»Waas?!« Der Scriptor richtete sich kerzengerade auf und starrte sie eindeutig entsetzt an.
»Du hast mich verstanden«, meinte Leonie ernst. »Wie komme ich dort hinein und wieder zurück?«
»Gar nicht«, antwortete der Scriptor.
»Ich muss es aber«, beharrte Leonie. »Ohne die beiden da kann ich hier nicht weg. Und ohne mich kommst du auch nicht wieder heil hier heraus. Das ist dir doch hoffentlich klar?«
»Ich bin sowieso verloren«, sagte der Scriptor leise. »Vielleicht sollte ich mich freiwillig in den Leimtopf werfen, bevor mir noch etwas Schlimmeres zustößt. So bin ich wenigstens noch zu etwas nütze.« In seiner Stimme war eine solche Mutlosigkeit, dass Leonie für einen Moment nichts als Mitleid mit dem abstoßenden kleinen Gnomen empfand.
»Was ist das eigentlich, der Leimtopf?«, fragte sie.
Der Scriptor deutete ein resigniertes Achselzucken an. »Das siehst du doch.«
»Aber wozu braucht ihr denn so viel Leim?«
»Alles wird daraus gemacht«, antwortete der Scriptor. »Das Papier, aus dem die Bücher sind, der Leim, um die Seiten einzukleben, das Leinen für die Einbände und Buchrücken, die Tinte...« Er zuckte erneut die Schultern. »Alles eben. Und alles, was nicht mehr gebraucht wird, kommt zum Schluss wieder hinein.«
»Auch... eure Gefangenen?«, murmelte Leonie ungläubig.
Statt einer Antwort deutete der Scriptor mit einer müden Geste wieder in die Halle hinein. Leonies Blick folgte der Bewegung und erneut lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. In der Decke der gewaltigen runden Halle hatte sich eine Öffnung aufgetan, aus der an Dutzenden rasselnden Ketten ein gewaltiger Eisenbottich heruntergelassen wurde. Als er den halben Weg nach unten zurückgelegt hatte, kam hektische Bewegung in die Arbeiter, Aufseher und Scriptoren, die in der Halle herumwuselten. Sie spritzten regelrecht auseinander, und unmittelbar unter dem Bottich begann sich ein Teil des eisernen Gitters knirschend ineinander zu schieben, bis eine sechseckige Öffnung entstand, die ungefähr den Durchmesser des Bottichs hatte. Die Ketten spannten sich rasselnd auf einer Seite und der Bottich kippte langsam nach vorn und ergoss seinen Inhalt in den brodelnden Leim. Leonie konnte nicht allzu genau erkennen, was da in die Tiefe stürzte, aber es schien sich nicht nur um leblose Fracht zu handeln - sie erkannte mindestens eine zappelnde schwarze Gestalt und sie glaubte auch Schreie zu hören...
»So geht es allen, die sich etwas zu Schulden kommen lassen«, sagte der Scriptor düster.
Leonie starrte ihn entsetzt an. »Du meinst, die... die beiden, die wir überwältigt haben, müssen jetzt sterben - nur weil wir ihnen entkommen sind?«, fragte sie.
»Die Redigatoren verzeihen keinen einzigen Fehler«, antwortete der Scriptor.
»Aber das ist ja entsetzlich«, murmelte Leonie. »Sie müssen sterben, weil sie einen einzigen Fehler gemacht haben?«
»Sterben?«, wiederholte der Scriptor verständnislos. »Was soll das sein?«
Leonie deutete auf den Leimtopf. »Das da.«
»Aber natürlich«, sagte der Scriptor. »Wir tun unsere Aufgabe so lange, wie wir sie gut beherrschen. Einige wenige werden zu Scriptoren und die allerbesten von uns werden Schriftführer, manche sogar Redigatoren.« Sein Blick wurde vorwurfsvoll. »Ich war auf dem besten Wege dazu, ist dir das eigentlich klar? Noch ein paar hundert Jahre, und ich wäre ein Schriftführer geworden, und irgendwann einmal vielleicht sogar Redigator. Aber du musstest mir ja unbedingt dazwischenfunken, und...«
»Scriptor!«
»Ja, ja, schon gut.« Der Scriptor wich einen hastigen halben Schritt vor ihr zurück. »Also am Ende landen wir alle im Leimtopf. Manche eher, manche später. Ist das bei euch etwa nicht so?«
»Nein«, antwortete Leonie. Sie wandte sich schaudernd wieder um. »Unsere Leimtöpfe heißen... anders.«
Das Gitter hatte sich bereits wieder geschlossen, aber die grünliche Oberfläche darunter brodelte und zischte noch immer. Der Bottich bewegte sich, an seinen Ketten klirrend, zurück in die Höhe.
Sie sah wieder zu ihren Eltern hin. Die beiden hockten noch immer zusammengekauert nebeneinander in ihrem Käfig. Sie schienen von dem unheimlichen Zwischenfall nicht einmal Notiz genommen zu haben. »Wir müssen sie dort herausholen«, murmelte sie.
»Du bist ja verrückt!«, krähte der Scriptor.
»Ja, wahrscheinlich«, gestand Leonie. »Aber ich werde es trotzdem versuchen.«
»Und wie sollen wir das anstellen?«, fragte der Scriptor.
»Wir?« Leonie schüttelte den Kopf. »Du brauchst mich nicht zu begleiten.«
»Ach nein? Und wo soll ich hingehen? Hast du denn schon vergessen, dass ein gewisser Jemand dafür gesorgt hat, dass ich nicht mehr zurückkann? Ich lande sowieso im Leimtopf, ganz egal, was ich mache, da kann ich ganz genauso gut vorher noch ein bisschen Spaß haben.«
»Und wie stellst du dir diesen Spaß vor?«, fragte Leonie.
»Woher soll ich denn das wissen?«, fragte der Scriptor patzig. »Du bist doch hier der Schlaudenker.«
Leonie seufzte. Ihr Blick irrte immer und immer wieder durch den großen Raum. Überall waren Arbeiter, Aufseher und eine Menge Scriptoren, die scheinbar ziellos hin und her hasteten. Die meisten hatten Bücher unter den Arm geklemmt oder trugen sie aufgeschlagen in den Händen, um im Gehen darin zu lesen. Manche debattierten auch aufgeregt miteinander.
»Kannst du einen von ihnen hier hereinlocken?«, fragte sie.
»Klar«, antwortete der Scriptor. »Aber warum sollte ich so etwas Dummes tun?«
»Vielleicht, weil ich sonst meine Kapuze abnehme und dir mein entzückendstes Lächeln schenke?«, schlug Leonie vor.
»Ist ja schon gut«, maulte der Scriptor. Wahrscheinlich war er es seinem Stolz einfach schuldig, nicht sofort nachzugeben, sondern sie erst noch eine Sekunde lang wütend anzustarren. Aber schließlich setzte er sich doch in Bewegung und ging in die Höhle hinaus. Ein Teil von Leonies Verstand fragte sich, ob sie eigentlich verrückt war, diesem hässlichen kleinen Knirps zu vertrauen. Aber auf der anderen Seite: Welche Wahl hatte sie schon? Hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung sah sie zu, wie der Scriptor mit zielsicheren Schritten in die Halle hinaus- und auf einen seiner Brüder zuging. Sie konnte nicht hören, was die beiden Scriptoren miteinander besprachen, aber es verging nur ein kurzer Augenblick, bis die beiden miteinander zurückkamen. Leonie machte rasch zwei Schritte rückwärts, damit sie im Schatten stand und nicht sofort gesehen werden konnte. Die beiden Scriptoren traten in den Gang, und Leonie tat das Erstbeste, was ihr einfieclass="underline" Sie machte wieder einen Schritt nach vorne und schlug ihre Kapuze zurück.
Das Ergebnis war verblüffend: Der neu hinzugekommene Scriptor stand wie vom Donner gerührt. Das Buch rutschte unter seinem Arm hervor, knallte zu Boden, und der Scriptor fiel stocksteif nach hinten und blieb mit ausgebreiteten Armen neben seinem Buch liegen.
»Saubere Arbeit«, lobte der Scriptor. »Und was machen wir jetzt mit ihm?« Er kicherte. »Ich meine: Du könntest hier warten, bis er wieder wach wird, und dich dann über ihn beugen. Wenn er dich sieht, springt er garantiert freiwillig in den Leimtopf...« Er brach ab und schluckte den Rest seines Satzes mit einem hörbaren Geräusch hinunter, als Leonie einen wütenden Blick in seine Richtung abschoss. »Schon gut«, sagte er hastig. »Ich mach das schon.«
Rasch kniete er neben seinem bewusstlosen Kameraden nieder, riss einen Streifen aus seinem schwarzen Mantel und fesselte ihn damit. Einen zweiten, etwas kürzeren Streifen benutzte er, um ihn zu knebeln.
»Und jetzt?«, fragte Leonie, als der Scriptor zurücktrat und offensichtlich sehr zufrieden mit sich selbst auf seinen wie ein Weihnachtspaket verschnürten Kollegen hinabsah. Der Scriptor schenkte ihr einen verächtlichen Blick, bückte sich nach dem Buch und begann darin zu blättern. Es dauerte nur einen Moment, bis er gefunden zu haben schien, wonach er suchte.