»Was ist unheimlich?«
Leonie fuhr erschrocken zusammen und bemerkte erst jetzt, dass neben ihrem ein zweites Gesicht im Spiegel aufgetaucht war. Und dann erschrak sie erneut und noch heftiger, denn es war das Gesicht ihrer Großmutter.
Beinahe entsetzt fuhr sie herum und prallte so heftig zurück, dass sie schmerzhaft gegen die Kante des Waschbeckens stieß.
Natürlich war es nicht ihre Großmutter. Es war eine junge Frau, die höchstens zehn Jahre älter war als Leonie selbst, und auf den zweiten Blick sah sie ihrer Großmutter nicht einmal wirklich ähnlich. Leonie blickte rasch über die Schulter in den Spiegel zurück, um sich davon zu überzeugen, dass das Gesicht darin auch tatsächlich zu der jungen Frau gehörte. Es konnte kein Zweifel daran bestehen. Mit dem Spiegel war alles in Ordnung und auch mit dem Gesicht der jungen Frau. Ihre Nerven spielten ihr einen Streich, das war alles.
»Was ist unheimlich?«, fragte die junge Frau noch einmal. Leonie starrte sie nur verständnislos an. Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, das Wort laut ausgesprochen zu haben, aber es musste wohl so gewesen sein.
»Nichts«, sagte sie. »Es ist alles in Ordnung.«
Der Blick der jungen Frau wurde weich. »Du bist Leonida, nicht wahr?«
»Leonie«, antwortete Leonie.
»Deine Großmutter hat viel von dir erzählt«, fuhr die junge Frau unbeeindruckt fort. »Ich kenne dich schon fast genauso gut wie sie selbst.«
»So?«, fragte Leonie. »Wann soll das gewesen sein?«
Ihre Großmutter hatte das Haus in den zurückliegenden sechs oder sieben Jahren fast nicht mehr verlassen; spätestens seit dem Moment, in dem ihre fortschreitende Krankheit sie endgültig an den Rollstuhl gefesselt hatte, war ihr das auch gar nicht möglich gewesen.
»Oh, wir kennen uns schon sehr lange«, behauptete die junge Frau. Das war eine sehr dumme Lüge, fand Leonie. Sie musterte ihr dunkelhaariges Gegenüber noch einmal kritisch und korrigierte ihre Schätzung, was das Alter der Frau anging, noch einmal ein gutes Stück nach unten. Sie war kein Jahr älter als zwanzig.
»Mein Name ist Theresa«, fuhr sie fort. »Ich wollte sowieso schon lange mit dir reden. Ich...«
»Gern«, fiel ihr Leonie ins Wort, leise, aber in so bestimmtem Ton, dass Theresa verdattert mitten im Wort abbrach und sie fast erschrocken ansah. »Aber nicht jetzt. Ich glaube, meine Eltern warten schon auf mich. Sie werden sich Sorgen machen, wenn ich zu lange fortbleibe.«
Und damit wandte sie sich ab um zu gehen. Es war sehr unhöflich, die junge Frau einfach so stehen zu lassen, aber das war ihr egal. Sie bedauerte es schon, überhaupt mit ihr gesprochen zu haben, und verließ den Raum so schnell, dass Theresa keine Gelegenheit fand, noch etwas zu sagen. Leonie war erregt, aber auf eine Art, die sie noch nie erlebt hatte und die sie erschreckte. So verrückt der Gedanke auch klang, sie hatte mehr und mehr das Gefühl, nicht hierher zu gehören. Das alles ging sie nichts an. Es war falsch.
Sie war zwei oder drei Schritte den Flur hinuntergegangen, als die Tür hinter ihr wieder aufflog. »Leonie!«, rief Theresa. »Bitte bleib stehen! Ich muss mit dir reden! Es geht um die Buchhandlung und...«
Vom anderen Ende des Flures aus ertönte ein spitzer Schrei, dann das Klirren und Scheppern von zerbrechendem Porzellan und Glas. Die Tür zur Küche am Ende des langen Korridors schwang auf, und etwas Winziges, Graues huschte herein und verschwand so schnell unter der nächsten Fußleiste, dass Leonie nur einen verschwommenen Schatten erkannte. Nur einen Moment später stürmte einer der Kellner aus der Küche. Er wirkte aufgelöst und hielt eine Bratpfanne in der rechten Hand, wie ein Aufseher seine Keule und...
Leonie blinzelte. Wie ein was? Sie versuchte sich darüber klar zu werden, warum sie das gedacht hatte, aber es gelang ihr nicht. Und im nächsten Moment hatte sie diesen Gedanken sogar bereits vergessen. Alles, was zurückblieb, war ein tiefes Gefühl von Leere, als wäre da in ihrem Gedächtnis, wo eine bestimmte Erinnerung sein sollte, nur noch ein schwarzer Abgrund.
Der Kellner hielt mitten im Schritt inne und sah überrascht in Theresas und ihre Richtung. Plötzlich wirkte er mit der halb erhobenen Bratpfanne gar nicht mehr bedrohlich, sondern nur noch lächerlich. Und er schien es wohl auch selbst zu merken, denn er ließ seine improvisierte Waffe hastig sinken und rettete sich in ein verunglücktes Lächeln, das seine Verlegenheit aber nur noch betonte.
»Es ist alles in Ordnung«, sagte er hastig.
»Was war denn los?«, fragte Theresa.
»Nichts«, beteuerte der Kellner. »Kein Grund zur Aufregung. Eines der Mädchen hat ein Tablett fallen lassen, weil es sich vor einer Maus erschreckt hat.«
»Eine Maus?«, wiederholte Theresa stirnrunzelnd. »In einem vornehmen Restaurant?«
»Das ist das erste Mal, dass so etwas passiert«, versicherte der Kellner in merklich kühlerem Ton. Man sah ihm an, dass er lieber etwas ganz anderes gesagt hätte - etwas, das nicht annähernd so höflich war -, aber er fuhr nach einer winzigen Pause dennoch fort. »Ich werde sofort den Kammerjäger benachrichtigen.«
»Das will ich auch hoffen«, erwiderte Theresa. Sie sank dadurch noch ein gehöriges Stück weiter in Leonies Achtung, aber es fiel ihr sonderbar schwer, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Eine Maus? Irgendetwas daran kam ihr ungemein wichtig vor, aber sie wusste nicht was. Und auch dieser Gedanke entglitt ihr wieder, bevor sie ihn ganz zu Ende denken konnte.
Der Kellner antwortete, und auch Theresa blieb ihm nichts schuldig, aber Leonie hörte nicht mehr hin, sondern nutzte den aufkommenden Streit, um sich endgültig abzusetzen.
Ihr Vater wartete bereits mit sichtlicher Ungeduld auf ihre Rückkehr. Allein während der wenigen Sekunden, die Leonie für die paar Schritte vom Eingang bis zum Tisch brauchte, sah er dreimal demonstrativ auf die Armbanduhr. Er sagte nichts, aber Leonie konnte seinen ärgerlichen Blick selbst durch die getönten Gläser der Sonnenbrille hindurch spüren, als sie neben ihm Platz nahm. Sie begriff ihren Vater immer weniger. Er strahlte eine Aggressivität aus, die man fast mit Händen greifen konnte. War irgendetwas vorgefallen, während sie fort gewesen war?
Leonie rutschte einen Moment lang unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her und nippte schließlich an ihrem Mineralwasser, nur um ihre Hände zu beschäftigen. Ihr Vater sah immer wieder auf die Uhr und sein Blick irrte zur Tür. Vielleicht hatte er ja gar nicht auf ihre Rückkehr gewartet.
Kaum war ihr dieser Gedanke durch den Kopf gegangen, da ging die Tür auf und Bruder Gutfried trat ein. Ein Schatten huschte über Vaters Gesicht. »Wer hat den denn eingeladen?«, grollte er und stand auf.
Mutter legte ihm beruhigend die Hand auf den Unterarm. »Bitte mach keinen Ärger, Klaus«, sagte sie. »Nicht heute.«
»Keine Sorge.« Leonies Vater machte sich mit sanfter Gewalt los. »Ich mache keinen Ärger. Es geht ganz schnell.« Er trat um den Tisch herum, näherte sich Bruder Gutfried, der schon auf halbem Wege zu ihnen war, und brachte ihn mit einer herrischen Geste zum Stehen. Leonie konnte nicht hören, was gesprochen wurde, aber ihr Vater wirkte ziemlich aufgebracht, während Gutfried immer betroffener aussah. Schließlich drehte sich der Geistliche wieder um und ging - allerdings erst nachdem er Leonie einen langen, sonderbar bedauernden Blick zugeworfen hatte.