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»Er ist ein Monster!«, rief ihr Vater. Der Scriptor streckte ihm die Zunge heraus (wohlweislich erst, als er gerade nicht hinsah) und begann wieder an der Wand herabzuklettern.

»Die Tür«, beharrte ihre Mutter. »Wie hast du das gemacht? Sie hat nicht einmal ein Schloss!«

Leonie druckste einen Moment herum, aber ihr war klar, dass ihre Mutter keine Ruhe geben würde. Sie selbst hätte das auch nicht getan, wäre es andersherum gewesen. »Ich weiß es nicht«, erklärte sie schließlich. »Funktioniert einfach. Ich muss es nur sagen, und jede Tür geht auf.«

Sie rechnete damit, dass ihre Mutter eine ungläubige Bemerkung machen oder wenigstens das Gesicht verziehen würde, aber sie sah eher erschrocken aus und bemerkte an Vater gewandt: »Ich habe es dir gesagt. Mutter hatte Recht.«

»Womit?«, fragte Leonie.

Ihr Vater schüttelte den Kopf. Auch er blickte plötzlich sehr nachdenklich und ein bisschen betroffen drein. »Nicht jetzt«, sagte er.

»Und warum nicht?«, erkundigte sich Leonie spitz. »Hast du irgendetwas vor? Ein dringender Termin vielleicht?«

»Wir haben wirklich Wichtigeres zu tun«, antwortete ihr Vater grob. Er machte eine wedelnde Geste zum Scriptor hin. »Steig rauf und sieh nach, ob die Luft rein ist!«

»Wie kann sie das, solange ihr hier drin seid?«, gab nun der Scriptor patzig zurück.

»Bitte«, sagte Leonie. Der Scriptor schnitt noch eine Grimasse in Richtung ihres Vaters, stieg aber dann gehorsam an der Wand hoch, um seinen Beobachtungsposten wieder einzunehmen.

»Wir müssen hier raus«, fuhr Leonies Vater fort. »Im Moment sind wir vielleicht in Sicherheit, aber wir können nicht ewig hier hocken bleiben.« Er sah sie nachdenklich an. »Der Trick funktioniert bei allen Türen, sagst du?«

»Bei denen, die da sind.« Leonie ahnte, worauf ihr Vater hinauswollte, und beantwortete seine Frage, noch bevor er sie ausgesprochen hatte. »Der Gang führt nach oben in einen großen Saal, in dem es vor Aufsehern nur so wimmelt.« Sie schüttelte den Kopf. »Keine Chance, da durchzukommen.«

»Ich weiß«, erwiderte ihr Vater. »Dort haben sie uns erwischt.«

»Was wolltet ihr überhaupt hier?«, fragte Leonie.

»Dasselbe wie du, nehme ich an.«

»Eure Eltern finden, die durch eine unsichtbare Wand verschwunden sind?«, meinte Leonie.

»Das ist eine sehr lange Geschichte«, antwortete ihr Vater. Er schnitt ihr mit einer müden Handbewegung das Wort ab, als sie widersprechen wollte. »Wir erzählen dir alles, das verspreche ich dir. Aber nicht jetzt. Es ist eine... eine wirklich sehr lange Geschichte. Und sehr kompliziert. Alles verstehe ich auch nicht und manches fällt mir immer noch schwer zu glauben. Sogar jetzt, wo ich es sehe.«

Es erging Leonie nicht anders. Sie spürte auch, dass ihr Vater ihr nicht die ganze Wahrheit sagte, aber unglückseligerweise hatte er Recht. Jetzt war wirklich nicht der richtige Moment, um lange Geschichten zu erzählen.

Sie wandte sich an den Scriptor. »Gibt es noch einen anderen Weg hier hinaus?«

»Woher soll ich denn das wissen?«, fragte der Scriptor. »Ich war noch nie hier unten. Und ich werde wahrscheinlich auch nie wieder nach oben kommen.«

Leonie seufzte niedergeschlagen. Sie war doch nicht so weit gekommen und hatte so viele und so bizarre Gefahren überstanden, um jetzt aufzugeben! Es musste einfach noch einen anderen Weg hier hinaus geben. Hin- und hergerissen zwischen Zorn und wachsender Verzweiflung starrte sie die Wand neben sich an. Sie mussten einfach hier raus, egal wie!

»Aber das... das gibt’s doch nicht!«, entfuhr es ihrem Vater.

Im ersten Moment begriff Leonie gar nicht, wovon er sprach. Dann folgte sie seinem Blick - und riss ebenfalls ungläubig die Augen auf. Die Wand hatte sich verändert. Der uralte massive Stein war noch da, aber zugleich war da plötzlich auch eine Tür, die durch die feste Oberfläche des Steins hindurchzuschimmern schien, als handelte es sich um zwei versehentlich übereinander belichtete Fotos. Vorsichtig stand sie auf, näherte sich der Wand und streckte den Arm aus, wagte es aber nicht, die auf so unheimliche Weise aus dem Nichts aufgetauchte Tür zu berühren. Sie sah aus den Augenwinkeln, wie ihr Vater ebenfalls aufstand und ihr folgen wollte, aber Mutter hielt ihn mit einer raschen Bewegung zurück. Leonie blieb annähernd eine Minute vollkommen erstarrt stehen und blickte die Mauer vor sich an. Die Tür war noch immer ein wenig geisterhaft, gewann aber rasch an Substanz und Leonie geduldete sich mit klopfendem Herzen, bis das bizarre Doppelbild endgültig verschwunden war.

»Ich hatte Recht«, erklang Mutters zitternde Stimme hinter ihr. »Sie hat die Gabe. Brauchst du noch mehr Beweise?«

Niemand antwortete darauf, doch als Leonie sich umdrehte, sah sie, dass das Gesicht ihres Vaters auch noch den allerletzten Rest von Farbe verloren hatte. Selbst der Scriptor starrte sie aus hervorquellenden Augen an, obgleich es unmöglich war, den Ausdruck auf seinem hakennasigen Zwergengesicht zu deuten. Leonie wandte sich wieder der Tür zu.

Erneut streckte sie die Hand aus, und diesmal wagte sie es, die Tür zu berühren. Sie sah aus, als bestünde sie aus dem gleichen schwarzen Eisen wie alles andere hier, aber sie fühlte sich irgendwie nicht richtig an, und Leonie hatte sie kaum berührt, da schwang sie mit dem Knarren uralter rostiger Scharniere auf und gab den Blick in den dahinter liegenden Gang frei.

Leonie wusste nicht, was sie erwartet hatte - aber ganz bestimmt nicht das. Hinter der Tür begann ein schmaler, sehr hoher Gang, dessen Wände nicht aus roh behauenem Fels oder Ziegelsteinen bestanden, sondern kostbar getäfelt waren. Das Licht kam von einer Anzahl kleiner Gaslampen mit grünen Schirmchen, die an den Wänden befestigt waren, und auch die Decke war mit wertvollem Holz vertäfelt. Der Anblick erinnerte sie an irgendetwas, aber sie konnte nicht genau sagen woran.

»Los!«, rief Leonie. Sie nahm all ihren Mut zusammen, trat als Erste durch die Tür und machte einen raschen Schritt zur Seite, um die anderen vorbeizulassen. Ihre Eltern reagierten sofort, aber der Scriptor folgte ihr erst, nachdem sie ihn mit einer Kopfbewegung dazu aufgefordert hatte. Kaum war er an ihr vorbeigegangen, schloss Leonie die Tür hinter sich und trat einen Schritt zurück. Sie war nicht einmal mehr sonderlich überrascht, dass sie augenblicklich wieder zu verblassen begann und in weniger als einer halben Minute endgültig verschwunden war. Immerhin konnte sie in dieser Zeit erkennen, dass es sich von dieser Seite aus um eine ganz normale, hölzerne Kassettentür handelte, nicht um ein eisernes Monstrum, das jedem Banktresor Ehre gemacht hätte.

»Unheimlich«, flüsterte der Scriptor. Er schüttelte sich. »Wie krank muss man sein, um sich in einer so schrecklichen Umgebung wohl zu fühlen?«

Leonie warf ihm einen schrägen Blick zu, ersparte sich aber jeden Kommentar und ging an ihm und ihren Eltern vorbei. Sie kam sich ein bisschen komisch dabei vor, so ganz selbstverständlich die Führung zu übernehmen, aber zugleich hatte sie auch das sichere Gefühl, in diesem Moment genau das Richtige zu tun.

Und vor allem: Sie spürte, dass sie endlich wieder auf dem richtigen Weg war.

Der Korridor war nicht besonders lang und es gab nur eine einzige verschlossene Tür an seinem Ende. Leonie ging hin und legte die Hand auf die verschnörkelte Klinke aus Messing, zögerte aber noch, sie herunterzudrücken, sondern presste stattdessen das Ohr gegen das Holz, um einen Moment zu lauschen. Erst als sie sicher war, dass sich auf der anderen Seite nichts rührte, öffnete sie behutsam die Tür und trat mit klopfendem Herzen hindurch.

Dahinter lag ein großer, behaglich eingerichteter Raum, der zwar kein Fenster hatte, ansonsten aber glatt als das durchgegangen wäre, was man vor hundert oder auch hundertfünfzig Jahren als Salon bezeichnet hatte: Es gab schwere Möbel aus geschnitztem Holz und Plüsch, verspielte kleine Tische mit wertvollen Einlegearbeiten, einen mächtigen Kamin und eine Unzahl von Bücherregalen. Auch hier kam das Licht aus einer Anzahl kleiner Gas- oder Petroleumlampen, aber es brannten auch zahlreiche Kerzen. Und irgendetwas stimmte mit diesem Raum nicht. Leonie konnte das Gefühl nicht in Worte fassen, vielleicht war sie auch einfach nur übernervös.