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»Ja«, sagte sie einfach. Sie wollte weitergehen, aber der grauhaarige Geistliche hielt sie mit einer angedeuteten Geste zurück.

»Und nun fragst du dich, welchen Sinn dieser plötzliche Tod hat«, fuhr er fort.

»Tue ich das?« Leonie fragte sich, was dieser ungeladene Gast eigentlich von ihr wollte. Sie hob die Schultern. »Nein, ich glaube nicht.«

»Doch«, widersprach der Pfarrer. »Das tust du. Und du haderst mit Gott und machst ihm Vorwürfe, dir diesen schlimmen Schmerz zugefügt zu haben.« Er lächelte sanft. »Das macht nichts. Auch dafür ist Gott da.«

»Um ihm Vorwürfe zu machen?«

»Manchmal ist ein Schmerz leichter zu ertragen, wenn jemand da ist, dem man die Schuld geben kann«, bestätigte der Geistliche. »Der Herr versteht das, er wird es dir nicht übel nehmen. Und eines Tages wirst du vielleicht verstehen, dass alles seinen Sinn gehabt hat.«

Leonie verbiss sich die Antwort, die ihr auf der Zunge lag. Nichts lag ihr ferner als ein theologisches Streitgespräch; vor allem am Rande eines offenen Grabes, in dem so viel mehr seinen Schlussstrich fand als nur ein Leben, wäre ihr jede Art von Missklang unpassend erschienen. Sie wandte sich endgültig zum Gehen, aber der Pfarrer hielt sie noch einmal zurück; diesmal, indem er sie am Oberarm ergriff und mit der anderen Hand zum gegenüberliegenden Ende des Friedhofsgeländes deutete.

»Wenn du mich brauchen solltest oder einfach nur reden möchtest, dann findest du mich dort drüben«, erwiderte er. »Frag einfach nach Bruder Gutfried.«

Was für ein seltsamer Name, dachte Leonie, ziemlich altmodisch - was bei einem Mann der Kirche an sich nichts Besonderes war -, aber zugleich brachte er auch irgendetwas in ihr zum Klingen; als versuchte er, eine Erinnerung zu wecken, die einfach zu tief vergraben war, als dass sie sie greifen konnte. Sie hatte bereits dazu angesetzt, sich mit Gewalt loszureißen, aber dann besann sie sich eines Besseren und sah stattdessen in die Richtung, in die seine ausgestreckte Hand deutete. Nur ein kleines Stück jenseits der Friedhofsmauer erhob sich eine gedrungene, unübersehbar alte Kirche; vielleicht auch nur eine zu groß geratene Kapelle. Leonie war sie bisher noch nie aufgefallen, was aber nicht viel besagte, denn sie interessierte sich ebenso wenig für Kirchen wie für Religion im Allgemeinen und Geistliche im Besonderen. Dennoch fand sie, dass die Kirche zu Bruder Gutfried passte - oder er zu ihr, je nachdem von welchem Standpunkt aus man es betrachtete.

Der Geistliche musste einer der ältesten Menschen sein, die ihr jemals begegnet waren, wenn nicht der älteste überhaupt - und dieser Eindruck entstand nicht etwa durch den schütteren grauen Kranz, der drei Viertel seines ansonsten kahlen Schädels umspannte. Sein Gesicht war eine einzige Landschaft aus Runzeln und Falten und die längst trüb gewordenen Augen verbargen sich hinter den Gläsern einer dicken, aber randlosen Brille. Als Gutfried den Kopf drehte, um ebenfalls zur Kirche zu blicken, entdeckte sie etwas höchst Bemerkenswertes: Obwohl Gutfried nur noch so wenige Haare hatte, dass er jedem einzelnen davon einen Namen hätte geben können, hatte er sie sich lang wachsen lassen und im Nacken mit einem schwarzen Gummi zusammengebunden. Seltsam: Sie hatte noch nie von einem Geistlichen mit einem Pferdeschwanz gehört!

»Vielleicht«, sagte sie ausweichend.

»Du hast ganz bestimmt nicht vor, das zu tun«, antwortete Gutfried lächelnd. »Aber denk einfach daran: Wenn du mich brauchst, dann bin ich da. Und nun geh zurück zu den anderen. Ich glaube, man wartet bereits auf dich. Und Gäste sollte man nicht warten lassen, nicht einmal an einem so traurigen Tag wie heute.«

Er deutete zum anderen Ende des Friedhofs. Zweifellos hatte er Recht: Die Trauergesellschaft befand sich bereits wieder auf halbem Wege zum Ausgang, aber etliche waren auch stehen geblieben und sahen zu ihr zurück. Obwohl sich Leonie noch vor ein paar Minuten hatte zusammenreißen müssen, um nicht unhöflich zu ihm zu sein, wäre es ihr für einen Moment fast lieber gewesen, hier bei Gutfried zu bleiben und noch ein wenig mit ihm zu reden. Sie kannte den Geistlichen ja fast gar nicht, dennoch weckte er ein Gefühl in ihr, das sie nur mit dem Wort Vertrauen beschreiben konnte. Vielleicht lag es an etwas so Banalem wie seiner Soutane, vielleicht aber auch daran, dass sie einfach wusste, seine Worte waren ehrlich gemeint; auch wenn sie ihr nicht wirklich Trost spenden konnten.

Leonie konnte nicht mehr sagen, wie viele Hände sie an diesem Morgen schon geschüttelt und wie viele Beileidsbekundungen sie entgegengenommen hatte. Die wenigsten davon hatten ihr wirklich etwas bedeutet. Schon weil sie die allermeisten Trauergäste gar nicht kannte.

Sie nickte noch einmal zum Abschied und ging dann ohne ein weiteres Wort davon. Sie spürte, dass Gutfried ihr nachsah, doch als sie sich nach ein paar Schritten noch einmal zu ihm umdrehte, war er verschwunden.

Leonie setzte ihren Weg fort, aber sie kam auch jetzt nur ein paar Schritte weit, bevor ihr Vater auf sie zutrat und sie abermals stehen blieb.

»Was wollte er?«, fragte er.

»Wer?«

»Der Pfarrer.« Ihr Vater machte eine Kopfbewegung in Richtung des Grabes.

»Bruder Gutfried, meinst du.«

Ihr Vater nahm die Sonnenbrille ab, die er trotz des bedeckten Himmels an diesem Morgen aufgesetzt hatte und sah sie einen Moment lang so nachdenklich an, dass Leonie fast ein schlechtes Gewissen bekam, auch wenn sie nicht sagen konnte warum. »Bruder Gutfried«, wiederholte er. »Du kennst also schon seinen Namen?«

»Er hat sich vorgestellt«, antwortete Leonie. »Mehr nicht.« Sie hob die Schultern. »Ich weiß nicht, was er wollte. Was sie alle wollen, nehme ich an.«

»Unsere Kirchensteuer.«

Leonie überging die bissige Bemerkung. Sie war so etwas von ihrem Vater gewohnt, aber sie fand es im Moment ziemlich unpassend. »Mir Trost spenden«, sagte sie.

»Und dich ganz nebenbei dazu überreden, in seinen Trachtenverein einzutreten«, vermutete Vater. Er setzte die Sonnenbrille wieder auf. »Hat man denn nirgends vor diesen Typen Ruhe?«

»Wenn du so darüber denkst, warum hast du ihn dann überhaupt bestellt?«, fragte Leonie.

»Ich habe ihn nicht bestellt.« Ihr Vater schüttelte ärgerlich den Kopf und machte dann eine Geste, mit der er das Thema offensichtlich für beendet erklärte. »Na ja, auch egal. Komm jetzt. Wir sind spät dran und die anderen warten schon.« Er drehte sich um und schritt kräftig aus, um der Trauergesellschaft zu folgen. Offensichtlich ging er davon aus, dass Leonie ihm folgte. Als sie jedoch nichts dergleichen tat, blieb er nach ein paar Schritten wieder stehen und sah zu Leonie zurück. »Was ist denn noch?«, fragte er unwillig.

Leonie deutete zaghaft auf die Trauergesellschaft. »Ich möchte das nicht.«

»Du möchtest was nicht?«, fragte ihr Vater - obwohl sie sicher war, dass er ganz genau wusste, wovon sie sprach. Es war nicht das erste Mal, dass sie dieses Gespräch führten.

Dennoch antwortete sie: »Dieser... Leichenschmaus. Ich finde das widerlich. Ich will da nicht hin.«

Sie konnte sehen, wie sich das Gesicht ihres Vaters weiter verdüsterte, aber der erwartete Zornesausbruch blieb aus. Der Ausdruck, der sich auf seinem Gesicht ausbreitete, war eher Resignation. »Aber Leonie, darüber haben wir doch schon gesprochen.«

»Ich weiß«, sagte Leonie stur. »Aber ich finde das... einfach geschmacklos. Gerade du sagst doch immer, dass man mit diesen überkommenen Traditionen...«

»Ich weiß, was ich gesagt habe«, fiel ihr Vater ihr ins Wort. In seinen Augen blitzte es auf, aber nur ganz kurz, dann wurden seine Stimme und sein Blick wieder weich. »Mir geht es doch auch nicht anders. Aber deine Mutter...«

»Ich kenne die meisten von diesen Leuten noch nicht einmal!«, protestierte Leonie.

»Genauso wenig wie ich«, sagte ihr Vater. Er schüttelte hastig den Kopf. »Ich wusste gar nicht, wie groß unsere Familie ist. Wenn du mich fragst, dann sind die Hälfte davon Erbschleicher, Cousinen um siebzehn Ecken, die sich nach zwanzig Jahren wieder daran erinnern, dass sie eine Verwandte haben - und dass da möglicherweise etwas zu holen ist.«