Выбрать главу

»Sie haben noch zwei Minuten, das ist alles, was ich weiß«, antwortete Vater kalt. Er sah demonstrativ auf die Uhr. »Sie sollten sie nicht verschwenden.«

»Ich beschwöre Sie!«, rief Leichner. Wenn er schauspielerte, dann perfekt, fand Leonie. Seine Beinaheverzweiflung war jedenfalls durchaus überzeugend. »Es liegt wirklich nicht in meiner Absicht, die Situation in irgendeiner Form zu verschärfen, aber...«

»Sie sind nicht der erste Anwalt, mit dem ich es zu tun bekomme, Leichner«, unterbrach ihn Vater mit schneidender Stimme. »Und wenn ich dabei eines gelernt habe, ist es, dass Leute wie Sie nur solche versöhnlichen Töne anschlagen, wenn sie ganz genau um die Aussichtslosigkeit ihrer Position wissen.«

Er schüttelte heftig den Kopf. »Meine Frau und ich sind uns einig: Wir werden das Erbe antreten.«

»Wenn es Ihnen nur um Geld geht«, versuchte es Leichner auf andere Weise, »so sind meine Mandanten bereit, Sie äußerst großzügig abzufinden.«

»Sie wissen genau, dass es uns nicht darum geht«, sagte Vater. Er trat hinter Leonie und legte ihr beschützend (oder besitzergreifend?) die Hände auf die Schultern. »Wenn das alles ist, würde ich Sie jetzt bitten zu gehen.«

Leichner rührte sich nicht von der Stelle. »Bitte, nehmen Sie doch Vernunft an. Wenn schon nicht Ihretwegen, dann wegen Ihrer Tochter. Ich will Ihnen weiß Gott nicht drohen, aber Ihre rechtliche Position ist vielleicht nicht ganz so sicher, wie Sie anzunehmen scheinen.«

»So?«, fragte Vater.

Leichner schien einen Moment ernsthaft darüber nachzudenken, was er als Nächstes sagen sollte - und das vermutlich aus gutem Grund. Leonie kannte ihren Vater lange genug, um sich von seiner vorgetäuschten Ruhe nicht beirren zu lassen. In Wahrheit stand er kurz vor der Explosion.

Der Advokat trat ein Stück zur Seite und gab dabei den Blick auf den großen Flachbildfernseher frei, der wie ein modern gerahmtes Bild an der Wand über dem Kamin hing. Er war ausgeschaltet, aber für einen winzigen Moment, vielleicht nur die Zeitspanne eines Blinzelns, glaubte Leonie, doch etwas darauf zu sehen. Zuckende Flammen. Ein rotes Inferno, das vom Himmel regnete und brennende Trümmerstücke in alle Richtungen spie, das flackernde Blaulicht von Krankenwagen und Löschzügen, verweinte Gesichter und das durcheinander schrillende Jaulen von Sirenen.

Leonie blinzelte erneut und die unheimliche Vision war verschwunden. Leichner sagte: »Diese Tradition, von der Sie verächtlich reden, ist sehr alt. Mit ihr wurde nie gebrochen, und es gibt sehr viele Zeugen mit einem ausgezeichneten Leumund, die aussagen werden, dass Ihre verehrte Frau Schwiegermutter zeit ihres Lebens beteuert hat, an dieser Tradition festhalten zu wollen. Ich bin nicht so sicher wie Sie, dass die Gerichte dies alles mit einem Federstrich abtun werden.«

»Sie wollen mir also doch drohen«, erwiderte Vater. »Eine Minute.«

»Keineswegs«, beteuerte Leichner. »Ich zähle nur Tatsachen auf. Es ist bekannt, dass Ihre Frau Schwiegermutter lange sehr krank gewesen ist. Die letzten Jahre war sie an den Rollstuhl gefesselt, nicht wahr? Und mit ihrer geistigen Gesundheit stand es auch nicht mehr zum Besten, soweit ich informiert bin.«

Vaters Gesicht verdüsterte sich, und diesmal war Leonie sicher, dass er explodieren würde, aber sie kam ihm zuvor. »Was reden Sie da?«, fragte sie empört. »Meine Großmutter war der gesündeste Mensch, den ich je gekannt habe. Sie ist bei einem Unfall ums Leben gekommen!«

»Was für ein Unfall?«, fragte Leichner.

»Na, dieser... dieser schreckliche Flugzeugabsturz.« Leonie deutete aufgeregt auf den Fernseher. »Sie bringen doch seit zwei Tagen kaum noch etwas anderes!«

»Flugzeugabsturz?«, fragte Leichner wieder. »Was für ein Flugzeugabsturz?«

Ja, dachte Leonie. Was für ein Flugzeugabsturz? Sie erinnerte sich nicht an ein solches Unglück in letzter Zeit, vor allem an keines, in das ihre Großmutter verwickelt war. Und sie konnte sich auch nicht erklären, warum sie das gerade eben gesagt hatte.

»Verzeihen Sie meiner Tochter, Herr Leichner«, mischte sich ihr Vater jetzt ein. »Sie ist... ein wenig verwirrt. Es war alles zu viel für sie - genau wie für uns übrigens.«

»Ja, das... scheint mir auch so«, antwortete Leichner unsicher. Sein Blick wanderte noch einmal zu dem ausgeschalteten Fernseher und wieder zurück zu Leonies Gesicht, dann riss er sich mit sichtlicher Mühe los und wandte sich wieder an ihren Vater. »Ich bedaure aufrichtig, dass wir nicht zu einer gütlichen Einigung zu gelangen scheinen, Herr Kammer, und ich muss gestehen, dass ich Ihren Standpunkt nicht nachvollziehen kann.«

»Ach?«, fragte Vater. »Dreißig Sekunden. Dann rufe ich die Polizei. Der Begriff Hausfriedensbruch ist Ihnen doch sicher geläufig, oder?«

»Warum wollen Sie alles aufs Spiel setzen?«, fragte Leichner kopfschüttelnd. »Sie haben alles, was ein Mensch sich nur wünschen kann: Geld, eine bezaubernde Frau, eine wunderschöne, intelligente Tochter, die ihre Eltern liebt und...«

Er brach ab. Der größte Teil der Frist, die Vater ihm gewährt hatte, verstrich, während er einfach dastand und Leonie aus aufgerissenen Augen anstarrte, in denen aus einem ungläubigen Verdacht allmählich schreckliche Gewissheit wurde. Dann keuchte er, fuhr herum und starrte den Fernseher an und schließlich wieder Leonie. »Was hast du über deine Großmutter gesagt, Leonie?«, fragte er. »Sie... sie ist bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen?«

»Nein«, antwortete Leonie. »Natürlich nicht. Ich... ich weiß nicht, warum ich diesen Unsinn erzählt habe.«

Leichners Augen weiteten sich noch mehr. »Nein«, hauchte er. »Das haben Sie nicht getan! Bitte sagen Sie mir, dass Sie das nicht getan haben!«

»Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen«, sagte Vater. »Aber ich will es auch nicht. Bitte gehen Sie!«

»Sie haben es getan«, seufzte Leichner. Er klang erschüttert. »Wissen Sie denn nicht, welchen Schaden Sie damit anrichten können? Vielleicht haben Sie das sogar schon. Wir werden es nie erfahren.«

»Dann kann er ja auch nicht so schlimm sein, nicht wahr?«, fragte Vater. »Bevor Sie reden: Ich verstehe es nicht und es interessiert mich auch nicht. Und jetzt gehen Sie - bitte!«

Leichner schien noch etwas sagen zu wollen, aber dann konnte Leonie regelrecht sehen, wie alle Kraft aus ihm wich. Er fuhr sich müde mit der Hand über das Gesicht und für eine winzige Zeitspanne war die Aura von Würde und Autorität dahin, die ihn bisher umgeben hatte. Er wirkte nur noch müde, fast wie zerbrochen. »Sie hätten das nicht tun dürfen«, murmelte er. Dann wandte er sich ohne ein weiteres Wort oder auch nur einen Blick des Abschieds um und ging. Nach allem, was sie gerade gehört hatte, rechnete Leonie fest damit, dass ihr Vater ihn zur Haustür begleiten und sich davon überzeugen würde, dass er auch wirklich ginge, aber er blieb einfach stehen und starrte ihm nach.

Erst als sie das Geräusch der Haustür hörte, die ins Schloss fiel, streifte Leonie seine Hände, die immer noch auf ihren Schultern lagen, ab und drehte sich um. Ihr Vater starrte noch immer in die Richtung, in die Leichner verschwunden war.

»Was hat er damit gemeint?«, fragte sie. »Was hättest du nicht tun dürfen?«

»Nichts«, antwortete ihr Vater ausweichend. »Mach dir keine Sorgen.«

»Die mache ich mir aber«, erklärte Leonie, »und zwar umso mehr, je länger ihr mir jedes Mal ausweicht, wenn ich eine ganz bestimmte Art von Fragen stelle.«

Zu ihrer Überraschung lächelte ihr Vater. »Ja, du hast Recht«, gestand er. »Wir hätten es dir schon lange sagen sollen. Und das werden wir auch tun. Heute noch.«

»Das heißt im Klartext: nicht jetzt«, vermutete Leonie.

»Ich muss nur noch einmal mit deiner Mutter reden«, antwortete Vater ausweichend, hob aber gleichzeitig besänftigend beide Hände, als Leonie auffahren wollte. »Es dauert nur ein paar Minuten. Ehrenwort. Warte einfach hier und wir kommen gleich zurück. Dann erfährst du alles.«