Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern ging. Leonie setzte dazu an, ihm nachzulaufen, aber sie machte nur einen einzigen Schritt, bevor sie wieder stehen blieb. Ihr Vater hatte versucht ruhig zu klingen, und jeder, der ihn nicht so gut kannte wie sie, wäre vielleicht sogar darauf hereingefallen, aber sie nicht. Sie hatte die Panik gesehen, die in seinen Augen flackerte.
Unschlüssig ging sie wieder ins Wohnzimmer zurück. In ein paar Minuten, hatte ihr Vater gesagt. Sie sah auf die Uhr und beschloss, ihm allerhöchstens eine Viertelstunde zu geben, danach würde sie Mutter und ihn endgültig zur Rede stellen, und diesmal würde sie sich nicht mit irgendwelchen Ausreden abspeisen lassen.
Ganz bestimmt nicht.
Nächtliche Besucher
Aus der Viertelstunde wurden zwanzig Minuten, dann fünfundzwanzig und schließlich eine halbe Stunde, aber ihr Vater kam nicht zurück und auch Leonie ging nicht nach oben, wie sie es sich vorgenommen hatte. Sie fasste sich in Geduld. Neben vielen anderen war das schon immer eine ihrer großen Stärken gewesen, aber heute wurde sie wirklich auf eine harte Probe gestellt. Alles war so rätselhaft, so erschreckend. Und mit jeder Sekunde, die sie darüber nachdachte, schien sich ihre Verwirrung nur noch zu steigern. Nichts von all dem, was sie seit heute Morgen erlebt und gehört hatte, schien irgendeinen Sinn zu ergeben.
Endlich hörte sie das Geräusch der Schlafzimmertür und atmete innerlich auf - allerdings nur für einen Moment. Sie hörte die Schritte, auf die sie schon so lange gewartet hatte, aber auch die Stimmen ihrer Eltern, und sie klangen nicht so, als wären sie heruntergekommen, um in aller Ruhe mit ihr zu reden.
Oder um genauer zu sein: Sie stritten sich so heftig, wie Leonie es eigentlich noch nie erlebt hatte. Sie erstarrte und fragte sich, wie sie reagieren sollte, wenn ihre Eltern hereinkamen und sich vor ihren Augen weiterstritten; vielleicht gar mit ihr, oder - noch schlimmer - um sie.
Sie brauchte die Frage nicht zu beantworten. Ihre Eltern kamen zwar die Treppe herunter, aber nicht ins Wohnzimmer. Stattdessen hörte sie nach wenigen Sekunden die Tür zu Vaters Arbeitszimmer zufallen und den Klang ihrer Stimmen abschneiden. Leonie hatte es versucht, doch es war ihr nicht gelungen, zu hören, worum es bei der Auseinandersetzung ging. Aber sie war sicher, ein paarmal ihren Namen gehört zu haben. Es ging also eindeutig um sie. Anscheinend waren sich ihre Eltern doch nicht so einig darüber, ihr die Wahrheit sagen zu wollen, wie Vater behauptet hatte. Und damit war das Maß voll. Wenn Leonie irgendetwas hasste, dann wie ein kleines Kind behandelt zu werden. Was immer hier vorging, es hatte eindeutig mit ihr zu tun, und sie hatte einfach ein Recht darauf, endlich die Wahrheit zu erfahren! Mit energischen Schritten ging sie den Flur hinab und streckte die Hand nach dem Türgriff aus.
»Ich bitte dich, tu das nicht!« Mutters Stimme drang nur gedämpft durch das dicke Holz der Tür, aber es war etwas in ihrem Klang, das Leonie mitten in der Bewegung innehalten ließ. Sie zögerte noch einen Moment, doch dann ließ sie sich vor der Tür in die Hocke sinken und versuchte durch das Schlüsselloch zu spähen. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich unverzüglich. Es war nicht ihre Art, ihre Eltern zu belauschen - schon gar nicht in einem Moment wie diesem -, aber dort drinnen ging etwas vor, das sie betraf und vielleicht wichtiger war, als sie jetzt ahnte.
Durch das Schlüsselloch konnte sie nur einen winzigen Ausschnitt des Zimmers sehen: eine Ecke des Schreibtisches, einen Schatten, der vielleicht ein Stuhlbein war, und den Safe, vor dem ihr Vater vorhin gekniet hatte. Ihre Eltern konnte sie nicht sehen, wohl aber ihre Schatten, die sich in hektischer Bewegung zu befinden schienen. Leonie nahm an, dass ihr Vater unruhig im Zimmer auf und ab ging, wie immer wenn er nervös war oder besonders aufgeregt.
Da die Tür sehr massiv war, konnte sie die Stimmen ihrer Eltern nicht besonders gut verstehen, zumal sie beide äußerst erregt waren, und zwar alles andere als leise, aber dafür durcheinander redeten. Leonie verstand nur Bruchstücke, sodass sie darauf angewiesen war, sich den Rest mehr oder weniger zusammenzureimen.
»Dann sag mir... tun soll«, sagte ihr Vater gerade. »Dieser Leichner... gefährlich.«
»Aber vielleicht hat er ja Recht«, antwortete Mutter erregt. »Wir hätten... nicht... dürfen.«
»Wir haben es aber!« Ihr Vater kam um seinen Schreibtisch herum und blieb vor dem Tresor stehen. »Mir gefällt das auch nicht, aber wir haben... andere Wahl gehabt.«
Leonie hatte ein unheimliches Gefühl von Déjà-vu, das umso absurder war, als sie einen solchen Streit zwischen ihren Eltern noch nie erlebt hatte, nicht einmal ansatzweise - und dennoch erinnerte sie sich daran. Nicht genau an diese Szene, aber an etwas Ähnliches.
Aber wie konnte sie sich an etwas erinnern, was nie geschehen war?
»Und wenn wir es nun noch schlimmer machen?«, fragte Mutter. »So wie das letzte Mal - und das davor?«
»Das kannst du ja wohl kaum vergleichen. Ein solcher Fehler wird mir bestimmt nicht noch einmal passieren. Außerdem sind die äußeren Umstände vollkommen anders.«
»Mir ist er passiert«, antwortete Leonies Mutter. »Und ich wusste, was ich tat. Oder ich dachte es wenigstens.«
»Dann hilf mir!«, verlangte Vater. »Du hast Recht - wir müssen vorsichtig sein. Aber wenn wir alles bedenken, dann schaffen wir es auch. Verdammt, hast du nicht selbst gesagt, dass du Leonie dieses Schicksal ersparen willst?«
»Ja, nur... doch nicht so. Vielleicht haben wir gar keine andere Wahl.«
»Unsinn!«, widersprach ihr Vater. Er lachte leise, aber es klang eher verächtlich als amüsiert. »Warst du es nicht, die mir immer wieder gepredigt hat, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, über sein eigenes Schicksal zu entscheiden?«
»Natürlich, aber dann sollten wir Leonie dieses Recht auch zugestehen, meinst du nicht?«
»Und wie? Was glaubst du denn, welche Chancen sie noch hat, wenn sie diesen Leuten in die Hände fällt?« Ihr Vater schüttelte heftig den Kopf, zog einen Schlüsselbund aus der Tasche und ließ sich wieder vor dem Safe in die Hocke sinken. »Mir gefällt die Sache genauso wenig wie dir, Anna. Aber wir haben sie nun einmal angefangen und wir können nicht mehr zurück«, fuhr er fort, während er den Schlüssel ins Schlüsselloch schob und dann die schwere Stahltür ächzend aufzog. »Es sei denn, das Schicksal deiner Tochter ist dir egal.«
»Das ist nicht fair«, sagte Mutter.
»Das sind diese verdammten Hexen zu uns auch nicht!«
Leonie versuchte vergeblich zu erkennen, was ihr Vater aus dem Tresor nahm, doch der winzige Ausschnitt des Zimmers, den sie durch das Schlüsselloch erkennen konnte, reichte dazu einfach nicht aus. Sie begriff nur, dass es sehr schwer sein musste, denn ihr Vater richtete sich mit deutlicher Mühe wieder auf. Irgendetwas wurde mit einem dumpfen Geräusch auf den Schreibtisch abgeladen.
Dann kam ihr Vater zurück und Leonies Herz machte einen erschrockenen Sprung, als er direkt und sehr schnell auf die Tür zuging. In der nächsten Sekunde würde er sie öffnen und seine Tochter auf der anderen Seite auf Knien vorfinden und den Rest konnte er sich ohne Zweifel sehr leicht zusammenreimen.
Statt jedoch die Tür zu öffnen, schob er nur den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn zweimal um.
Leonie saß wie versteinert da. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Das war knapp gewesen! Allein die Vorstellung, wie ihr Vater reagiert hätte, wenn er sie beim Lauschen am Schlüsselloch erwischt hätte, jagte ihr einen eisigen Schauer nach dem anderen über den Rücken.
Sie hätte erleichtert sein sollen, aber sie war es nicht. Jedenfalls nicht länger als für eine oder zwei Sekunden. Dann gewann ihre Entschlossenheit wieder die Oberhand. Sie musste wissen, was in diesem Zimmer vorging, und es war ihr mittlerweile völlig gleich, ob ihr Vater nun wütend wurde oder nicht. Für einen Moment spielte sie sogar mit dem Gedanken, kurzerhand mit den Fäusten gegen die Tür zu hämmern und Einlass zu verlangen.