»Was wollte er?«, fragte sie, als ihr Vater wieder Platz genommen hatte.
»Sich aufspielen - was weiß ich?«, antwortete ihr Vater ruppig. »Keine Sorge, er wird nicht - ah, endlich!« Er richtete sich gerade in seinem Stuhl auf und wandte sich der Tür zu.
Als Leonie seinem Blick folgte, erkannte sie, dass ein weiterer Gast den Saal betreten hatte. Es war Theresa. Sie befand sich in Begleitung eines jungen Mannes, der nur wenige Jahre älter als sie war und den Leonie bisher noch gar nicht bemerkt hatte. Als sie Leonies Blick begegnete, warf sie ihr ein flüchtiges, aber trotzdem sehr warmes Lächeln zu, sah sich aber dann suchend um und steuerte zusammen mit ihrem Begleiter einen der wenigen noch frei gebliebenen Sitzplätze an. Ihr Vater, dessen Ungeduld sichtlich immer größer wurde, wartete gerade so lange, bis sie Platz genommen und bei dem unverzüglich herbeigeeilten Kellner eine Bestellung aufgegeben hatten, dann stand er auf, hob sein Weinglas und schlug dreimal leicht mit seinem Kaffeelöffel dagegen. Der hell klingende Ton brachte die Gespräche im Saal augenblicklich zum Verstummen.
»Jetzt, wo wir endlich alle beisammen sind...«, Vater räusperte sich und schoss einen viel sagenden Blick in die Richtung Theresas und ihres Begleiters ab, »... können wir ja anfangen. Zum einen möchte ich euch allen danken, dass ihr gekommen seid. Auch wenn es ein sehr trauriger Anlass ist, der uns zusammenbringt, weiß ich es zu schätzen, die ganze Familie wieder einmal beisammen zu sehen.«
Familie?, dachte Leonie überrascht. Den allergrößten Teil dieser Leute hier kannte sie noch nicht einmal!
»Aber ich weiß natürlich auch, dass es noch einen anderen Grund für diese... Zusammenkunft gibt«, fuhr ihr Vater fort. Man konnte ihm ansehen, wie unbehaglich er sich fühlte. Offensichtlich war das, was er zu sagen hatte, nicht unbedingt angenehmer Natur. »Ihr alle seid natürlich - mit Recht - neugierig zu erfahren, wie es mit der Buchhandlung und Theresas Erbe weitergeht.«
Leonie sah ihren Vater überrascht an. Nach allem, was er vorhin über diese Erbschleicher gesagt hatte, konnte das ja wohl nicht sein Ernst sein?
»Die offizielle Testamentseröffnung«, fuhr ihr Vater mit einem neuen, unbehaglichen Räuspern fort und griff gleichzeitig in die Tasche, um einen schmalen Briefumschlag hervorzuziehen, »ist erst in drei Tagen, aber ich weiß, dass viele von euch eine lange Anreise hinter sich gebracht haben und viele auch nicht so lange bleiben können. Ich habe deshalb hier eine beglaubigte Kopie ihres letzten Willens mitgebracht, die ihr gerne einsehen könnt.«
Er legte eine Pause ein und ein sonderbar erschrockenes Schweigen begann sich im Saal breit zu machen. Etliche Gäste tauschten verwirrte oder auch beunruhigte Blicke miteinander, die meisten aber starrten Leonies Vater einfach nur an. Leonie war sicher, dass sie auf mehr als nur einem Gesicht echte Bestürzung las.
»Aber... wieso letzter Wille?«, fragte Theresa. »Es ist seit mehr als hundert Generationen in unserer Familie üblich...«
»Manchmal muss man auch mit lieb gewordenen alten Traditionen brechen«, fiel ihr Leonies Vater ins Wort. Er wedelte mit seinem Briefumschlag. »Genau aus diesem Grund hat Theresa vor einer Woche dieses Schriftstück verfasst; drei Tage vor ihrem Tod. Wie gesagt, ich lasse es gern herumgehen, damit ihr euch alle von seiner Echtheit überzeugen könnt.« Er reichte dem Gast, der ihm am nächsten war, den Umschlag und gab ihm zu verstehen, dass er ihn öffnen und weitergeben sollte, wenn er seinen Inhalt geprüft hatte.
»Um die Angelegenheit zu vereinfachen«, fuhr er nach einem abermaligen Räuspern fort, »gebe ich euch eine kurze Zusammenfassung seines Inhalts. Es ist alles ein wenig kompliziert, aber es läuft in der Sache auf Folgendes hinaus: Theresa Leonida Kammer hat entschieden, dass ihre Tochter Anna Leonie...«, er deutete auf Leonies Mutter, »... ihr alleiniges Erbe antreten soll.«
Für Leonie, die diesem gesamten Auftritt immer weniger Sinn abgewinnen konnte, war diese Eröffnung nichts Besonderes, schließlich war ihre Mutter Großmutters einziges Kind und somit ganz automatisch auch ihre Erbin.
Allerdings schien sie die Einzige hier zu sein, der es so erging; abgesehen vielleicht von ihrer Mutter.
Vaters Eröffnung hatte buchstäblich eingeschlagen wie eine Bombe. Für eine einzelne Sekunde wurde es so still, dass man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können, und dann brach ein regelrechter Tumult los. Mit einem Mal sprachen und schrien alle durcheinander, der eine oder andere sprang sogar auf und begann wild zu gestikulieren. Nur Leonies Vater blieb vollkommen ruhig; als hätte er genau diese Reaktion erwartet und sich innerlich darauf vorbereitet. Leonie dagegen war völlig überrascht; sie verstand die ganze Aufregung nicht im Geringsten. Erneut musste sie daran denken, was ihr Vater vorhin auf dem Friedhof gesagt hatte, aber ihr wurde erst jetzt klar, wie bitterernst seine Bemerkung über die Erbschleicher gemeint gewesen war.
Der Tumult dauerte eine volle Minute, bis schließlich Theresa aufstand und mit einer entsprechenden Geste für Ruhe sorgte. Es wurde nicht ganz still, aber immerhin ruhig genug, dass sie sich an Leonies Vater wenden konnte, ohne schreien zu müssen.
»Das kannst du nicht im Ernst meinen«, sagte sie. »Du weißt ganz genau, dass es seit jeher...«
»Es steht überhaupt nicht zur Debatte, was ich meine«, unterbrach sie Leonies Vater ruhig. »Das Einzige, was hier zählt, ist doch wohl der letzte Wille der Verstorbenen, oder? Ich denke, wir alle hier sollten ihn respektieren.« Er deutete mit einer Kopfbewegung auf das Blatt, das mittlerweile von Hand zu Hand wanderte. Die Reaktion auf den Gesichtern derer, die es lasen, war überall dieselbe: Fassungslosigkeit, Unglaube und hier und da auch etwas, das beinahe an Entsetzen grenzte. »Du kannst es nachprüfen lassen, wenn du willst. Die Unterschrift ist echt.«
»Dieses Blatt Papier interessiert mich nicht!«, rief Theresa erregt. »Ebenso wenig, wie du an dieses angebliche Testament gekommen bist. Ich glaube das einfach nicht.« Sie machte eine entsprechende Geste. »Keiner von uns glaubt es. Es ist vollkommen unmöglich, dass Theresa Leonida das getan haben soll!«
»Was getan?«, murmelte Leonie verständnislos. »Was ist denn hier überhaupt los?«
Ihr Vater gab ihr mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie schweigen sollte, aber Theresa wandte sich nun direkt an sie und beantwortete ihre Frage: »Ich kann dir schon sagen, was los ist, Leonie! Dieses so genannte Testament kann nicht echt sein. Deine Eltern versuchen dich um dein Erbe zu bringen.«
»Bitte!«, sagte Vater.
»Mein Erbe?« Leonie schüttelte verständnislos den Kopf und deutete auf ihre Mutter. »Sie ist Großmutters nächste Verwandte.«
»Unter normalen Umständen vielleicht«, erwiderte Theresa. »Aber in deiner Familie ist es seit Jahrhunderten Sitte, dass Besitz und Wissen der ältesten Generation immer auf die jüngste Generation übergehen. Wärst du zehn Jahre älter und hättest möglicherweise selbst schon Kinder, dann würde deine Tochter alles erben. Das war schon immer so und es hat einen Grund!«
»Welchen?«, erkundigte sich Leonie.
»Vielleicht hatte es das früher einmal«, erklärte ihr Vater, bevor Theresa antworten konnte. »Und vielleicht war es auch ein guter Grund. Aber die Zeiten ändern sich und die Menschen auch. Meine Schwiegermutter hat nun einmal so entschieden, ob uns das gefällt oder nicht.«
Theresa funkelte ihn an. »Anna, sag doch auch etwas dazu!« Sie wandte sich direkt an Leonies Mutter. »Schließlich gehört dein Mann nicht einmal zur Familie!«
»Es war Mutters letzter Wunsch«, sagte Leonies Mutter leise. Sie starrte weiter ins Leere; auf eine seltsam entrückte Art, die Leonie an die schreckliche Zeit vor vielen, vielen Jahren erinnerte, als ihr kleiner Bruder plötzlich sehr krank geworden und kurz darauf gestorben war. Vielleicht war es die erneute Konfrontation mit dem Tod eines geliebten Menschen, der sie so schrecklich verloren und verletzlich wirken ließ, und ganz so wie damals war es Leonie, die sich deswegen Vorwürfe machte - so als sei sie sowohl schuld am Tod ihres Bruders vor einer halben Ewigkeit als jetzt auch am Tod ihrer Großmutter. »Und«, Mutter raffte sichtlich ihre letzte Kraft zusammen, »ich möchte, dass Klaus für mich spricht.«