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»Wenn du wirklich so denkst, verstehe ich immer weniger, warum du auf diesem peinlichen Theater bestehst«, erklärte Leonie.

»Ich habe meine Gründe«, erwiderte ihr Vater mit seiner Du-machst-mich-nur-wütend-wenn-du-nicht-aufhörst-Stimme. »Komm jetzt. Je eher wir dort sind, desto eher ist es auch wieder vorbei.«

Leonie gab auf. Wenn sie weitermachte, würde ihr Gespräch nur in einem Streit enden. Sie hatte ein durchaus gutes Verhältnis zu ihrem Vater, und er war normalerweise auch niemand, der eine Diskussion scheute und einfach autoritär auf seiner Meinung beharrte, aber wenn dieser ganz bestimmte Ton in seiner Stimme war, dann war es im Allgemeinen ratsam, ihn nicht weiter zu reizen. Außerdem tat sie ihrem Vater möglicherweise Unrecht. Die Situation war für ihn bestimmt ebenso schwierig wie für sie. Woher nahm sie eigentlich das Recht, sich einzubilden, dass nur sie allein trauern durfte?

Sie legten den Rest des Weges zum Friedhofstor und dann zum Wagen schweigend zurück. Leonies Mutter wartete bereits auf dem Rücksitz des schweren Volvo auf sie. Auch sie trug eine der Witterung ganz und gar nicht angemessene Sonnenbrille, aber aus anderen Gründen als ihr Vater. In den vergangenen drei Tagen hatte sie fast ununterbrochen geweint, und in den Nächten vermutlich auch. Seit sie an diesem Morgen in den Wagen gestiegen und zum Friedhof gefahren waren, hatte sie sich mit eiserner Willenskraft beherrscht, aber es war Leonie ein Rätsel, woher sie die Energie dazu nahm.

Als Leonie zu ihr in den Wagen stieg, rang sie sich zu einem bitteren Lächeln durch, das aber fast schneller wieder erlosch, als es gekommen war. Sie sagte nichts, doch sie ergriff Leonies Hand und hielt sie fest, bis sie das Lokal erreicht hatten, das nur zehn Minuten vom Friedhof entfernt lag.

Was dann folgte, war der reinste Albtraum. Es war genauso, wie sie ihrem Vater gegenüber gesagt hatte: Sie kannte kaum jemanden von der erstaunlich großen Trauergesellschaft, und selbst die wenigen Gesichter, die sie schon einmal gesehen hatte, trugen für sie keine Namen. Viele dieser größtenteils fremden Menschen waren alt, etliche sicher so alt, wie es ihre Großmutter gewesen war, manche noch sehr viel älter - Langlebigkeit, das hatte Großmutter immer gesagt, lag nun einmal in ihrer Familie -, aber es war auch eine Anzahl erstaunlich junger Leute darunter, was Leonie doch einigermaßen überraschte. Ihre Großmutter war eine sehr weltoffene und jung gebliebene Frau gewesen, wenn man ihr Alter bedachte, und doch fiel es Leonie schwer zu glauben, dass sie mit wildfremden Menschen befreundet gewesen sein sollte, die gut und gerne ihre Enkelkinder hätten sein können.

Leonie wusste später nicht, wie sie die nächsten anderthalb Stunden hinter sich gebracht hatte. Ihre Mutter gab in all der Zeit kein einziges Wort von sich, und auch sie selbst war einsilbig und verschlossen und rang sich nur dann und wann einen halben Satz oder ein angedeutetes dankbares Nicken ab, wenn irgendeiner dieser Fremden an ihren Tisch trat, um etwas zu sagen, was er für freundlich hielt, oder ihnen zum x-ten Mal sein Beileid auszusprechen. War sie schon nur widerwillig mit hierher gekommen, so fand sie die Situation bald unerträglich. Es mochte ein uralter Brauch sein, dass sich alle Verwandten und Freunde des Verstorbenen noch einmal zusammenfanden, um sich möglicherweise ein letztes Mal in dieser Konstellation zu sehen, aber das hier war so ganz und gar nicht das, was sie sich unter einer Trauergesellschaft vorgestellt hatte. Nur die wenigsten Gäste saßen schweigend da oder unterhielten sich mit ernsten Gesichtern und gedämpften Stimmen, wie man es bei einer Gelegenheit wie dieser erwartet hätte. Über dem großen Saal, in den Vater die Trauergäste eingeladen hatte, lag keine vornehme Ruhe, sondern es herrschte hier ganz im Gegenteil eine eher aufgekratzte, beinahe schon fröhliche Stimmung. Es wurde gelacht, Weingläser kreisten. Leonie fühlte sich von den meisten dieser so genannten trauernden Hinterbliebenen regelrecht angewidert. Weniger wegen der Worte ihres Vater auf dem Friedhof als vielmehr aus Rücksicht auf ihre Mutter beherrschte sie sich und schluckte die bitteren Bemerkungen, die ihr gleich zu Dutzenden auf der Zunge lagen, ausnahmslos hinunter, aber sie zählte jede Minute und flehte insgeheim, dass es bald vorbei sein möge.

Obwohl er selbst es gewesen war, der auf dieser unwürdigen Veranstaltung bestanden hatte, schien es ihrem Vater ganz ähnlich zu ergehen wie ihr, denn auch seine Miene verdüsterte sich zusehends. Als sie hereingekommen waren, hatte er die Sonnenbrille aufbehalten, sodass Leonie seine Augen nicht sehen konnte, aber sie spürte dennoch, dass sein Blick immer feindseliger über die Versammlung glitt.

»Verdammte Erbschleicher«, murmelte er.

Leonie warf einen raschen erschrockenen Blick zu ihrer Mutter hin, aber sie schien von dieser kurzen Entgleisung gar nichts mitbekommen zu haben. Von dem Glas Wein, das ihr der Kellner eingeschenkt hatte, hatte sie bisher keinen Tropfen getrunken. Sie hielt das langstielige Glas in der Hand und drehte es langsam hin und her. Lichtreflexe von seiner Oberfläche spiegelten sich auf ihrer Sonnenbrille und huschten über ihr Gesicht, aber das war seit einer Stunde auch alles, was sich darin bewegte.

»Wenn du wirklich so denkst, wieso sind wir dann eigentlich hier?«, fragte sie leise. »Alle haben ihre Käsebrötchen gegessen und ihren Kaffee getrunken. Eigentlich könnten wir jetzt gehen.«

»Noch nicht«, entgegnete ihr Vater. Er sah auf die Uhr, als warte er auf jemanden. Leonie sagte nichts mehr, sondern fasste sich in Geduld. Eine weitere halbe Stunde verging, ohne dass irgendetwas anderes geschah, als dass sich die Stimmung im Saal noch weiter hob. Es waren mittlerweile nicht nur vereinzelte Lacher, die an ihr Ohr drangen, und die Kellner brachten jetzt eindeutig mehr Bier und Wein als Kaffee und Limonade an die Tische. Leonie hätte sich kaum noch gewundert, wenn jemand eine Münze in die Musikbox geworfen hätte, die in der Ecke stand.

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und verließ den Saal, angeblich um zur Toilette zu gehen. Sie schloss sich in der Kabine ein und saß gute zehn Minuten auf dem Toilettendeckel, das Gesicht in den Händen vergraben, ehe sie die Tür wieder öffnete und in den Waschraum hinaustrat. Das Gesicht, das ihr aus dem großen Spiegel über dem Waschbecken entgegenblickte, schien einer Fremden zu gehören. Sie war so blass, dass sie beinahe vor sich selbst erschrak, und irgendetwas daran kam ihr... falsch vor. Aber was? Sie kannte dieses Spiegelgesicht seit nunmehr fast sechzehn Jahren (auch wenn es sich zugegebenermaßen in dieser Zeit ziemlich radikal verändert hatte), doch es war ihr noch nie so sonderbar... deplatziert vorgekommen wie jetzt.

Leonie blieb noch einmal stehen und betrachtete ihr eigenes Konterfei im Spiegel kritisch. Natürlich sah sie anders aus als sonst. Statt der ausgesucht modischen Kleidung, die sie normalerweise bevorzugte, hatte sie zu diesem traurigen Anlass einen schlichten schwarzen Hosenanzug angezogen und nur einen Hauch von Make-up aufgelegt. Ihr zu einer modischen Bürstenfrisur hochgekämmtes, weiß-blond gefärbtes Haar wollte nicht wirklich zu ihrer ansonsten seriösen Kleidung passen, und sie kam sich auch ein wenig nackt vor, denn sie hatte auf Wunsch ihrer Eltern auf jeglichen Schmuck verzichtet - abgesehen von der kleinen silberfarbenen Nadel, die sie an einer dünnen Kette um den Hals trug. Leonie wusste nicht, was sie bedeutete, und auch nicht mehr, woher sie sie hatte. Sie besaß sie schon, solange sie denken konnte, und sie wollte sie auch nicht mehr missen.

Nein, es war etwas mit ihrem Gesicht. Vielleicht lag es einfach an ihrem Alter. Leonie war schon immer ein hübsches Kind und später ein gut aussehendes junges Mädchen gewesen, aber seit einiger Zeit begann das Kindliche mehr und mehr aus ihrem Gesicht zu verschwinden und etwas anderem Platz zu machen. Ihre Großmutter war nicht müde geworden, ihr zu prophezeien, dass sie eines Tages eine sehr schöne junge Frau werden würde, und diese Prophezeiung schien sich nun allmählich zu erfüllen. Doch irgendetwas daran war falsch. Es war ein verrücktes Gefühl, aber Leonie schien... gar nicht sich selbst anzusehen, sondern ein Gesicht, das nicht in diesen Spiegel gehörte. Unheimlich.