»Herr Kammer?«, fragte er.
»Ja?«
Der Grauhaarige machte eine Bewegung, als lüfte er einen nicht vorhandenen Hut. »Bitte verzeihen Sie die Störung, aber ich müsste Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen«, erklärte er gestelzt.
Leonies Vater überlegte einen Moment, dann nickte er. »Einen kleinen Augenblick. Ich komme zur Tür.« Er schaltete den Bildschirm ab und trat vom Schreibtisch zurück, machte aber dann noch einmal kehrt und zog eine Schublade auf. Leonies Augen weiteten sich ungläubig, als sie die kleine Pistole sah, die er herausnahm und rasch in der Jackentasche verschwinden ließ. Sie hatte bis jetzt noch gar nicht gewusst, dass ihr Vater eine Waffe besaß!
»Was... was soll das?«, fragte sie stockend.
»Nur eine Vorsichtsmaßnahme«, antwortete ihr Vater mit einem beruhigend gemeinten Lächeln, das aber eher das Gegenteil bewirkte. »Man kann nie wissen.«
»Aber wer ist denn das?«
»Ich weiß es nicht.« Vater verließ sein Arbeitszimmer und Leonie konnte ein eisiges Schaudern nicht mehr ganz unterdrücken. Sie spürte, dass ihr Vater die Wahrheit gesagt hatte; aber wenn er es für sicherer hielt, eine Waffe mitzunehmen, obwohl er diesen Fremden gar nicht kannte, dann machte das die Sache eher noch schlimmer.
Sie folgte ihrem Vater in geringem Abstand, als er zur Tür ging. Der Umriss des Fremden war als schwarzer Schatten hinter dem bunten Tiffany-Glas der Haustür zu erkennen. Er kam ihr viel größer vor, als er auf dem Computermonitor gewirkt hatte, und auf seltsame Weise bedrohlich. Und ihrem Vater schien es ganz ähnlich zu gehen, denn seine Schritte wurden zunehmend langsamer, während er sich der Tür näherte. Seine Hand lag wie zufällig auf der Tasche, in der er die Pistole trug. Leonies Herz begann vor Aufregung schneller zu schlagen, als er endlich stehen blieb und die Tür öffnete.
Dahinter kam jedoch nichts Bedrohlicheres zum Vorschein als eben jener elegant gekleidete schlanke Mann, dessen graues Haar ihn möglicherweise älter erscheinen ließ, als er war. Er trug eine altmodische Aktentasche in der linken Hand, mit der anderen reichte er ihrem Vater eine weiße Visitenkarte mit goldener Schrift.
»Guten Tag«, sagte er.
Leonies Vater beließ es bei einem kühlen »Ja?« Er rührte keinen Finger, um die Karte anzunehmen.
»Herr Kammer?« Der Grauhaarige steckte die Karte ohne das geringste Zeichen von Verlegenheit wieder ein. Er bekam keine Antwort, was ihn aber nicht daran hinderte, einen kurzen Blick in Leonies Richtung zu werfen. »Hallo, Leonie.«
»Was kann ich für Sie tun, Herr...?«, fragte ihr Vater.
»Leichner«, stellte sich der Fremde vor. »Magister Leichner. Ich bin Advokat und suche im Auftrag von...«
»Ich kann mir ungefähr denken, in wessen Auftrag Sie hier sind«, fiel ihm Leonies Vater ins Wort. »Aber ich glaube nicht, dass ich mit Ihnen reden möchte. Wenn es um juristische Fragen geht. Dann klären Sie das doch bitte mit meinem Rechtsanwalt.«
Advokat?, dachte Leonie verwirrt. Das war ein altertümlicher Ausdruck für Rechtsanwalt, den bestimmt seit fünfzig Jahren niemand mehr benutzte.
»Genau um eine derartige Eskalation zu vermeiden, bin ich gekommen«, seufzte Leichner. »Bitte, Herr Kammer, schenken Sie mir fünf Minuten Ihrer Zeit. Möglicherweise bleibt uns allen dann eine Menge Kummer und Leid erspart.« Er lächelte ganz sacht. »Ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht hier bin, um Ihnen oder Ihrer Familie irgendeine Unbill zuzufügen, und die Waffe, die Sie in Ihrer rechten Jackentasche tragen, werden Sie gewiss nicht benötigen.«
Leonie fuhr erschrocken zusammen, und auch ihr Vater riss ungläubig die Augen auf und ließ die Hand, die noch immer auf seiner Jackentasche lag, so hastig sinken, als wäre die Pistole darin plötzlich glühend heiß geworden.
Aber dann tat er etwas sehr Seltsames: Statt Leichner endgültig rauszuwerfen oder gleich vom Grundstück zu jagen, trat er widerwillig einen Schritt zurück und machte eine abgehackte Handbewegung. »Also gut«, meinte er barsch. »Aber damit das klar ist: Ich bitte Sie nicht herein. Ich gewähre Ihnen freies Geleit ins Haus, bis Sie Ihr Sprüchlein aufgesagt haben, und wieder hinaus, aber das ist dann auch schon alles.«
Leichner lachte ganz leise. »Sie verwechseln da etwas, mein Lieber. Vampire darf man nicht ins Haus bitten, wenn man nicht Gefahr laufen will, ihrer Macht zu erliegen. Gegen Advokaten hilft das nicht.«
»Sehr witzig«, sagte Vater kalt. Er wiederholte seine auffordernde Geste. »Fünf Minuten und keine Sekunde länger.«
Das Lächeln verschwand ebenso abrupt von Leichners Gesicht, wie es darauf erschienen war. Er ergriff seine Aktentasche und folgte Leonie und ihrem Vater ohne ein weiteres Wort ins Wohnzimmer. Leonie warf ihrem Vater einen fragenden Blick zu, bekam aber nur ein angedeutetes Achselzucken als Antwort.
»Also?« Ihr Vater machte sich nicht die Mühe, Leichner einen Platz anzubieten. »Was wollen Sie?«
»Ich würde es vorziehen, wenn Sie Ihre Frau Gemahlin zu diesem Gespräch bitten würden«, sagte Leichner, aber Vater schüttelte entschieden den Kopf.
»Ich bedaure«, erwiderte er. »Meine Gemahlin ist unpässlich.«
Im ersten Moment sah Leonie ihren Vater nur perplex an, dann aber wurde ihr klar, dass er ganz bewusst zu dieser altmodisch-gestelzten Art des Redens übergegangen war, um Leichner zu verhöhnen. Der Advokat war aber auch wirklich eine seltsame Erscheinung. Er war durchaus modern gekleidet - sein Anzug war wahrscheinlich keinen Tag älter als ein Jahr -, aber gewisse Kleinigkeiten erzeugten einen altertümlichen Eindruck: nicht nur seine skurrile Art zu reden, sondern auch die altmodische Aktentasche, die er anstelle der heute üblichen schmalen Aktenköfferchen trug, und die goldene Taschenuhr, deren Kette aus seiner Westentasche ragte. Leonie konnte die Uhr selbst zwar nicht sehen, aber sie war einfach sicher, dass sie da war. Und schließlich das Unheimlichste überhaupt: Dieser seltsame Advokat wusste Dinge, die er gar nicht wissen konnte.
»Das ist bedauerlich«, sagte Leichner. Es klang ehrlich. »Ich hoffe, dass es Ihrer verehrten Gemahlin bald wieder besser geht.«
»Danke«, meinte Vater. »Eine Minute ist übrigens schon vorbei. Also kommen Sie lieber zur Sache.«
Leichner verschenkte noch einmal weitere kostbare fünf Sekunden seiner verbleibenden Zeit, um ihn vorwurfsvoll anzublicken, beließ es dann aber dabei. »Also gut«, sagte er schließlich. »Sie wissen, warum ich hier bin. Meine Mandanten lassen Sie inständig bitten, sich Ihre Entscheidung noch einmal zu überlegen.«
»Es geht hier nicht um meine Entscheidung«, erklärte Leonies Vater betont. »Als... Advokat sollten Sie wissen, dass es gar nicht in meiner Macht steht, an diesem Testament irgendetwas zu ändern.«
»Sie können es ausschlagen«, sagte Leichner rundheraus. »Kein Gericht der Welt verpflichtet Sie, das Erbe anzutreten. Dann würde Leonie automatisch in der Erbfolge aufrücken.«
»Aber was macht denn das für einen Unterschied?«, mischte sich Leonie ein. »Ich will das alles doch gar nicht! Weder das Geld noch das Geschäft.«
»Es geht doch nicht um Geld, mein liebes Kind«, entgegnete Leichner. »Und auch nicht um das Geschäft. Es geht darum, dass deine Großmutter dir alles hinterlassen hat, was sie besitzt.« Er wandte sich wieder an ihren Vater. »Sie wissen, wovon ich rede.«