keinerlei Symbol. Es gab auch kein Schloss und keinen Griff.
»Geh auf!«, sagte Leonie. Die Tür ging auf. Dahinter lag ein schmaler Gang, der nach ein paar Schritten zu einer ausgetretenen Steintreppe wurde, die steil in unbekannte Tiefen führte.
»Du willst doch nicht wirklich da hineingehen?«, ächzte der Scriptor.
»Nein«, antwortete Leonie. Ihre Stimme zitterte ganz leicht. »Nicht ich. Wir.«
Der Scriptor ächzte vor Entsetzen, aber Leonie gab ihm keine Gelegenheit, zu widersprechen, sondern versetzte ihm einen derben Schubs, der ihn mehr durch die Tür stolpern als gehen ließ. Sie folgte ihm in so dichtem Abstand, dass sie ihn praktisch vor sich herschob.
»Das ist Wahnsinn«, jammerte der Scriptor. »Wir werden sterben. Dort unten wartet der Leimtopf auf uns, du wirst sehen!«
»Kein Problem«, antwortete Leonie. »Dreh dich einfach um, und du wirst sehen, dass hinter dir etwas noch viel Schlimmeres wartet. Und jetzt halt die Klappe!«
»Oder?«, fragte der Scriptor.
»Oder ich setze die Kapuze ab und zwinge dich, mich die ganze Zeit anzusehen.«
Der Gang wurde schmaler und zugleich auch niedriger. Irgendwo weiter vorne flackerte das Licht der Fackeln stärker und von weither drang ein helles, rhythmisches Klingen an ihr Ohr, wie Hammerschläge. Sie glaubte auch etwas wie ein Stöhnen zu hören und wimmernde Schreie - aber vielleicht spielten ihr ja auch nur ihre Nerven einen Streich.
In regelmäßigen Abständen tauchten jetzt Türen rechts und links von ihnen auf. Auch sie bestanden aus schwarzem Eisen und hatten weder Schloss noch Griff, aber in Kopfhöhe gab es winzige vergitterte Luken. Leonie trat an eine dieser Türen heran und warf einen Blick in den dahinter liegenden Raum. Er war sehr klein und vollkommen leer, aber Leonie sah dennoch etwas, das ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte: In die Wände waren eiserne Ringe eingelassen, an denen rostige, äußerst massive Ketten mit Fuß- und Handfesseln hingen. Bei dem Raum handelte es sich ohne jeden Zweifel um eine Kerkerzelle. Sie war leer und ihrem Aussehen nach zu schließen war sie es auch schon eine geraume Weile, aber das änderte nichts daran, dass ihr der bloße Anblick Angst machte.
»Ich habe es dir gesagt«, nörgelte der Scriptor.
Leonie ging wortlos weiter. Sie sah in keine der anderen Zellen mehr hinein, aber sie zählte die, an denen sie vorüberkamen. Es waren mehr als hundert. Wo um alles in der Welt war sie da nur hineingeraten?
»Und du weißt wirklich nicht, was das hier unten ist?«, fragte sie. Obwohl es keinen Grund dafür gab, hatte sie die Stimme unwillkürlich zu einem Flüstern gesenkt. Und als der Scriptor antwortete, tat er es in derselben Lautstärke.
»Nein. Kein Scriptor ist jemals hier unten gewesen.«
»Aber es gibt doch bestimmt Gerüchte«, meinte Leonie. »Es gibt immer Gerüchte.«
»Nein«, behauptete der Scriptor. »Niemand weiß, was hier unten ist.« Er schüttelte sich. »Niemand wollte es je wissen.«
Das wiederum hatte Leonie gar nicht wissen wollen.
Sie hörte auf, die Zellen zu zählen, aber sie schätzte, dass es mindestens noch einmal die gleiche Anzahl war, bevor sie endlich das Ende des Ganges erreichten. Auch er mündete in eine große runde Höhle; nicht annähernd so gewaltig wie die, durch die sie vorhin gekommen war, aber immer noch riesig. Mindestens ein Dutzend weiterer Gänge führte in diese Höhle. Auch hier gab es gewaltige Apparaturen und Maschinen, riesige, mehr als mannshohe Zahnräder, die sich knirschend drehten, gewaltige Pleuelstangen, von denen Öl tropfte, und titanische Pressen, die sich mit einem dumpfen Wummern herabsenkten und sich ächzend wieder hoben. Leonie sah auch hier die ihr inzwischen bekannten Arbeiter und unter ihnen die riesigen gepanzerten Gestalten der Aufseher. Sie entdeckte keinen einzigen Schusterjungen, aber dafür etliche Scriptoren.
All dem schenkte sie jedoch nur einen flüchtigen Blick, denn das wirklich Unheimliche an dem riesigen Raum war der Boden. Er bestand aus einem weitmaschigen, mit Rost und Schmutz verkrusteten Metallgitter, in das zahlreiche Luken, Klappen und Scharniere eingelassen waren. Darunter lag kein fester Boden, sondern eine zähe bleichgrün schimmernde Flüssigkeit, die ununterbrochen brodelte und zischte. Manchmal durchbrach eine Blase die Oberfläche und platzte, und hier und da stiegen Fetzen eines matt leuchtenden Nebels auf. »Der Leimtopf!«, keuchte der Scriptor. Das hatte sich Leonie fast gedacht. Sie setzte gerade dazu an, eine entsprechende Bemerkung zu machen, als sie etwas sah, das ihr um ein Haar einen entsetzten Schrei entlockt hätte. Zwischen all den Maschinen, Zahnrädern, Pressen und einfach rätselhaften Dingen erhoben sich mannshohe rostige Käfige. Die meisten waren leer, aber in einem von ihnen befanden sich ihre Eltern!
Der Scriptor musste sie wohl im gleichen Augenblick entdeckt haben, denn er zog scharf und erschrocken die Luft durch die Zähne ein. »Beim großen Redigator!«, keuchte er. »Die sind ja noch hässlicher als du!«
Leonie versetzte ihm eine Kopfnuss und der Scriptor enthielt sich vorsichtshalber jeden weiteren Kommentars. Dabei hätte sie ihm nicht einmal so vehement widersprechen können, wie sie es gewollt hätte. Ihre Eltern boten tatsächlich ein Bild des Jammers. Ihre Kleider waren zerrissen und verdreckt, und obwohl sie im Grunde noch viel zu weit entfernt war, um Einzelheiten zu erkennen, glaubte sie doch zu sehen, wie abgemagert und geschunden sie beide waren - und wie mutlos.
Es dauerte lange, bis sie es schaffte, sich von dem erschreckenden Anblick loszureißen und mit einem schnellen Schritt in den Schutz des Ganges zurückzuweichen. Sie ließ ihren Blick ein zweites Mal und aufmerksamer durch den Raum schweifen. Wie sie bereits festgestellt hatte, war er nicht annähernd so riesig wie die beiden anderen unterirdischen Katakomben, durch die sie bereits gekommen war, aber trotzdem groß; auf jeden Fall aber entschieden zu groß, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben, unentdeckt zu den Eisenkäfigen in seiner Mitte zu gelangen. Und schon gar nicht zurück.
»Also gut«, sagte sie. »Wie komme ich dorthin? Und wieder zurück?«