Ihre Mutter trat neben ihr in den Raum hinein und sah sich stirnrunzelnd um. Sie wirkte beunruhigt. »Was hast du?«, fragte Leonie alarmiert.
Ihre Mutter antwortete erst nach einem Moment und schleppend. »Irgendetwas«, sie verbesserte sich. »Ich weiß, es klingt komisch, aber... aber ich habe das Gefühl, dieses Zimmer schon einmal gesehen zu haben.«
»Vielleicht in einem Albtraum«, vermutete der Scriptor.
»In einem muss ich dir beipflichten«, meldete sich Leonies Vater zu Wort. »Hier stimmt etwas nicht.« Er deutete auf den Kamin. »Seht euch nur das Feuer an.«
Dass mit dem Feuer etwas nicht stimmte, war gelinde untertrieben. Die Flammen im Kamin strahlten nicht die geringste Wärme aus - und sie bewegten sich auch nicht. Leonie trat verblüfft näher, ließ sich in die Hocke sinken und streckte behutsam die Hand aus. Als sie eine der Flammen mit den Fingerspitzen berührte, erwartete sie instinktiv sich zu verbrennen, doch sie spürte überhaupt nichts. Die Flamme war nicht heiß, aber auch nicht kalt, sondern sie schien gar keine Temperatur zu haben. Außerdem war sie hart wie Diamant.
Leonie stand auf, sah sich rasch im Zimmer um und trat an eine der brennenden Kerzen heran.
Was für das Feuer im Kamin galt, das traf auch auf die Kerzenflamme zu: Sie war vollkommen reglos, hart und schien keine spürbare Temperatur zu besitzen. Als Leonie versuchte sie mit Gewalt abzubrechen, gelang es ihr nicht.
»Ich... ähm... würde hier drinnen lieber nichts verändern«, begann der Scriptor vorsichtig.
Leonie zog die Hand zurück. Sie bezweifelte, dass sie überhaupt in der Lage gewesen wäre, hier auch nur ein Stäubchen zu verändern, selbst wenn sie es gewollt hätte. Und dennoch hielt sie es für klüger, den Rat des Scriptors zu beherzigen und erst gar nichts in dieser Richtung zu versuchen.
»Ich kenne dieses Zimmer«, beharrte ihre Mutter. Sie war an eines der fast deckenhohen Bücherregale herangetreten und ließ ihren Blick aufmerksam über die Titel auf den Buchrücken schweifen. Das tat sie praktisch immer, wenn sie irgendwohin kam, wo es Bücher gab, aber Leonie hatte das bestimmte Gefühl, dass ihr Verhalten dieses Mal nichts mit ihrer Liebe zu allem Gedruckten zu tun hatte. Sie schien nach etwas zu suchen. Nach etwas ganz Bestimmtem.
»Das... das sind Mutters Bücher«, keuchte sie plötzlich. Sie fuhr herum und wandte sich heftig gestikulierend an Leonie. »Das sind die Bücher deiner Großmutter, Leonie. Sieh selbst!«
Leonie trat mit zwei schnellen Schritten neben sie und nahm die Bücher ebenfalls in Augenschein. Tatsächlich erkannte sie etliche Titel wieder - sogar eine ganze Menge, und es wurden mehr, je länger sie hinsah -, aber sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich wirklich um dieselben Bücher handelte, die in Großmutters Zimmer auf den Regalen standen. Es waren dieselben Titel, aber das war ein Unterschied.
»Das kann Zufall sein«, sagte Leonies Vater.
»Aber nicht, dass ich dieses Zimmer kenne«, rief seine Frau. »Ich habe es schon einmal gesehen. Auf einem Foto.« Sie machte eine ausholende Geste. »Es ist die Bibliothek des Hauses, in dem meine Mutter aufgewachsen ist.«
Leonies Vater lachte, leise, nervös und vollkommen unecht, während Leonie ein plötzliches eisiges Frösteln verspürte. Sie musste an das Foto denken, das sie in der Familienbibliothek gefunden hatte. Um genauer zu sein: an das Kinderfoto ihrer Großmutter, das mit ihr gesprochen hatte...
»Gehen wir weiter«, schlug Leonie vor. Noch während sie sich zur Tür wandte, fügte sie mit einer Kopfbewegung auf den Scriptor hinzu: »Und vielleicht sollten wir besser auf ihn hören und nichts verändern.«
Es gab nur eine weitere Tür in diesem Raum. Leonie öffnete sie und gelangte in einen weiteren, wenn auch weitaus schlichteren Flur, von dem zwei Türen abgingen. Leonie warf im Vorbeigehen einen Blick in die dahinter liegenden Zimmer. Es handelte sich um eine altmodische, aber adrett aufgeräumte Küche und ein ebenso adrettes, nichtsdestoweniger aber altertümlich-verspielt wirkendes Kinderzimmer. Keines davon hatte Fenster.
Leonie tauschte einen fragenden Blick mit ihrer Mutter. Sie sagte nichts, nickte aber mit steinernem Gesicht. Ganz offensichtlich kannte sie auch diese Zimmer. Es war das Haus, in dem Großmutter aufgewachsen war.
Die Tür am anderen Ende des Korridors führte in ein Zimmer, das auch Leonie kannte. Es war der Raum, in dem sie das erste Mal auf die Schusterjungen und den Scriptor gestoßen war.
»Wir haben es geschafft«, sagte sie.
»Geschafft?«, fragte ihr Vater.
Leonie deutete auf die Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers. »Ich war schon einmal hier. Der Gang dahinter führt zum Ausgang.« Ihr Blick glitt über den Sekretär, blieb deutlich länger daran hängen, als ihr selbst lieb war, und ruhte dann für einen noch längeren Moment auf dem Schrank, in den sie den Scriptor eingesperrt hatte. Sie fragte sich, ob der hakennasige Gnom vielleicht immer noch darin saß, aber sie ging nicht hin, um sich selbst zu überzeugen. Sie hatte bereits einen dieser hässlichen Zwerge am Hals und das war im Grunde schon einer zu viel.
Sie ging zur Tür, öffnete sie vorsichtig und spähte hinaus. Der Gang war so leer und verlassen, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Anscheinend war das Verschwinden des Scriptors bisher noch niemandem aufgefallen.
»Alles ruhig«, stellte sie fest.
»Dann lasst uns keine Zeit mehr verlieren«, schlug ihr Vater vor. »Mein Bedarf an Abenteuern ist erst einmal gedeckt.«
Leonie nickte zwar, schloss aber trotzdem noch einmal die Tür und trat an den Kleiderschrank heran. »Also gut. Ich mache dir einen Vorschlag«, rief sie. »Ich könnte einfach gehen und dich vergessen. Niemand würde es merken. Und so wie es aussieht, vermisst dich auch niemand.«
»Sag mal, mit wem sprichst du da?«, erkundigte sich ihr Vater.
Leonie gab ihm mit einer hastigen Geste zu verstehen, dass er sich noch einen Augenblick gedulden solle. »Ich mache jetzt die Tür auf und lasse dich frei«, fuhr sie fort. »Aber wenn du auch nur die geringsten Schwierigkeiten machst, lasse ich dich da drin, bis du verrottet bist!«
»Leonie?«, fragte ihr Vater. Er klang ein bisschen besorgt.
Leonie ignorierte ihn. Nach einem letzten Zögern öffnete sie die Schranktür und trat gleichzeitig einen halben Schritt zurück, jederzeit darauf gefasst, von einem wütenden Scriptor angesprungen zu werden, der wahrscheinlich wenig Begeisterung darüber empfand, seit Stunden in einem finsteren Schrank eingesperrt zu sein.
Der Scriptor, den sie dort vor einer Weile, die ihr fast wie eine halbe Ewigkeit vorkam, eingesperrt hatte, sprang sie nicht an. Er überschüttete sie auch nicht mit Vorwürfen oder Verwünschungen. Er war nicht mehr da.
»Ist alles in Ordnung mit dir, Leonie?« Ihr Vater trat mit schnellen Schritten an ihre Seite und blickte abwechselnd in ihr Gesicht und in den offen stehenden Schrank. Er sah mehr als nur ein bisschen besorgt aus.
»Ich bin nicht verrückt, wenn du das meinst«, sagte Leonie. »Aber in dem Schrank... ich dachte... da wäre noch... also, ich dachte, ich wäre die Einzige, die die Türen...«
Das war sie auch. Leonie blieb der Rest ihres ohnehin mehr gestammelten als gesprochenen Satzes im Halse stecken, als der Scriptor wortlos neben sie trat und die Türen weiter öffnete.
Sein Kamerad war noch da, nur hatte sie ihn zwischen den zusammengelegten Kleidern und Wäschestücken auf dem Boden im ersten Moment gar nicht entdeckt, denn er hatte sich in furchtbarer Weise verändert. Seine Haut war jetzt grau, nicht mehr schwärzlich grün, und obwohl er zuvor kaum mehr als ein wandelndes Skelett gewesen war, war er noch einmal um mindestens die Hälfte abgemagert. Er bewegte sich nicht und er reagierte auch nicht auf Leonies Worte. Und wie konnte er auch? Vor Leonie und den anderen lag nur noch die Mumie eines Scriptors.