»Und du?« Theresa wandte sich fast flehend an Leonie, aber auch sie schüttelte nur den Kopf. Sie verstand die ganze Aufregung nicht im Geringsten.
»Ich glaube das nicht«, beharrte Theresa.
»Damit habe ich gerechnet«, bekannte Leonies Vater gleichmütig. Er griff erneut in die Jackentasche und zog einen zweiten Umschlag hervor. »Ich hatte zwar gehofft, dass es nicht so weit kommt, aber ich hielt es für besser, auf alles vorbereitet zu sein.« Er wedelte mit dem Umschlag. »Das hier ist ein graphologisches Gutachten, das die Richtigkeit der Unterschrift bestätigt.«
»Euer Papier interessiert mich nicht!«, sagte Theresa verächtlich.
Vater lachte. »Das sagt ausgerechnet eine von euch?«, fragte er kopfschüttelnd.
»Es ist vollkommen unmöglich«, beharrte Theresa wieder. »Sie kann das nicht getan haben!«
»Völlig unmöglich!«, pflichtete ihr einer der anderen bei.
Leonies Vater setzte zu einer scharfen Antwort an, aber dann schien er sich im letzten Moment anders zu besinnen. Er beließ es bei einem Seufzen, drehte sich kopfschüttelnd um und gab Leonie und ihrer Mutter mit einer entsprechenden Geste zu verstehen, dass sie aufstehen sollten.
»Ihr könnt jetzt nicht einfach so gehen!«, keuchte Theresa.
»Wir können und wir werden«, antwortete Vater. Zwar in bedauerndem Ton, doch zugleich auch sehr entschieden. »Ich hatte gehofft, dass es nicht so weit kommt, aber bitte. Die offizielle Testamentseröffnung ist in drei Tagen, wie bereits gesagt. Die Adresse steht auf dem Umschlag. Darunter steht übrigens auch noch die Nummer unseres Rechtsanwalts, falls es noch weitere Fragen gibt.«
»Aber das kann doch alles nicht wahr sein!«, empörte sich Theresa. »Ist... ist euch nicht klar, welches Risiko ihr eingeht? Welchen furchtbaren Schaden ihr anrichten könnt?«
Leonies Vater würdigte sie nicht einmal mehr einer Antwort. Mit einer langsamen Bewegung wandte er sich um und ging zur Tür, dicht gefolgt von Leonie und ihrer Mutter. Ein Chor aufgebrachter Stimmen folgte ihnen, und ein oder zwei beherzte Männer versuchten sogar, sich ihnen in den Weg zu stellen, aber niemand wagte es, sie anzurühren. Leonie wäre in diesem Moment nicht auf die Idee gekommen, ihren Vater auch nur anzusprechen. Er strahlte noch immer diese Mischung aus Feindseligkeit und Entschlossenheit aus, die ihr einen eisigen Schauer über den Rücken laufen ließ; schon weil sie sie noch niemals zuvor an ihm erlebt hatte.
Die Einzige, die es wagte, ihnen bis auf den Parkplatz hinaus zu folgen, war Theresa. »So wartet doch!«, rief sie. »Wir müssen miteinander reden! Ihr wisst nicht, was ihr da tut!« Sie wollte Leonies Vater sogar am Arm festhalten, aber er machte sich mit einer wütenden Bewegung los und fuhr herum.
»Ich fürchte, Sie wissen nicht, was Sie da tun«, antwortete er, urplötzlich in eine förmliche, aber dafür umso kältere Anrede wechselnd. »Wenn Sie ein juristisches Problem haben, dann wenden Sie sich bitte an unseren Anwalt. Darüber hinaus wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mich und meine Familie nicht länger belästigen würden.«
Der Ausdruck auf Theresas Gesicht war mit nichts anderem mehr als blankem Entsetzen zu beschreiben. Sie biss sich auf die Unterlippe und starrte Vater noch zwei oder drei Sekunden lang mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Verzweiflung an, aber sie sagte nichts mehr, sondern fuhr auf dem Absatz herum und ging mit schnellen Schritten davon. Als sie an Leonie vorbeikam, flüsterte sie ihr zu: »Ich muss mit dir reden. Heute Abend!«
Leonie sah ihr verwirrt nach. Sie hätte sie am liebsten zurückgerufen oder wäre ihr nachgeeilt, aber nach dem, was gerade zwischen ihrem Vater und Theresa vorgefallen war, erschien ihr das wenig ratsam. Noch am Morgen hätte sie ohne zu zögern ihre rechte Hand darauf verwettet, dass ihr Vater niemals seine schlechte Laune an einem Unbeteiligten auslassen würde, aber seit der Beerdigung war Vater irgendwie nicht mehr derselbe. Statt Theresa also nachzueilen und sie zu fragen, was dieser bizarre Auftritt eigentlich sollte, zuckte sie nur schweigend mit den Schultern und ging weiter, um zu ihren Eltern aufzuschließen.
»Denkst du, dass das klug war?«, fragte ihre Mutter gerade. »Ich meine: Vielleicht wäre es besser gewesen, ein wenig... diplomatischer vorzugehen.«
»Diplomatischer?« Ihr Vater stieß das Wort hervor, als wäre es eine Verwünschung. »Und was hätte das geändert?« Er schüttelte zornig den Kopf. »Nichts. Wir hätten sie erst gar nicht einladen sollen!«
»Es war Großmutters Wunsch.« Leonies Mutter seufzte. Sie klang traurig, aber auf eine ganz andere Art als bisher. »Ich konnte nicht ahnen, dass so viele von ihnen kommen.«
»So viele?« Vater nahm die Sonnenbrille ab und grub in der Jackentasche nach seinen Autoschlüsseln. »Wenn du mich fragst, dann waren es alle.«
»Alle was?«, fragte Leonie.
Ihr Vater erstarrte mitten im Schritt und drehte dann mit einem Ruck den Kopf. Er sah überrascht aus, regelrecht betroffen, fast schon wie ertappt, und Leonie wurde klar, dass er geglaubt haben musste, sie wäre noch außer Hörweite.
»Alle was?«, wiederholte er. Er hatte sie verstanden, dessen war Leonie sich völlig sicher. Er stellte die Frage einzig und allein, um Zeit zu gewinnen.
»Du hast gesagt, du glaubst, sie wären alle gekommen«, wiederholte sie dennoch. »Was hast du damit gemeint?«
»Diese Verrückten«, antwortete ihr Vater. »Diese Theresa und der Rest von ihnen. Ich wusste nicht, dass es so viele sind.«
»Aber wer sind sie?«, beharrte Leonie. Sie versuchte ihre Mutter anzusehen, aber diese wich ihrem Blick sofort aus. »All diese Leute... Großmutter hat doch immer erzählt, dass sie außer uns keine lebenden Verwandten mehr hat. Und ihr auch.«
»Das sind auch keine richtigen Verwandten, Schatz«, meinte ihre Mutter.
»Sondern?«
»So einfach lässt sich das nicht erklären«, sagte ihr Vater schnell, bevor Mutter die Frage beantworten konnte. »Bisher habe ich immer gedacht, dass diese Leute einfach nur... komisch sind. Aber vielleicht sollten wir sie doch ein wenig ernster nehmen.« Er schloss die Wagentür auf, machte eine einladende Geste und sprach erst weiter, nachdem sie alle eingestiegen waren und er langsam losgefahren war - nicht ohne vorher einen Blick in den Rückspiegel zu werfen, wie um sich davon zu überzeugen, dass ihnen auch niemand folgte. »Ich will niemanden beunruhigen, aber es könnte durchaus sein, dass diese Leute auf ihre Weise gefährlich sind. Wir sollten zumindest für eine Weile vorsichtig sein.«
»Du glaubst, sie könnten gefährlich sein?«, vergewisserte sich Leonie.
»Nicht wirklich«, antwortete ihr Vater. Doch sein Tonfall konnte niemanden überzeugen - allerhöchstens davon, dass er das nur sagte, um sie zu beruhigen.
»Ich verstehe überhaupt nicht, was sie von uns wollen«, sagte Leonie verwirrt. »Es ist doch völlig in Ordnung, wenn ihr alles erbt.«
»Das sehen diese Leute offensichtlich anders«, erwiderte Vater. »Immerhin geht es um das Geschäft. Und um eine Menge Geld.«
Natürlich wusste Leonie, dass ihre Großmutter eine vermögende Frau gewesen war; und auch das Geschäft, das sie ihnen hinterlassen hatte, war alles andere als eine unbedeutende, kleine Buchhandlung. Vermutlich ging es sogar um sehr viel mehr, als sie in diesem Moment ahnte. Dennoch ergab es einfach keinen Sinn.
Sie sprach den Gedanken laut aus. »Aber wo ist denn der Unterschied, ob das Geschäft nun euch oder mir gehört?«, fragte sie. »Sie bekommen es doch auf keinen Fall.«