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»Das habe ich mir gedacht«, sagte er. »Viel Zeit bleibt uns nicht mehr.«

»Wofür?«

»Um deine Eltern zu befreien«, antwortete der Scriptor, legte den Kopf auf die Seite und sah sie fragend an. »Wo wir schon mal dabei sind: Was ist das - Eltern?«

»Was ist...« Jetzt war es an Leonie, verblüfft zu sein. »Was soll denn diese Frage? Du musst doch wissen, was Eltern sind. Ich meine: Jeder hat Eltern. Du doch bestimmt auch.«

»Nein«, bekannte der Scriptor.

»Unsinn«, widersprach Leonie. »Wenn du keine Eltern hast, wo kommst du denn dann her, bitte schön?«

»Aus dem Leimtopf«, antwortete der Scriptor. »Woher denn sonst?«

»Ah ja«, meinte Leonie. »Wie konnte ich das bloß vergessen?« Sie deutete auf das aufgeschlagene Buch. »Also, was steht da drin?«

»Alles«, antwortete der Scriptor.

Leonie beherrschte sich jetzt nur noch mit Mühe. »Ich meine: Was steht da über meine Eltern?«, fragte sie gepresst.

»Was ich mir schon gedacht habe«, erwiderte der Scriptor. »Sie landen im Leimtopf. Aber vorher sollen sie noch von einem Redigator verhört werden.«

»Ein Redigator«, wiederholte Leonie, der dieses Wort erst jetzt auffiel. »Was ist das?«

»Glaub mir«, antwortete der Scriptor, »das willst du nicht wissen.«

Leonie glaubte ihm. Sie gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er fortfahren sollte.

»Sie erwarten ihn jeden Augenblick«, sagte der Scriptor kopfschüttelnd.

»Und dann?«

»Kommen sie in den Leimtopf«, erklärte der Scriptor. »Aber vorher werden sie noch sagen, wie sie hier reingekommen sind. Die Schriftführer sind völlig aus dem Häuschen. Noch nie zuvor ist es einem Fremden gelungen, bis hierher vorzudringen.«

»Dann haben wir wirklich nicht viel Zeit«, sagte Leonie. Sie zog ihre Kapuze weiter ins Gesicht. »Komm!«

»Wohin?«

»Meine Eltern befreien«, antwortete sie.

»Befreien?«, ächzte der Scriptor. »Bist du jetzt völlig plemplem?«

»Nein«, seufzte Leonie. »Aber weißt du was? Ich wünschte mir fast, ich wäre es. Dann könnte ich mir wenigstens einbilden, dass das alles hier nur ein Albtraum ist.«

Die Flucht

Dicht hinter dem Scriptor verließ Leonie den Gang. Sie hatte noch einmal Halt gemacht, um den zweiten Scriptor aus seiner Kutte zu schütteln, die sie nun zusammengerollt unter ihrem eigenen Gewand an die Brust presste. Ihr unfreiwilliger Verbündeter hatte sie nur verständnislos angestarrt, sich aber jedes Kommentars enthalten, und nun bewegten sie sich hintereinander über das rostige Gittergeflecht, das sich über den brodelnden Leimtopf spannte. Leonie ging mit gesenktem Kopf, schon damit man ihr Gesicht nicht sah, und der durchdringende süßliche Gestank, der von unten zu ihr heraufwehte, machte es ihr fast unmöglich, zu atmen. Den Rest besorgte die Hitze. Das Zeug sah nicht nur aus, als stünde es kurz vor dem Siedepunkt, es war auch genauso heiß. Schon nach wenigen Schritten begann die Wärme an ihren Kräften zu zehren, und ihr Atem ging schwerer. Gleichzeitig versuchte sie, ihre Umgebung aus den Augenwinkeln verstohlen zu mustern. Niemand schien von dem Scriptor und ihr Notiz zu nehmen, und solange sie sich einigermaßen unauffällig benahmen, würde das auch so bleiben; schon einfach deswegen, weil keiner damit rechnete, dass irgendjemand so verrückt war, freiwillig hierher zu kommen. Dennoch hatte sie das schreckliche Gefühl, von buchstäblich allen hier angestarrt zu werden.

Und sie hatte nicht die geringste Ahnung, was sie tun sollte, wenn sie ihre Eltern erst einmal erreicht hatte - geschweige denn, befreit hatte. Nun, sie würde einfach auf ihr Glück vertrauen und improvisieren müssen.

Endlich näherten sie sich dem großen Eisenkäfig in der Mitte der Halle. Leonies Herz zog sich zu einem eisigen Klumpen zusammen, als sie ihre Eltern sah und jetzt erst richtig erkannte, in was für einem bejammernswerten Zustand sie sich befanden. Beide waren in Lumpen gehüllt, die keinerlei Ähnlichkeit mehr mit den Kleidern hatten, in denen sie aufgebrochen waren. Vor allem ihre Mutter war fast zum Skelett abgemagert und schien um Jahre gealtert, aber auch ihr Vater bot keinen wirklich besseren Anblick; und sie waren beide nicht nur dünn wie Magersüchtige, sie waren offensichtlich auch geschlagen worden. Darüber hinaus waren ihre Hand- und Fußgelenke mit blutigen Schürfwunden bedeckt. Leonie musste an die Zellen denken, die sie gesehen hatte, und die schweren Eisenketten an den Wänden, und kalte Wut kochte in ihr hoch.

Der Käfig wurde von einem mit Peitsche und Keule bewaffneten Aufseher bewacht, der sie mit misstrauischem Blick maß, als sie näher kamen, und dazu von einem Scriptor, der ihnen nicht weniger argwöhnisch entgegensah. Völlig unbeeindruckt davon näherte sich der Scriptor dem Aufseher und wechselte ein paar Worte mit ihm, woraufhin sich die riesige Kreatur trollte.

Während der Scriptor zu seinem Kollegen ging und lauthals mit ihm zu debattieren begann, trat Leonie dicht an den Käfig heran und versuchte ihre Eltern auf sich aufmerksam zu machen. Ihr Vater starrte aus trüben, sonderbar blicklosen Augen ins Leere und auch ihre Mutter hob nur müde den Kopf und wollte ihn gleich wieder auf die Knie sinken lassen, dann aber weiteten sich ihre Augen ungläubig und Leonie gab ihr mit einem hastigen Wink zu verstehen, dass sie kein verräterisches Geräusch machen sollte.

Fast gleichzeitig machte sie eine angedeutete Kopfbewegung zu ihrem Vater hin und dann zu den beiden Scriptoren, die mittlerweile in ein heftiges Streitgespräch verwickelt zu sein schienen. Ihre Mutter antwortete mit einem fast unmerklichen Nicken, aber Leonie war ganz und gar nicht sicher, dass sie auch tatsächlich verstanden hatte, was sie ihr sagen wollte. Sie war ja nicht einmal ganz sicher, was sie eigentlich wollte.

Langsam wandte sie sich um und trat hinter den Scriptor, mit dem ihr hakennasiger Begleiter immer heftiger stritt. »In meinem Buch steht davon nichts!«, beharrte er gerade. »Die Gefangenen bleiben hier. Punktum.«

»Dann ist Euer Buch eben nicht korrekt geführt«, antwortete Leonies Scriptor. »Ich habe jedenfalls Order, die Gefangenen nach oben zu bringen, wo sie von einem Redigator verhört werden sollen.«

»Mein Buch ist immer korrekt geführt worden!«, kreischte der Scriptor. »Vielleicht seid Ihr ja zu dumm zum Lesen, oder es ist Euer Buch, das nicht stimmt!«

Leonie signalisierte ihrem Begleiter mit Blicken, sich ein wenig zu beeilen, und dieser wandte sich in süffisantem Ton an seinen Kameraden: »Wenn Ihr das meint, dann seht doch selbst nach. Hier, nur zu!« Er klappte das mitgebrachte Buch in der Mitte auf und hielt es seinem Kameraden hin, allerdings so, dass dieser sich vorbeugen musste, um die winzige Schrift entziffern zu können.

»Da steht nichts«, meinte er, nachdem er eine Weile konzentriert auf die mit winzigen Buchstaben übersäten Seiten gestarrt hatte.

»Aber sicher«, erwiderte Leonies Scriptor. »Seht nur genauer hin.«

Der Scriptor beugte sich weiter vor, und als er die Seiten fast mit der Nasenspitze berührte, klappte Leonies Begleiter das Buch mit einem Knall zu. Der zweite Scriptor hüpfte so weit in die Höhe, wie es sein zwischen den Buchdeckeln eingeklemmtes Gesicht zuließ, ächzte und wäre zusammengebrochen, hätte Leonie ihn nicht blitzschnell aufgefangen.

Ebenso blitzschnell sah sie sich um. So unglaublich es ihr auch selbst vorkam, absolut niemand schien von dem Zwischenfall Notiz genommen zu haben. Rings um sie herum ging das normale Treiben mit hektischer Monotonie weiter.

Sie sah zu ihren Eltern hin. Beide hatten sich mittlerweile in eine halb kniende Position hochgestemmt - mehr ließ der beengte Raum im Gitterkäfig nicht zu - und starrten sie fassungslos an. Leonie bedeutete ihnen mit einem raschen Wink, um Gottes willen still zu bleiben, und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Scriptor zu.