Das Erste, was sie sah, als sich ihr Blick wieder klärte, war das hässliche Gesicht eines Scriptors, der auf ihrer Brust hockte und mit beiden Fäusten auf ihr Gesicht einschlug. Es tat nicht einmal besonders weh, aber sie war so unglücklich gestürzt, dass sie sich kaum bewegen konnte, und der Scriptor war nicht alleine. Leonie spürte einen scharfen Schmerz am linken Bein, sah an sich hinab und gewahrte einen Schusterjungen, der auf ihren Oberschenkel geklettert war und einen Stein in beiden Händen schwang, mit dem er nach Herzenslust auf ihr Knie einhämmerte - und das tat wirklich weh. Mit einem Schrei schüttelte sie den Plagegeist ab, warf sich herum, wodurch der Scriptor von ihrer Brust geschleudert wurde und in hohem Bogen davonflog, und schrie im nächsten Moment noch einmal und noch lauter auf, als ein anderer Schusterjunge seine nadelspitzen Zähne in ihre Hand grub.
Leonie stampfte ihn mit der anderen Hand regelrecht in den Boden, aber der Schaden war nun einmal angerichtet. Ihre Hand blutete heftig und tat höllisch weh und die winzigen Angreifer gaben ihr nicht die kleinste Verschnaufpause. Zwei weitere Schusterjungen fielen mit Zähnen und messerscharfen Fingernägeln über ihre Beine her, und als Leonie nach ihnen schlagen wollte, war der Scriptor wieder heran, sprang auf ihren Rücken und schlang kreischend die Arme um ihren Hals. Unverzüglich versuchte er, ihr die Zähne in den Nacken zu schlagen, aber damit hatte Leonie gerechnet. Sie warf sich mit aller Macht nach hinten, begrub den Scriptor unter sich und wurde mit einem dumpfen Ächzen belohnt, als der kleine Quälgeist das Bewusstsein verlor.
Hastig richtete sie sich wieder auf, fegte das halbe Dutzend Schusterjungen, das sich an ihre Arme und Beine geklammert hatte, wie lästige Fliegen ab und fuhr herum. Was sie erblickte, brach ihr fast das Herz: Ihre Mutter wehrte sich ebenso verbissen wie aussichtslos gegen drei Scriptoren und ein gutes halbes Dutzend Schusterjungen, die auf ihr herumhüpften, als würden sie sie mit einem Trampolin verwechseln, und mit Zähnen und Fingernägeln auf sie losgingen, und ihr Vater war endgültig zusammengebrochen. Er lebte noch, aber der Rücken seines Hemdes hatte sich mittlerweile komplett rot gefärbt und seine Bewegungen wurden immer schwächer. Leonie konnte nicht genau erkennen, was er tat, aber es sah fast so aus, als blättere er in dem Buch, über dem er zusammengesunken war. In der rechten Hand hielt er etwas, das ein altmodischer Füllhalter zu sein schien. Anscheinend wusste er schon nicht mehr genau, was er tat.
Leonie stemmte sich hoch, um ihrer Mutter zu Hilfe zu eilen.
Sie kam nur einen einzigen Schritt weit.
Ein grässlicher Schmerz explodierte mit solcher Wucht in ihrer rechten Ferse, dass sie mit einem gellenden Schrei auf die Knie fiel und hilflos zur Seite kippte. Zwei oder drei Schusterjungen sprangen auf ihre Brust und ihre Schultern und begannen mit den Fäusten auf sie einzudreschen, aber Leonie spürte es nicht einmal. Sie starrte aus ungläubig aufgerissenen Augen auf ihre Beine. Sie waren blutüberströmt, und als sie versuchte, den rechten Fuß zu bewegen, konnte sie es nicht. Unmittelbar neben ihrem Knie lagen zwei reglose Schusterjungen, die sie unter sich begraben hatte, als sie zu Boden gegangen war. Neben ihnen entdeckte sie ein rostiges, verbogenes Metallstück. Es hatte eine messerscharfe Kante, die rot von ihrem eigenen Blut war. Die beiden Schusterjungen hatten es ganz offensichtlich benutzt, um die Sehne an ihrem rechten Fuß durchzutrennen.
Sie versuchte trotzdem aufzustehen.
Der Schmerz war so schlimm, dass er ihr Tränen in die Augen trieb. Das Bein gab unter ihr nach und sie fiel schwer auf ihr ohnehin verletztes Knie und wimmerte gequält, hatte aber nicht einmal mehr die Kraft, zu schreien. Hilflos rollte sie auf die Seite, begrub zwei oder drei weitere Schusterjungen unter sich und drehte sich mit letzter Kraft auf den Rücken, um nach ihrer Mutter zu sehen.
Vielleicht hätte sie es besser nicht getan.
Ihre Mutter wehrte sich noch immer gegen die drei Scriptoren, aber ihre Bewegungen waren bereits deutlich schwächer geworden. Und gerade als Leonie hinsah, nahm einer der hakennasigen Zwerge einen faustgroßen Stein vom Boden auf und schlug ihn ihrer Mutter mit aller Kraft gegen die Schläfe. Sie bäumte sich noch einmal auf und lag dann still.
Und Leonie wusste, das war das Ende.
Weinend vor Schmerz und hilflosem Zorn kroch sie weiter, um ihren Vater zu erreichen. Die drei Scriptoren ließen von ihrer Mutter ab und stürzten sich auf sie, aber es war ihr gleich. Irgendwie gelang es ihr, sie mit einer Hand abzuwehren, während sie sich mit dem anderen Arm und dem unverletzten Bein weiterschleppte.
Wie durch ein Wunder bewegte er sich immer noch. Er hatte es sogar geschafft, sich auf einen Ellbogen zu stemmen und war weiterhin über das Buch gebeugt, das aufgeschlagen vor ihm lag. Drei oder vier Schusterjungen zerrten mit aller Gewalt daran, um es ihm zu entwinden, und mindestens ein halbes Dutzend weiterer riss an seinen Armen und Beinen und an seinem Haar. Ihr Vater aber hielt das Buch eisern fest. Leonie verstand nicht, was er da tat.
Ihr blieb auch keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Ein brutaler Tritt trieb ihr die Luft aus den Lungen und warf sie auf den Rücken. Ein Scriptor sprang mit einem triumphierenden Schrei auf ihren Bauch und hob die Arme in die Höhe. Leonie sah, dass er einen ausgewachsenen Ziegelstein in den Händen hielt, riss die Arme nach oben, um ihr Gesicht zu schützen, und...
Die Beerdigung
Es war Hochsommer. Der erste Ferientag. Der Himmel sollte strahlend blau und wolkenlos sein, und obwohl es noch nicht einmal ganz zehn Uhr war, hätte es bereits warm sein müssen; mit einer deutlichen Tendenz in Richtung heiß.
Das genaue Gegenteil war der Fall. Die seit gut zwei Wochen andauernde Hitze hatte eine Pause eingelegt. Der Himmel hatte sich bewölkt und es war eher eine Spur zu kalt als zu warm. Es regnete nicht, aber etwas lag in der Luft, das einem das Gefühl gab, es könnte gleich regnen, und auch das Licht war irgendwie sonderbar. Es war bisher nicht richtig hell geworden und alle Farben wirkten seltsam blass, als hätte etwas dafür gesorgt, dass alles Leuchtende und Fröhliche aus der Welt verschwand. Selbst die Geräusche wirkten gedämpft, wie manchmal nach einem ausgiebigen Schneefall, und das Wetter passte so gut zu Leonies Stimmung, als hätte es jemand eigens für sie und diesen Moment bestellt.
Bis zu diesem Augenblick hatte sie sich noch mühsam beherrscht, aber nun war sie an der Reihe, in der langsam vorrückenden Schlange an das offene Grab zu treten und einen letzten Abschiedsgruß in Form einer roten Nelke hinabzuwerfen. Ihr legitimer Platz wäre ganz vorne in dieser Reihe gewesen, aber sie hatte darauf verzichtet und den Moment, wo sie vor dem Grab stehen würde, hinausgezögert, so lange sie nur konnte. Nun aber war hinter ihr niemand mehr. Ihre Hand zitterte, als sie nach der einzelnen - letzten - Nelke griff, die ihr der grauhaarige Pfarrer hinhielt, und sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Das offene Grab begann vor ihren Augen zu verschwimmen, und sie hatte Mühe, den schweren Eichensarg zu erkennen, der unter einem Berg von Blumen und Tannengrün beinahe verschwunden war. Sie merkte nicht, dass sie länger als eine Minute vollkommen reglos am Rand des offenen Grabes stand und ins Leere starrte.
»Du hast sie sehr geliebt, nicht wahr?«
Es dauerte einen Moment, bis Leonie begriff, dass die Worte ihr galten. Sie ließ die Nelke in das Grab fallen und fuhr sich mit der frei gewordenen Hand über die Augen, um die Tränen fortzuwischen, bevor sie sich zu dem Sprecher umwandte.
Es war der Pfarrer - oder hieß es Pastor? Wie auch der Rest ihrer Familie respektierte sie zwar jegliche Religion, war aber selbst kein Mitglied irgendeiner Kirche, sodass ihr der Unterschied zwischen den Geistlichen der großen Konfessionen nicht geläufig war. Zum ersten Mal fragte sie sich bewusst, wie es überhaupt kam, dass ein Geistlicher am Grab ihrer Großmutter gesprochen hatte - ihre Eltern hatten ihn ganz sicher nicht hinzugebeten.