»Ich weiß es nicht«, antwortete Leonie. »Aber wir können ihn nicht einfach hier lassen. Ohne ihn wären wir jetzt wahrscheinlich nicht mehr am Leben! Wir sind es ihm einfach schuldig.«
Sie konnte ihrem Vater ansehen, dass er zu einer scharfen Entgegnung ansetzte, aber dann geschah etwas Unerwartetes: Er blickte sie ein paar Sekunden lang nachdenklich an, schließlich hob er die Schultern und seufzte tief. »Vielleicht hast du sogar Recht. Es wäre ziemlich undankbar, wenn wir ihn jetzt einfach seinem Schicksal überließen. Ich habe zwar nach wie vor keine Ahnung, wie wir...«, er drehte den Kopf und zog eine Grimasse, während er den Scriptor ansah, »... das da erklären sollen, aber irgendwas wird mir schon einfallen.«
Leonie war ein bisschen verdattert. Sie kannte ihren Vater gut genug, um sich auf eine hitzige Diskussion eingestellt zu haben. Umso mehr verwirrte es sie, dass er nun so schnell aufgab.
»Also gut. Verschwinden wir von hier«, fuhr er fort. »Aber vorher sehen wir zwei uns noch einmal draußen um. Nicht dass wir einem von deinen hässlichen großen Brüdern direkt in die Arme laufen.« Er machte eine auffordernde Bewegung in Richtung des Scriptors.
»Ich?«, vergewisserte sich der Scriptor ungläubig.
»Natürlich du. Wenn du uns begleiten sollst, dann wird es Zeit, dass wir allmählich damit anfangen, uns aneinander zu gewöhnen, finde ich.« Er deutete energisch in Richtung Tür. »Außerdem kann ich dich da draußen wahrscheinlich gut gebrauchen. Also los!«
Der Scriptor bekam gar keine Gelegenheit, zu widersprechen. Leonies Vater legte ihm einfach die Hand auf die Schulter, drehte ihn um und schob ihn vor sich aus dem Zimmer.
Erst als die Tür hinter ihnen zufiel, überwand Leonie ihre Verwirrung und fuhr erschrocken zusammen. »Um Gottes willen!«, keuchte sie. »Sie dürfen das nicht tun!«
Sie wollte losstürmen, doch ihre Mutter hielt sie mit einer raschen Bewegung zurück. »Bleib hier. Sie sehen sich doch nur um!«
»Aber das dürfen sie nicht!« Leonie versuchte sich loszureißen, doch ihre Mutter hielt sie mit erstaunlicher Kraft fest. »Du hast ja gehört, was der Scriptor gesagt hat: Da draußen vergeht die Zeit viel schneller als hier drinnen!«
Ihre Mutter hielt ihr Handgelenk unerbittlich weiter fest. »Also erstens muss nicht alles stimmen, was dieser komische kleine Bursche erzählt«, sagte sie. »Und außerdem bleiben sie gewiss nicht lange. Sie wollen sich doch nur umsehen, damit wir keine böse Überraschung erleben. Oder möchtest du einem von diesen riesigen Grobianen in die Hände fallen?«
Leonie schüttelte widerstrebend den Kopf. Natürlich gab es ungefähr eine Million Dinge, die sie lieber getan hätte, als die Tür zu öffnen und unversehens einem Aufseher gegenüberzustehen - aber sie hatte trotzdem das Gefühl, dass ihre Mutter ihr etwas vormachte.
»Siehst du.« Mutter ließ endlich ihr Handgelenk los; wenn auch erst, nachdem Leonie jeden Versuch aufgegeben hatte, sich aus ihrem Griff zu befreien. »Außerdem wollte ich sowieso mit dir reden.«
»Reden?« Leonie erschrak beinahe selbst über den misstrauischen Ton in ihrer Stimme. »Worüber?«
»Über das alles hier«, antwortete Mutter mit einer fahrigen, weit ausholenden Geste. »Über Großmutter und mich, und... und über dich.«
Leonie schwieg. Ihr Misstrauen schlug fast sofort in ebenso große Neugier um; aber tief in ihr war nach wie vor das nagende Gefühl, dass ihre Mutter ihr nicht die Wahrheit sagte. Zumindest nicht die ganze Wahrheit.
»Über mich?«
War das ein Ausdruck schlechten Gewissens, den sie in den Augen ihrer Mutter las, als diese nach ihrer Hand griff? »Ich hätte es längst tun sollen, Leonie. Deine Großmutter hat immer darauf gedrängt, dass ich es tue, aber ich... ich wollte es nicht. Ich wollte dir ein Leben ersparen, wie ich es geführt habe. Aber jetzt sehe ich ein, dass es ein Fehler war.«
»Ein Leben, wie du es geführt hast?« Leonie erinnerte sich wieder an den Streit, den sie in jener Nacht belauscht hatte. »Aber was ist denn so schlimm daran?«
»Oh, nichts«, antwortete ihre Mutter hastig. »Im Gegenteiclass="underline" Ich hatte alles, was ich je wollte; mehr als die meisten anderen Frauen sich auch nur erträumen. Deiner Großmutter ist es so ergangen und dir wird es ganz bestimmt genauso ergehen. Aber wir haben einen sehr hohen Preis dafür bezahlt. Sowohl sie als auch ich, und ich wollte nicht, dass du denselben Preis bezahlen musst, Leonie. Er ist hoch. Vielleicht zu hoch.«
Leonie verstand immer weniger, wovon ihre Mutter überhaupt sprach, aber sie hatte gleichzeitig das Gefühl, dass an ihrer Geschichte irgendetwas nicht stimmte. Es war nicht so, dass ihre Mutter sie belog - aber die Geschichte, die sie ihr erzählte, wollte einfach nicht mit ihrer Erinnerung zusammenpassen. Sie versuchte, sich den hitzigen Streit genauer ins Gedächtnis zu rufen, obwohl es ihr äußerst schwer fiel, sich zu konzentrieren. Sie löste ihre Hand aus der ihrer Mutter und sah zur Tür. Ihr Vater und der Scriptor waren nun schon seit bestimmt einer Minute dort draußen - das war eine Menge Zeit, um sich nur einmal schnell umzusehen. Und wenn das, was der Scriptor erzählt hatte, stimmte, dann war es vielleicht deutlich mehr als eine Minute, nämlich möglicherweise eine Stunde oder auch ein Tag, der draußen vergangen war.
»Du hast mir noch immer nicht gesagt, was diese Gabe eigentlich ist. Ich meine: Sie erschöpft sich doch bestimmt nicht darin, dass ich ein paar Türen aufmachen kann, oder?« Oder sie mit purer Willenskraft einfach aus dem Nichts erschaffen kann - diese Frage sprach sie nicht laut aus. Es hätte ihr zu viel Angst gemacht.
»O nein, gewiss nicht«, antwortete ihre Mutter. »Es hat etwas... mit all dem hier zu tun.«
»Mit dem hier?« Leonie sah sich demonstrativ in dem altmodisch ausgestatteten Zimmer um. »Ich verstehe nicht, was das alles zu bedeuten hat. Ich meine - wer macht sich schon die Mühe, Großmutters Haus in allen Einzelheiten nachzubauen, und warum?«
»Nachbauen?« Ihre Mutter schüttelte heftig den Kopf. »Das hier hat nichts mit einem Nachbau zu tun, Leonie. Es ist auch nicht ihr Haus, sondern...«
Die Tür wurde aufgerissen und ihr Vater winkte wild zu ihnen herüber. »Schnell!«, schrie er. »Sie kommen! Lauft!«
Leonie fuhr herum und verschenkte eine kostbare halbe Sekunde damit, ihren Vater entsetzt anzustarren. Er war kaum länger als anderthalb oder zwei Minuten weg gewesen, aber er hatte sich in dieser Zeit abermals verändert: Seine Kleider hingen nun vollends in Fetzen an ihm herunter und er war am ganzen Leib in Schweiß gebadet. Sein Atem ging keuchend und stoßweise, als hätte er gerade einen Zehn-Kilometer-Lauf hinter sich gebracht, und er blutete aus zwei frischen Wunden an Hals und Schulter.
»Schnell!«, schrie ihr Vater noch einmal. Seine Stimme überschlug sich fast vor Panik. Es war ihre Mutter, die ihren Schrecken als Erste überwand, nicht sie. Sie versetzte Leonie einen Stoß, der sie vorwärts und direkt in die Arme ihres Vaters stolpern ließ, rannte im gleichen Augenblick los und war mit einem Satz nach draußen verschwunden, und auch Leonie fühlte sich herumgerissen und weitergezerrt, noch ehe sie begriff, wie ihr geschah.
Ihr Vater rannte so schnell, dass Leonie alle Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten und nicht von den Füßen gerissen zu werden. Der Gang flog nur so an ihnen vorüber, und dennoch hatte Leonie das sichere Gefühl, dass ihr Vater noch viel schneller hätte laufen können, hätte er sie nicht im Schlepptau gehabt. Ihre Mutter rannte ein gutes Stück vor ihnen durch den Stollen und hatte bereits einen gehörigen Vorsprung gewonnen. Auch ihr Vater versuchte noch einmal sein Tempo zu beschleunigen, obwohl Leonie dadurch vollends aus dem Tritt geriet und nun wirklich mehr hinter ihm herstolperte als - rannte.
Irgendetwas schepperte. Leonie glaubte, ein Kreischen zu hören und möglicherweise auch etwas wie schwere, stampfende Schritte, aber sie wagte es nicht, den Kopf zu drehen, aus Furcht, dadurch endgültig aus dem Takt zu geraten und zu stürzen.