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»Wir sind verloren«, wimmerte der Scriptor. »Wir können uns genauso gut auch gleich selbst in den Leimtopf stürzen!«

Leonie hatte mittlerweile ihre Mutter am Arm ergriffen und zerrte sie einfach hinter sich her, so schnell sie konnte. Aber das Schlimme war, dass der Scriptor Recht hatte: Sie waren einfach nicht schnell genug und die Überzahl war zu gewaltig. Sie würden sie einholen, lange bevor sie den rettenden Tunnel erreichten. Die Masse der Verfolger war schon fast in der Mitte des Gitterbodens angekommen.

Und in Leonie nahm ein verzweifelter Plan Gestalt an.

»Geh auf!«, schrie sie. Ihr Vater wandte im Laufen den Kopf und starrte sie aus aufgerissenen Augen an, aber im gleichen Moment erscholl ein dumpfes Knirschen. Der Boden unter ihren Füßen begann zu zittern und in das Heulen und Johlen ihrer Verfolger mischten sich jetzt vereinzelte ungläubige oder auch erschrockene Rufe, und als Leonie das nächste Mal über die Schulter zurücksah, bot sich ihr ein Bild, das ebenso unglaublich wie erschreckend war.

Der Boden hatte erneut begonnen sich ineinander zu schieben. Von der Decke senkte sich kein Bottich, um Nachschub für den Leimtopf zu liefern, aber der Gitterboden hatte wieder damit begonnen, sich zu öffnen. Der entstandene Spalt war bereits gut mannsbreit und er wurde mit jeder Sekunde größer.

Keiner ihrer Verfolger hatte auch nur die Spur einer Chance. Zwei, drei Aufseher versuchten, mit verzweifelten Sprüngen über die rasch breiter werdende Lücke im Boden hinwegzusetzen, aber sie sprangen ausnahmslos zu kurz und versanken in der aufspritzenden grünen Brühe, und den Scriptoren und Arbeitern erging es nicht anders. Der Vormarsch ihrer Verfolger geriet ins Stocken, aber die Menge hatte inzwischen eine tödliche Eigendynamik entwickelt, die einem Großteil von ihnen zum Verhängnis wurde. Wer stehen blieb, wurde von den Nachdrängenden einfach weitergeschoben, bis er über den Rand stürzte und in der brodelnden grünen Masse verschwand. Leonie hätte froh sein müssen, dass die Verfolgung auf diese Weise endete, aber das genaue Gegenteil war der Falclass="underline" Der Anblick erfüllte sie mit einem solchen Entsetzen, dass es für einen Moment ihre Mutter war, die sie weiterzog, statt umgekehrt.

Und dennoch, das Wunder geschah: Nach ein paar Augenblicken hörte der Boden auf, sich knirschend ineinander zu schieben. Der Spalt wurde nicht mehr breiter, sondern begann sich im Gegenteil wieder zu schließen, aber noch war er viel zu groß, als dass einer ihrer plumpen Verfolger auch nur daran hätte denken können, darüber hinwegzuspringen. Sie fielen noch immer reihenweise in den kochenden Leim und der rettende Tunnel kam mit jedem Schritt näher. Dann sprang der erste Aufseher mit einem gewaltigen Satz über den tödlichen Abgrund, fiel auf die Knie und rappelte sich schwerfällig wieder auf, doch ihr Vorsprung war mittlerweile so weit angewachsen, dass Leonie gegen alle Wahrscheinlichkeit zu hoffen begann, sie könnten vielleicht doch noch eine Chance haben.

Sie kam als Erste bei dem Gang an und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass es auch der richtige war; unterscheiden konnte sie sie nicht, denn die Eingänge sahen alle gleich aus. Im Laufen warf sie einen gehetzten Blick nach hinten und sah etwas, das sie zu noch größerer Schnelligkeit anspornte: Drei oder vier weiteren Aufsehern war der todesmutige Satz über den schmaler werdenden Spalt gelungen und immer mehr Scriptoren, Arbeiter und Aufseher versuchten es ebenfalls. Die meisten sprangen auch jetzt noch zu kurz und versanken im brodelnden grünlichen Leim, aber die Zahl der Verfolger wuchs und sie bewegten sich entsetzlich schnell. Leonie hätte sich allein möglicherweise noch zugetraut, ihnen davonzulaufen, aber ihre Eltern würden das nicht schaffen. Ihre Mutter taumelte jetzt schon mehr, als dass sie ging, und ihrem Vater hatte der Zusammenprall mit dem Aufseher auch nicht gerade gut getan. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen zusammenbrach, wenn nicht beide. Sie durfte also nicht lange herumraten, sondern musste alles auf eine Karte setzen und blind darauf vertrauen, dass es der richtige Gang war.

Es war der richtige Gang. Leonie stürmte in den Gang, trat auf etwas Weiches, das ein erschrockenes Quieken ausstieß, und sie konnte sich gerade noch an der Wand abstützen, um nicht zu fallen. Ihr Vater reagierte um eine Winzigkeit besser und machte einen beherzten Sprung über den gefesselten Scriptor hinweg, den sie dort auf dem Hinweg zurückgelassen hatte, und Leonie fand endlich ihr Gleichgewicht wieder und setzte zu einem verzweifelten Endspurt an. Sie raste dreißig oder vierzig Meter in den Korridor hinein, gerade weit genug, um sicher zu sein, dass man sie von der Halle aus nicht mehr sehen konnte, dann blieb sie schwer atmend stehen und sah sich hastig um. Direkt vor ihr lag eine der geschlossenen Zellentüren. Leonie stellte sich auf die Zehenspitzen und lugte durch das vergitterte Fensterchen hinein. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass die Zelle leer war, trat sie zurück und befahl der Tür mit einem geflüsterten Befehl, sich zu öffnen. Sie gehorchte, wenn auch ebenso schwerfällig und widerstrebend wie das große Eisentor oben. Trotzdem reichte der entstandene Spalt bereits aus, um sich mit einiger Mühe hindurchzuquetschen, als ihre Eltern und der Scriptor neben ihr ankamen.

In den Augen ihrer Mutter flackerte die blanke Panik auf, als sie die geöffnete Zellentür sah, aber Leonie gab ihr gar keine Gelegenheit, zu protestieren, sondern bugsierte sie ungeduldig hindurch, beförderte den Scriptor mit einem hastigen Schubs hinterher und quetschte sich als Letzte hinter ihrem Vater durch den Türspalt. Sie war noch nicht ganz in der Zelle, als sie der Tür mit einem gehetzten Flüstern befahl, sich wieder zu schließen.

Und das buchstäblich im allerletzten Moment. Die Tür war kaum zu, als draußen auf dem Gang trappelnde Schritte und wütend durcheinander brüllende und keifende Stimmen laut wurden und die Verfolgermeute an ihrem Versteck vorbeistürmte.

Ihre Mutter wollte etwas sagen, aber Leonie gab ihr mit einem hastigen Wink zu verstehen, bloß keinen Laut von sich zu geben, und deutete mit der anderen Hand auf den toten Winkel unter der Tür. Rücken an Rücken pressten sie sich gegen das schwarze Eisen, während der Strom der Verfolger, der draußen auf dem Gang vorüberpolterte, kein Ende zu nehmen schien.

Ihre Vorsichtsmaßnahme erwies sich als nur zu berechtigt. Ein dumpfer Schlag erschütterte die Tür und das schwarz verhüllte Gesicht eines Aufsehers erschien an der Klappe. Leonie presste sich fester gegen die Tür, hielt den Atem an und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass keiner der anderen ein verräterisches Geräusch machte.

Es wurde erhört. Der Aufseher spähte eine ganze Weile misstrauisch in die Zelle, aber endlich gab er sich zufrieden und verschwand wieder. Leonie atmete erleichtert auf, doch sie blieb weiter angespannt, bis die Schritte und das Stimmengewirr draußen auf dem Gang allmählich abnahmen und dann ganz verstummten.

Der Scriptor kletterte geschickt und schnell wie eine zu groß geratene Stubenfliege an der Wand empor und reckte den dürren Hals, um durch die Klappe nach draußen zu lugen.

»Alles klar«, krähte er. »Sie sind weg!«

»Gott sei Dank«, hauchte Leonies Mutter. Sie sah Leonie aus großen Augen an. »Wie hast du das mit der Tür gemacht?«

»Diese... Kreatur!« Ihr Vater deutete zu dem Scriptor hoch. Er gab sich keinerlei Mühe, den angewiderten Unterton aus seiner Stimme zu verbannen, und der Scriptor seinerseits sah mit einem Gesichtsausdruck zu ihm herab, der fast noch angeekelter wirkte. »Was hast du mit ihr zu schaffen?«

»Er hat mir geholfen«, sagte Leonie. Es war ihr im Moment lieber, die Frage ihres Vaters zu beantworten als die ihrer Mutter. »Ohne ihn wäre ich nie so weit gekommen. Er ist schon in Ordnung.«