Ihr Vater sah wieder in den Rückspiegel, bevor er antwortete. »Woher soll ich denn wissen, was in den Köpfen dieser Verrückten vorgeht?«, fragte er. »Vielleicht glauben sie, dich leichter beeinflussen zu können als uns.«
»Beeinflussen?«
»Wir erklären dir alles«, sagte ihre Mutter. »Später, wenn wir zu Hause sind.«
Der Advokat
Zumindest in den nächsten Stunden erfuhr Leonie nichts über das Geheimnis Theresas und der anderen sonderbaren Freunde Großmutters, denn ihre Mutter ging sofort nach oben und schloss sich im Schlafzimmer ein, wie sie es in den letzten drei Tagen praktisch ununterbrochen getan hatte, und ihr Vater verschwand in seinem Arbeitszimmer und begann hektisch zu telefonieren.
Leonie protestierte nicht. Sie war noch immer zutiefst verstört und gleichzeitig auch erschrockener, als sie selbst zugeben wollte, aber innerhalb der letzten halben Stunde war einfach zu viel auf sie eingestürmt, als dass sie auch nur die Hälfte davon hätte begreifen können. Und sie spürte auch, dass zumindest ihre Mutter im Moment gar nicht in der Lage gewesen wäre, ihr irgendwelche Fragen zu beantworten. Sie war während der restlichen Rückfahrt immer schweigsamer geworden, doch über ihr Gesicht unter der Sonnenbrille waren schon wieder Tränen gelaufen, und bei allem Schmerz, den auch Leonie über den Tod ihrer Großmutter empfand, begann sie sich doch allmählich ernsthafte Sorgen um ihre Mutter zu machen.
Sie wusste, dass Mutter und Großmutter ein sehr inniges Verhältnis zueinander gehabt hatten, und entsprechend groß war natürlich auch Mutters Trauer. Aber es war eine Sache, um einen geliebten Menschen zu trauern, und eine völlig andere, drei Tage praktisch ununterbrochen zu weinen und das Leben ringsum Stück für Stück zu vergessen. Sie hatte schon zweimal daran gedacht, mit ihrem Vater darüber zu reden, es dann aber doch nicht getan. Doch nun nahm sie sich vor, dieses Gespräch spätestens heute nach dem Abendessen nachzuholen, sollte sich der Zustand ihrer Mutter bis dahin nicht wenigstens ein bisschen gebessert haben.
Sie ging in ihr Zimmer hinauf, das den gesamten ausgebauten Dachstuhl der weitläufigen Jugendstilvilla einnahm und die Dimensionen eines kleinen Saales gehabt hätte, wäre es nicht durch eine Anzahl geschickt verteilter Regale und Schränke in mehrere unterschiedlich große Bereiche geteilt worden. Die Wände zierten gerahmte Fotos, einige Kunstdrucke und eine Hand voll Poster, aus denen sie schon seit Jahren herausgewachsen war und die sie bisher nur wegzuwerfen vergessen hatte. Dazwischen hing noch eine ganze Anzahl verschiedener Schul- und Sportabzeichen. Seit Leonie zur Schule ging, gab es praktisch keinen Wettbewerb, den sie nicht gewonnen, und keine Auszeichnung, die sie nicht errungen hätte. Sowohl Leonie selbst als auch ihre Eltern hatten sich stets geweigert, das Wort Wunderkind in den Mund zu nehmen, aber Tatsache war nun einmal, dass sie bisher zwei Klassen übersprungen hatte und das Abitur also mindestens zwei Jahre früher als normal machen würde. Sie war eine ausgezeichnete Schwimmerin, hatte im vergangenen Jahr ganz nebenbei die Landesmeisterschaften im Radfahren gewonnen und betrieb seit achtzehn Monaten Taekwondo, eine koreanische Variante des Karate. Unnötig zu sagen, dass sie in diesen Sommerferien für die Schwarz-Gurt-Prüfung angemeldet war, die sie vermutlich mit Auszeichnung ablegen würde.
Nichts von alledem bedeutete ihr noch etwas. Seit dem Tod ihrer Großmutter schien auch aus ihrem Leben etwas verschwunden zu sein, von dem sie gar nicht gewusst hatte, dass es da war, solange sie es besaß; wie es einem oft mit den wirklich wertvollen Dingen im Leben ergeht.
Sie schaltete leise Musik ein und sofort wieder aus, weil es ihr plötzlich unpassend erschien, in einem Augenblick wie diesem Musik zu hören. Stattdessen legte sie sich aufs Bett, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und starrte die schräge Decke über sich an. Es war... verwirrend. Noch vor ein paar Tagen hatte sie ein Leben geführt, von dem die allermeisten Menschen nur träumen konnten, doch seit Großmutters Tod war einfach nichts mehr so, wie es sein sollte.
Es war nicht nur der Umstand, dass ihre Großmutter gestorben war. Das war zwar schrecklich und der damit einhergehende Schmerz war noch schrecklicher, aber der Tod gehörte nun einmal zum Leben dazu und ihre Großmutter war schon seit Jahren krank gewesen und außerdem sehr alt.
Doch etwas hatte sich... verändert. Leonie konnte nicht sagen was, aber sie hatte mehr und mehr das Gefühl, dass ihr gesamtes Leben plötzlich anders geworden war; schlimmer noch: dass es irgendwie... gar nicht mehr ihr eigenes Leben war, das sie führte. Sie kam sich vor wie ein Eindringling, der nicht hierher gehörte.
Sie schüttelte den Gedanken hastig ab. Nicht dass sie auch nur im Entferntesten glaubte, an diesem Unsinn könnte irgendetwas dran sein, aber allein dass sie so etwas dachte, erschreckte sie bis ins Mark. Leonie war immer und zu Recht stolz auf ihren messerscharfen Verstand und ihr Gefühl für Logik gewesen - so etwas passte einfach nicht zu ihr.
Nein, es lag nicht an ihr, es lag an diesem Tag und an all diesen seltsamen und verwirrenden Dingen, die sie erlebt und gehört hatte. Sie musste mit ihrem Vater sprechen. Sicher hatte er sich mittlerweile beruhigt und würde ihr wenigstens ein paar von den zahllosen Fragen beantworten, die ihr auf der Seele brannten. Sie stand wieder auf, verließ das Zimmer und ging ins Erdgeschoss zurück.
Leonie fand ihren Vater in seinem Arbeitszimmer, wie sie vermutet hatte. Er hatte mittlerweile aufgehört zu telefonieren und saß auch nicht mehr an seinem Schreibtisch, sondern hatte sich vor dem Safe in die Hocke sinken lassen und drehte der Tür den Rücken zu; und damit auch ihr. Leonie konnte nicht genau erkennen, was er tat, aber die Tür des kühlschrankgroßen Safes stand offen und er schien irgendetwas, das darin lag, konzentriert anzublicken.
Sie wartete eine geraume Weile darauf, dass er ihre Anwesenheit bemerkte oder sich überhaupt irgendwie rührte, doch das geschah nicht. Schließlich räusperte sie sich, machte einen Schritt in den Raum hinein und räusperte sich noch einmal, diesmal lauter, als er auch darauf nicht reagierte.
Ihr Vater fuhr so erschrocken herum, dass er in der unsicheren hockenden Stellung, in der er dasaß, um ein Haar das Gleichgewicht verloren hätte und sich mit der linken Hand auf dem Boden abstützen musste. Er wirkte so betroffen, als hätte sie ihn bei etwas Verbotenem ertappt. Leonie warf ganz automatisch einen Blick in den offenen Tresor hinter ihm. Darin befand sich jedoch nichts Aufregenderes als einige Akten, ein schmales Bündel Geldscheine und ein großes ledergebundenes Buch.
»Leonie! Du bist es nur.« Ihr Vater atmete sichtbar erleichtert auf, drehte sich jedoch hastig um und schloss mit einiger Anstrengung die schwere Safetür, bevor er aufstand und sich wieder zu ihr umwandte. Leonie sah, dass er einen altmodischen schwarz-goldenen Füllfederhalter in der Hand hielt.
»Hast du jemand anderen erwartet?«, fragte sie.
Ihr Vater war ihrem Blick gefolgt, und abermals wirkte es seltsam verstohlen, als er den Füller einsteckte; eine Spur zu hastig, wie Leonie fand. »Natürlich nicht«, sagte er. »Ich war nur... in Gedanken.«
»Was waren das denn für Gedanken?«, fragte Leonie.
Das Geräusch der Türglocke bewahrte ihren Vater davor, antworten zu müssen. Hastig drehte er sich zum Schreibtisch um und betätigte eine Taste. Der flache Computermonitor, der an der Wand darüber angebracht war, schaltete sich ein und zeigte das Bild der Überwachungskamera im Eingangsbereich.
Ein elegant gekleideter, grauhaariger Fremder in mittleren Jahren war vor der Haustür aufgetaucht und streckte gerade die Hand aus, um ein zweites Mal zu klingeln. Aber er tat es nicht, sondern ließ den Arm plötzlich wieder sinken, hob stattdessen den Kopf und blickte direkt ins Objektiv der Kamera. Leonie war einigermaßen überrascht. Die Kamera war nicht nur winzig, sondern auch so versteckt angebracht, dass man sie selbst dann kaum sah, wenn man wusste, wo man zu suchen hatte. Dennoch konnte Leonie in seinen Augen lesen, dass es kein Zufall war. Im Gegenteiclass="underline" Sie hatte plötzlich das unheimliche Gefühl, dass dieser sonderbare Fremde ihren Vater und sie über den Computermonitor ebenso aufmerksam musterte wie sie umgekehrt ihn.