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»Aber... aber wie... wie kann denn das sein?«, murmelte Leonie erschüttert.

»Das solltest du eigentlich besser wissen«, antwortete der Scriptor böse. »Schließlich hast du ihn ja hier eingesperrt. Du hattest ganz Recht, weißt du? Außer dir kann niemand diese Tür öffnen.«

»Aber wir waren doch nur ein paar Stunden weg«, sagte Leonie verzweifelt.

»Dort draußen.« Der Scriptor deutete zur Tür. »Hier drinnen bedeutet Zeit etwas anderes.«

Im allerersten Moment kam Leonie diese Behauptung absolut lächerlich vor. Zeit war Zeit, basta. Doch dann erinnerte sie sich an gestern Morgen und ein Schauer rann wie eine Armee winziger eiskalter Spinnen ihr Rückgrat hinab. Ihre Mutter war eine Stunde weg gewesen, allerhöchstens zwei, aber als sie zurückgekommen war, da hatte sie ausgesehen, als wäre sie eine Woche durch die Katakomben geirrt. Und Doktor Steiner hatte gesagt, dass sie seit mindestens zwei oder drei Tagen nichts mehr getrunken hatte. Und wenn sie den jämmerlichen Zustand bedachte, in dem ihre Eltern jetzt waren...

»Dann habe ich ihn umgebracht«, murmelte sie.

»Umgebracht?« Ihr Vater zog eine Grimasse. »Jetzt übertreib mal nicht. Es war nur ein Scriptor. Und glaube mir, er hätte dir, ohne mit der Wimper zu zucken, dasselbe angetan. Nur aus Spaß. Es ist nicht schade um ihn.«

Im ersten Moment war Leonie regelrecht schockiert über die Kälte, die aus den Worten ihres Vaters klang. Dass er die Scriptoren nicht gerade liebte, hatte sie erwartet. Aber das war nun wirklich nicht seine Art. Doch dann glitt ihr Blick wieder über sein ausgemergeltes Gesicht, die abgemagerten Hände, die zahllosen Prellungen und Schrammen, die seine Haut bedeckten. Sie fragte sich, was die Scriptoren Mutter und ihm wirklich angetan hatten.

»Wie lange wart ihr in diesem Käfig?«, fragte sie leise.

»Nicht lange«, antwortete ihr Vater. Seine Stimme wurde leiser und auch bitterer. »Vielleicht einen Tag, oder zwei. Aber vorher waren wir lange in einer dieser Zellen.« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht wie lange, aber es war auf jeden Fall zu lange.«

Obwohl er sich Mühe gab, jedes Gefühl aus seiner Stimme zu verbannen, war doch klar, dass er Leonie längst nicht alles erzählt hatte. Sie stellte keine weiteren Fragen, aber das war auch nicht nötig. Denn selbst die Antworten auf die Fragen, die sie nicht gestellt hatte, waren deutlich in den Augen ihrer Eltern abzulesen. Wie konnte sie erwarten, dass die beiden auch nur eine Spur von Mitleid mit den Bewohnern dieses unheimlichen Labyrinths haben würden?

Trotzdem fühlte sich Leonie elend dabei. Wenn das, was der Scriptor ihr erzählt hatte, stimmte, dann waren seine Brüder und er nicht einmal richtige Lebewesen - ganz davon abgesehen, dass das alles hier sowieso nur ein Albtraum sein konnte -, aber sie fühlte sich trotzdem so miserabel, als hätte sie den Scriptor mit eigenen Händen umgebracht.

Und irgendwie hatte sie das ja auch...

»Hier drinnen, in diesen Räumen, meine ich...« Ihr Vater wandte sich mit einer fragenden Geste direkt an den Scriptor, »... vergeht die Zeit also anders? Ich meine: Nicht nur anders als in der richtigen Welt, sondern auch anders als draußen, auf den Gängen und in euren Höhlen?«

Der Scriptor nickte und ließ ein paar Sekunden verstreichen, bevor er antwortete, als wäre er im ersten Moment nicht sicher gewesen, ob er überhaupt weitersprechen sollte. »Manchmal. Manchmal schneller, manchmal langsamer und manchmal gar nicht.« Er seufzte. »Bestimmt kann ich nicht zurück ins Zentralarchiv. Wahrscheinlich haben sie meinen Arbeitsplatz längst neu besetzt.«

»Zentralarchiv?«, wiederholte Leonies Vater. Er zog eine Grimasse. »Gleich wirst du uns noch erzählen, dass du furchtbar wichtig bist. Wenn du mich fragst...«

»Dich fragt aber keiner«, giftete der Scriptor. »Bevor ihr gekommen seid, hatte ich einen äußerst verantwortungsvollen Posten. Einen der verantwortungsvollsten überhaupt, die es hier gibt, wenn du es genau wissen willst.«

»Ach, und was soll das gewesen sein?«, fragte Leonies Vater hämisch.

Leonie sah ihn mit wachsender Verwirrung an. Ganz abgesehen davon, dass so etwas ganz und gar nicht zu ihrem Vater passte, war das nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für eine so alberne Streiterei. Wollte er auf etwas Bestimmtes hinaus?

»Ich habe das Zentralverzeichnis geführt«, erklärte der Scriptor stolz. »Ohne mich wäre hier längst das reine Chaos ausgebrochen!«

»Das Zentralverzeichnis.« Leonies Eltern tauschten einen raschen, viel sagenden Blick. Viel sagend für sie vielleicht. Leonie wurde eher nur noch verwirrter. »Du meinst so eine Art Register, in dem alle Bücher aufgelistet sind, die es hier gibt?«

»Präzise«, antwortete der Scriptor. »Bis auf das letzte i-Tüpfelchen.«

»Das ist blanker Unsinn«, beharrte Vater. »Es müssen Millionen sein. Und du willst mir jetzt erzählen, du wüsstest ganz genau, wo jedes einzelne Buch zu finden ist, wie? Das ist doch lächerlich!«

»Milliarden«, behauptete der Scriptor. »Ach was, Trillionen, wenn nicht mehr!« Seine Stimme war plötzlich von hörbarem Stolz erfüllt. »Mehr, als du dir vorstellen kannst. Und ich weiß, wo jedes einzelne steht.«

»So, so.« Vater machte keinen Hehl daraus, dass er dem Scriptor kein Wort glaubte. Leonie erging es da nicht viel anders - was aber nichts daran änderte, dass sie das Streitgespräch zwischen ihrem Vater und dem Scriptor immer absurder fand. Sie riss ihren Blick von den beiden lächerlichen Streithähnen los, sah noch einmal bedauernd auf den mumifizierten Scriptor hinab und schloss dann die Schranktür. »Es tut mir wirklich Leid«, sagte sie.

»Wieso?«, fragte der Scriptor. »Sie hätten ihn sowieso in den Leimtopf geworfen.«

Leonie erschrak. »Aber warum denn?«

»Du hast ihn überwältigt und hier eingesperrt, oder? Das genügt.« Der Scriptor nickte düster. »Die Redigatoren verzeihen keine Fehler.«

Aber das machte es nicht besser, dachte Leonie. Wo war der Unterschied, ob der Scriptor gestorben war, weil sie ihn in diesen Schrank gesperrt hatte, oder weil...

Leonie fuhr wie von der Tarantel gestochen herum und starrte den Scriptor aus ungläubig aufgerissenen Augen an. »Aber... aber das heißt ja, dass... dass dir das gleiche Schicksal bevorsteht«, keuchte sie.

»Ich habe dir doch gesagt, ich kann nicht mehr zurück«, erinnerte sie der Scriptor.

»Weil ich dich gezwungen habe, mir zu helfen!«

Diesmal sagte der Scriptor nichts mehr. Er sah sie nur vorwurfsvoll aus seinen großen Glubschaugen an.

Leonie hielt seinem Blick nur ein paar Sekunden lang stand, dann drehte sie sich mit einem Ruck um und sah zu ihren Eltern hin. Sie standen am anderen Ende des Zimmers und unterhielten sich leise, aber offenbar ziemlich erregt. Es sah beinahe nach einem Streit aus. Ihr Vater gestikulierte heftig, und ihre Mutter schüttelte immer wieder den Kopf, aber auch dazu war jetzt nicht der richtige Moment, fand Leonie.

Sie platzte rücksichtslos in die Unterhaltung und deutete auf den Scriptor. »Wir müssen ihn mitnehmen.«

»Wie bitte?«, fragte ihr Vater.

»Ich meine es ernst«, erklärte Leonie. »Er kann nicht hier bleiben. Ihr habt doch gehört, was er gesagt hat. Wenn er bleibt, ist das sein Todesurteil. Wir müssen ihn mitnehmen.«

»Aber selbstverständlich«, sagte ihr Vater. »Und gleich morgen früh melde ich ihn im Kindergarten an.« Er schüttelte den Kopf. »Wie stellst du dir das vor?«