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»Aber was ist denn nur los?«, keuchte sie. »Wo warst du? Wo ist der Scriptor?«

»Sie haben uns erwischt«, gab ihr Vater keuchend zurück. Leonie sah die Wunde an seinem Hals jetzt deutlicher und erschrak.

Es war keine bloße Schramme, sondern ein tiefer Schnitt, aus dem hellrotes Blut im Rhythmus seines hektisch pumpenden Herzens schoss und der die Halsschlagader offensichtlich nur knapp verfehlt hatte. Er hielt sie mit der linken Hand fest gepackt und zerrte sie unerbittlich hinter sich her, aber den anderen Arm presste er gegen den Leib, obwohl ihn diese Haltung beim Laufen behindern musste.

»Erwischt?«, keuchte Leonie. »Wer? Was ist denn nur passiert?«

Diesmal antwortete ihr Vater nicht, aber das Scheppern wiederholte sich, und im nächsten Moment prallte etwas gegen die Wand neben ihrer Schulter und schlug Funken, bevor es klappernd wieder in der Dunkelheit verschwand. Leonie wagte es nun doch, sich im Laufen umzudrehen, aber der Entschluss tat ihr augenblicklich Leid.

Sie hatte sich das Geräusch stampfender Schritte, das Grölen und Kreischen nicht nur eingebildet. Hinter ihnen - und erschreckend nahe hinter ihnen! - brandete eine wahre Flutwelle monströser Gestalten heran: Aufseher, Scriptoren, Arbeiter und noch eine Anzahl anderer, zum Teil bizarr geformter Kreaturen, deren bloßer Anblick Leonie schier das Blut in den Adern gerinnen ließ. Die meisten von ihnen waren bewaffnet; jetzt aber nicht mehr nur mit Peitschen und Keulen, sondern mit Schwertern, Dolchen und sogar Speeren. Noch waren sie zu weit entfernt, um ihre Wurfgeschosse wirklich zielsicher einsetzen zu können, doch sie kamen näher. Und wie vortrefflich sie mit ihren Waffen umzugehen wussten, das hatte Leonie ja schon erlebt.

Falls sie noch Zweifel gehabt haben sollte, bestanden sie bis genau zu diesem Moment, denn einer der Aufseher schleuderte etwas in ihre Richtung, das wie eine zu groß geratene Hellebarde aussah und vermutlich nur deshalb um Haaresbreite an ihnen vorbeiflog, weil es sich um eine zum Werfen denkbar ungeeignete Waffe handelte. Dennoch segelte sie so dicht an ihrer Schulter vorbei, dass sie sich fast einbildete, ihren Luftzug zu spüren. Der nächste Wurf würde wahrscheinlich treffen.

Ihre Mutter, deren Vorsprung mittlerweile noch weiter angewachsen war, blieb abrupt stehen. Eine Mischung aus Ratlosigkeit und Entsetzen machte sich auf ihrem Gesicht breit, und plötzlich begann sie mit bloßen Fäusten auf die Wand einzuschlagen, mit solcher Kraft, dass die Knöchel aufplatzten und Blut an ihren ohnehin zerschundenen Händen herablief.

»Nein, nicht dort!«, schrie Leonie. »Lauf weiter! Noch zwanzig Schritte!«

Sie hätte selbst nicht sagen können, woher sie diese Gewissheit nahm, aber ihre Mutter schien ihr blind zu vertrauen, denn sie rannte ohne zu zögern weiter. In diesem Moment spürte Leonie eine Bewegung hinter sich und reagierte ganz instinktiv, indem sie sich zur Seite warf und den Kopf einzog. Die ruckartige Bewegung brachte nicht nur sie aus dem Gleichgewicht, sondern auch ihren Vater. Er stolperte, versuchte mit einem hastigen Schritt seine Balance wiederzufinden, verlor den ungleichen Kampf gegen die Schwerkraft und seinen eigenen Schwung, prallte gegen die Wand und wäre um ein Haar gestürzt.

Sein Stolpern rettete ihm das Leben, und Leonie möglicherweise auch. Der Schatten, den sie aus den Augenwinkeln bemerkt hatte, entpuppte sich als eine antiquierte Waffe, die ebenfalls nicht zum Werfen gedacht war, was ihren Besitzer aber nicht daran gehindert hatte, es mit wahrer Meisterschaft zu tun. Der dreikugelige Morgenstern flog kaum eine Handbreit an ihr vorbei und krachte Funken schlagend genau dort in die Wand, wo ihr Vater gestanden hätte, wäre er nicht gestolpert. Die eisernen Dornen hinterließen tiefe Furchen im Stein, und der mit Leder umwickelte Griff traf ihren Vater mit solcher Wucht gegen die Brust, dass er mit einem Schmerzensschrei in die Knie sank. Ein schwarzes, in Leder gebundenes Buch rutschte unter dem Hemd hervor und fiel zu Boden.

Leonie riss ihren Vater mit der Kraft purer Verzweiflung wieder auf die Füße und wollte ihn mit sich zerren, aber er warf sich herum, bückte sich nach dem Buch und hob es auf, obwohl es fast zu schwer war, um es mit nur einer Hand zu halten.

Die Verfolger waren mittlerweile gefährlich nahe gekommen. Niemand warf mehr mit Hellebarden, Speeren, Morgensternen oder sonstigen Dingen nach ihnen und es war auch gar nicht mehr nötig. Die Meute war schon fast heran. Noch ein paar Schritte, und sie hätten sie erreicht. Nur ein einziger Blick in ihre hassverzerrten Gesichter machte Leonie klar, dass sie sich spätestens ein paar Sekunden danach wahrscheinlich wünschen würden, dem Morgenstern nicht ausgewichen zu sein.

Die schiere Todesangst gab ihr die Kraft, herumzufahren und ihren Vater mit sich zu zerren. Ihre Mutter! Wo war ihre Mutter? Der Gang vor ihr war leer!

Allerdings nur für einen kurzen Moment. Dann tauchten Kopf und Schultern ihrer Mutter aus dem scheinbar massiven Stein auf und sie winkte sie mit wilden Bewegungen heran. »Schnell!«

Als ob sie ihnen das sagen musste! Leonie versuchte trotzdem, noch schneller zu laufen, und sah sich dabei hastig um. Vater hatte das Buch aufgehoben und presste es mit der freien Hand wie einen Schatz an sich. Er stolperte hinter ihr her, so schnell sie ihn mit sich zerren konnte, schien aber immer noch halb benommen zu sein. Und die Verfolger näherten sich mit unglaublicher Geschwindigkeit. Leonie fragte sich verzweifelt, was so wertvoll an diesem Buch sein konnte, dass ihr Vater offensichtlich bereit war, sein Leben dafür aufs Spiel zu setzen - und das ihre gleich mit. Sie mobilisierte noch einmal alle Kräfte, um die letzten Meter bis zu ihrer Mutter und dem rettenden Ausgang zurückzulegen.

Und beinahe hätte sie es sogar geschafft.

Wider Erwarten erreichte sie ihre Mutter, stürmte an ihr vorbei und riss ihren Vater mit sich. Wo ihre Augen massives Mauerwerk sahen, war gar nichts, nur ein flüchtiger Hauch von Dunkelheit und Kälte, durch den sie hindurchglitt und in den mit Trümmern und heruntergebrochenen Steinen übersäten Keller ihres Hauses stolperte. Sie fiel, drehte sich noch im Stürzen herum und sah ihre Mutter hinter sich ins Freie taumeln, dicht gefolgt von ihrem Vater... und drei oder vier Scriptoren und mindestens zwei Dutzend Schusterjungen!

Ihre Mutter machte sofort eine blitzartige Handbewegung und schloss damit die Öffnung in der Wand.

Aber eine Sekunde, vielleicht den Bruchteil eines Augenblickes, bevor das geschah, kam ein flirrender Schatten durch die unsichtbare Öffnung geflogen und bohrte sich mit einem dumpfen Schlag genau zwischen die Schulterblätter ihres Vaters!

Leonies Herz schien auszusetzen. Sie sah, wie ihre Mutter zurückprallte und zu Boden gerissen wurde, als sich drei der vier Scriptoren gleichzeitig auf sie warfen, aber sie war unfähig, darauf zu reagieren oder auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Sie konnte nur ihren Vater anstarren, der zwei Schritte weiter getaumelt war und dann langsam in die Knie ging. Er ließ das Buch fallen, das auseinander klappte und vor ihm liegen blieb. Als er endgültig nach vorne sank, sah Leonie den Griff eines gewaltigen Dolches, fast schon eines kleinen Schwertes, der aus seinem Rücken ragte.

Endlich schüttelte sie die Lähmung ab und rappelte sich auf, um zu ihm zu laufen.

Sie schaffte es nicht einmal ganz, sich aufzurichten.

Der vierte Scriptor, der zusammen mit ihrem Vater hereingekommen war, sprang sie mit solcher Wucht an, dass sie erneut zu Boden geschleudert wurde und mit dem Hinterkopf gegen einen Stein knallte. Sie verlor nicht wirklich das Bewusstsein, aber sie biss sich auf die Zunge, was ziemlich schmerzte, und schmeckte Blut, und für einen Moment sah sie nichts als bunte Farben, die vor ihren Augen explodierten.