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»Gut gemacht«, flüsterte sie. »Pass auf, dass uns niemand beobachtet!«

»Ach, und wie soll ich das machen?«, fragte der Scriptor giftig.

Leonie verzichtete auf eine Antwort. Stattdessen konzentrierte sie sich darauf, den bewusstlosen Scriptor so vor sich zu halten, dass sein Zustand einem zufälligen Beobachter wenigstens nicht auf den allerersten Blick auffiel, und drehte sich wieder zum Käfig um. Anders als die meisten Türen, die sie bisher hier unten angetroffen hatte, besaß dessen Tür ein Schloss. Sie durchwühlte hastig die Taschen des bewusstlosen Scriptors und wurde mit einem riesigen, halb verrosteten Schlüssel belohnt, dessen Bart fast so groß wie ihre Hand war.

Als sie ihn ins Schloss schob, überwand ihre Mutter endlich ihre Überraschung. »Leonie!«, flüsterte sie. »Wo kommst du denn...?«

»Nicht jetzt«, fiel ihr Leonie ins Wort. »Später. Jetzt müssen wir zuerst einmal hier raus.« Sie drehte den Schlüssel weiter, bis das Schloss mit einem Klacken aufsprang, das in Leonies Ohren wie ein Kanonenschuss klang, der noch bis in den Schreibsaal oben zu hören sein musste. Mit einem ebenso fragenden wie besorgten Blick wandte sie sich an ihren Vater. »Könnt ihr laufen?«

»Ich schon«, antwortete er und fügte dann leiser und mit einem angedeuteten Kopfschütteln hinzu: »Aber deine Mutter nicht, fürchte ich.«

»Ich kann laufen«, protestierte ihre Mutter, doch Leonie bezweifelte das. So wie ihre Mutter aussah, wunderte sie sich beinahe, dass sie überhaupt die Kraft hatte, zu sprechen. Schlimmstenfalls würden sie sie wohl tragen müssen. Leonie glaubte nicht, dass ihre Mutter noch viel mehr wog als einer der Scriptoren.

Rasch zog sie den Schlüssel ab, steckte ihn ein und holte die zusammengerollte Kutte unter ihrem Umhang hervor. »Zieh das an«, sagte sie, während sie ihrer Mutter die Kutte durch die Gitterstäbe entgegenstreckte. »Aber unauffällig.«

Ihre Mutter sah das fremdartige Kleidungsstück nur verständnislos an, aber ihr Vater schien zu begreifen, was seine Tochter plante, denn er nahm ihr die Kutte rasch aus der Hand und half seiner Frau, das eigentlich viel zu enge Kleidungsstück überzustreifen.

Währenddessen schälte Leonie auch den bewusstlosen Gnomen aus seiner Kutte. Nachdem sie es geschafft hatte, reichte sie das Gewand an ihren Vater weiter und wartete ungeduldig, dass er es ebenfalls überstreifte.

Das Ergebnis war nicht unbedingt so, wie Leonie es sich vorgestellt hatte. Ihr Vater war kaum ein Riese, aber er war auch alles andere als klein, und obwohl er so stark abgemagert war, änderte das nichts daran, dass ihm die schwarze Kutte nicht einmal ganz bis zu den Knien reichte.

Oder um es anders auszudrücken: Er sah einfach lächerlich aus.

Aber egal, dachte Leonie, sie waren nicht in der Position, wählerisch zu sein, sondern mussten eben nehmen, was sie hatten. Mit einer entschlossenen Bewegung öffnete sie die Käfigtür, schob den bewusstlosen Scriptor hindurch und gab ihren Eltern zugleich mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass sie herauskommen sollten.

Die Einschätzung ihres Vaters schien nur zu richtig gewesen zu sein. Leonies Mutter ging in die Knie, kaum dass ihre Füße den Boden berührt hatten, und sie wäre gestürzt, hätten Leonie und ihr Vater sie nicht rasch unter den Armen ergriffen, um sie zu stützen. Leonies Mut sank.

Dass sie bis hierhin gekommen war, erschien ihr schon wie ein mittelgroßes Wunder; und dabei lag der weitaus schwierigere Teil ihrer Flucht noch vor ihnen.

»Wie kommst du hierher?«, flüsterte ihr Vater ungläubig. »Und wer...«, er machte eine Kopfbewegung in Richtung des Scriptors, »ist das?«

»Jetzt nicht.« Leonie deutete unauffällig zur Tür, durch die sie und der Scriptor hereingekommen waren, und erschrak, als sie sah, wie klein sie von hier aus wirkte. Großer Gott, wie weit waren sie gelaufen? Einen Kilometer? Wahrscheinlich eher zehn!

»Wir müssen dorthin. Danach erkläre ich euch alles. Also los, aber geht langsam. Ihr seid unsere Gefangenen.«

Sie gingen los. Leonie empfand es als ein zweites, noch weitaus größeres Wunder, dass bisher tatsächlich niemand etwas von ihrer erfolgreichen Befreiungsaktion bemerkt hatte. Aber ihr Herz begann dennoch so heftig zu klopfen, dass es fast wehtat. Es erschien ihr einfach unmöglich, dass sie es schaffen sollten.

Und natürlich schafften sie es auch nicht.

Sie hatten - allen Befürchtungen zum Trotz - fast die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als Leonie die Blicke eines Aufsehers auf sich ruhen spürte. Sie lugte verstohlen unter dem Rand ihrer Kapuze hervor, und für einen kurzen Moment schaffte sie es sogar, sich selbst einzureden, dass sie wieder einmal ihrer eigenen Angst aufsaß; aber wirklich nur für einen ganz kurzen Moment. Es hatte keinen Zweck, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Sie konnte das Misstrauen des Aufsehers beinahe riechen.

»Los, geht schneller!« Leonie versetzte ihrem Vater einen eher sanften Stoß zwischen die Schulterblätter und hoffte, dass sie ihn damit nicht von den Beinen fegte. Er geriet auch prompt ins Stolpern, fing sich aber wieder und eilte mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern weiter. Der Aufseher musterte sie noch einen Moment lang argwöhnisch, wandte sich dann wieder um und Leonie atmete unter ihrer Kapuze hörbar auf.

»He! Ihr da!«, rief eine Stimme hinter ihnen. »Wo wollt ihr hin?«

Leonie hatte das Gefühl, von einer eisigen Hand im Nacken berührt zu werden. Sie ging einfach noch zwei Schritte weiter, dann aber blieb sie stehen und drehte sich auf zitternden Knien um. Ihr Atem stockte.

Die Käfigtür stand wieder offen und der Scriptor war gerade dabei, sich benommen in die Höhe zu arbeiten, doch Leonie schenkte ihm nicht einmal einen flüchtigen Blick. Sie starrte mit klopfendem Herzen die viel größere, in eine schwarze Kutte gehüllte Gestalt an, die hoch aufgerichtet neben dem Käfig stand. Sie trug die gleiche Art von Gewand wie die Schusterjungen und die Scriptoren, aber sie war mindestens so groß wie Leonies Vater und etwas spürbar Bedrohliches ging von ihr aus.

»O nein«, murmelte sie. »Ist das...?«

»Ein Redigator«, wimmerte der Scriptor. »Wir sind verloren!«

»Was ihr da treibt, habe ich gefragt!«, rief der Redigator. »Wer hat euch befohlen, dass...« Er ächzte. »Verrat!«, rief er. »Die Gefangenen fliehen! Ergreift sie!«

Die letzten beiden Worte hatte er geschrien und die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Der Aufseher, der Leonie gerade schon beobachtet hatte, fuhr herum und setzte seine gewaltige Körpermasse mit unerwarteter Schnelligkeit in Bewegung - und plötzlich kamen von allen Seiten Aufseher, Arbeiter und Scriptoren und ein paar andere Geschöpfe auf sie zu, die Leonie bis jetzt noch gar nicht bemerkt hatte und auch gar nicht kennen lernen wollte.

»Lauft!«, schrie sie. Als ob das noch nötig gewesen wäre. Selbst ihre Mutter schien Erschöpfung und Schwäche vergessen zu haben und rannte, was das Zeug hielt, aber sie waren einfach nicht schnell genug. Hinter ihnen hob ein Chor kreischender und schnatternder Stimmen an und der Gitterboden bebte unter dem Stampfen zahlloser Füße. Ein Aufseher stürzte schräg von vorne auf sie zu und aus den anderen Richtungen näherten sich gleich drei Scriptoren.

Ihr Vater schrie auf, rannte dann dem Aufseher entgegen und rammte ihm in vollem Lauf den Kopf in den Leib. Der Aufseher ächzte und krümmte sich, blieb aber auf den Beinen, doch Leonies Vater wurde nach hinten und zu Boden geschleudert. Seine Kapuze verrutschte, und was sein wütender Ansturm nicht einmal annähernd bewirkt hatte, das schaffte offensichtlich der bloße Anblick seines Gesichtes. Der Aufseher quietschte vor Entsetzen, machte auf der Stelle kehrt und rannte mit hoch in die Luft geworfenen Armen davon. Die drei Scriptoren wirbelten auf dem Absatz herum und suchten ebenfalls ihr Heil in der Flucht.

Dennoch war es nur eine winzige Atempause. Noch während Leonie zu ihrem Vater lief und ihm auf die Füße half, warf sie einen hastigen Blick über die Schulter zurück und sah, dass ihnen mindestens ein Dutzend Aufseher folgte, und dazu noch eine ungleich größere Anzahl an Arbeitern, Scriptoren und anderen Geschöpfen. Einzig der Redigator war stehen geblieben und starrte hasserfüllt in ihre Richtung.