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Aber nur wirklich nur für einen Moment. Nach dem, was sie gerade belauscht hatte, war sie ziemlich sicher, dass ihr Vater ihr nur wieder eine neue Ausrede auftischen würde. Und selbst, wenn nicht: Sie konnte einfach nicht sicher sein, ob er ihr die Wahrheit sagte oder nicht.

Es gab jedoch einen anderen Weg, das herauszufinden. Leonie trat von der Tür zurück, eilte in die Küche und von dort aus in den Garten. Nach kaum einer Minute hatte sie das Haus umkreist und näherte sich dem Fenster von Vaters Arbeitszimmer. Die Jalousien waren heruntergelassen, aber wie sie gehofft hatte, nicht ganz geschlossen. Durch die fingerbreiten Ritzen konnte sie bequem hindurchschauen, und da drinnen Licht brannte und der Garten fast vollständig dunkel dalag, bestand auch kaum die Gefahr, dass sie entdeckt wurde. Sie konnte durch das dicke Glas zwar nicht mehr hören, was drinnen besprochen wurde, dafür aber umso besser sehen.

Ihr Vater saß am Schreibtisch, der fast vollkommen von einem sehr großen, aufgeschlagenen Buch in Beschlag genommen wurde; Leonie erinnerte sich, es früher an diesem Tag im Safe gesehen zu haben, nur war es ihr da nicht so riesig vorgekommen. In der rechten Hand hielt er den schwarz-goldenen Füllhalter, dessen Kappe er abgeschraubt hatte, um nervös mit der linken Hand damit zu spielen. Leonies Mutter stand schräg hinter ihm, und obwohl Leonie ihr Gesicht nicht erkennen konnte, war es doch unübersehbar, wie verkrampft und angespannt sie war. Was war an diesem Buch so besonders, dass es ihrer Mutter solche Angst einzujagen schien?

Leonie wechselte ihre Position, ohne dadurch mehr erkennen zu können. Die Seiten des Buches waren eng mit einer tiefschwarzen Schrift bedeckt, die Leonie zu regelmäßig erschien, um eine Handschrift sein zu können. Es musste sich entweder um ein Meisterwerk der Kalligraphie oder ein Stück, das wirklich aus den Anfängen der Buchdruckerei stammte, handeln. So oder so - der Band musste einen immensen Wert haben. Vielleicht war das der Grund, warum ihre Mutter so stocksteif dastand, als hätte sie einen Speer verschluckt, und ihr Vater immer wieder zögerte, den Stift anzusetzen. Auch wenn ihr Vater nicht aus einer tausend Jahre alten Buchhändlerfamilie stammte, so hatte er Bücher doch im Laufe seines Lebens schätzen und lieben gelernt. In einem so uralten, wertvollen Buch auch nur ein Komma hinzuzufügen oder zu entfernen, das musste auch für ihn schon beinahe an Gotteslästerung grenzen.

Trotzdem setzte er in genau diesem Moment den Stift an. Leonie sträubten sich schier die Haare, als er eine Zeile in dem Buch durchstrich und dann etwas mit winzigen, sehr präzisen Buchstaben darüber zu schreiben begann. Aber es war doch nicht möglich, dass...

Der Gedanke war zu bizarr, um ihn auch nur zu Ende zu denken. Ihre Eltern hatten einen gewissen Ruf in der Branche. Ihre Bücher waren berühmt und hatten auf Auktionen schon enorme Preise erzielt, und speziell Mutter verdiente einen guten Teil ihres Lebensunterhaltes damit, Gutachten über die Echtheit und den Zustand wertvoller antiquarischer Bücher zu erstellen. Leonie weigerte sich einfach zu glauben, dass sie... Bücher fälschen sollten!

Irgendwo hinter ihr bewegte sich etwas. Leonie konnte nicht sagen, ob es eine Spiegelung in der Fensterscheibe war, die sie unbewusst wahrgenommen hatte, oder vielleicht ein verdächtiges Geräusch - aber plötzlich hatte sie ein so intensives Gefühl, angestarrt zu werden, dass sie erschrocken herumfuhr und versuchte, die Dunkelheit hinter sich mit Blicken zu durchdringen.

Sie brauchte nicht lange zu suchen. Die Gestalt stand am anderen Ende des Gartens, und obwohl sie nur ein flacher schwarzer Umriss zwischen anderen flachen schwarzen Umrissen war und sich absolut nicht rührte, bemerkte Leonie sie auf Anhieb.

Sie wusste sogar, wer es war.

Einen Moment lang war Leonie hin- und hergerissen. Sie musste herausfinden, was in dem Zimmer hinter ihr vorging, und sei es nur, um diesen absurden Verdacht aus der Welt zu schaffen, der sich in ihren Gedanken eingenistet hatte, aber sie spürte auch immer intensiver, wie sie angestarrt und beobachtet (oder belauert?) wurde. Sie war ihretwegen gekommen.

Sie warf noch einen Blick durch das Fenster - ihr Vater hatte mittlerweile ein kleines Fläschchen aus dem Schreibtisch genommen, aus dem er vorsichtig ein paar Tröpfchen einer farblosen Flüssigkeit auf die Buchseiten tropfte. Großer Gott, dachte Leonie, er war dabei, das Buch zu verändern!

Dann drehte sie sich endgültig um und ging mit schnellen Schritten auf die schattenhafte Gestalt zu, die immer noch reglos am anderen Ende des Gartens stand und zu ihr herübersah.

Leonies Schritte wurden langsamer, je mehr sie sich dem Schatten näherte, und sie spürte, wie etwas wie Angst in ihr emporzukriechen begann. Zum allerersten Mal kam ihr der Gedanke, dass sie möglicherweise in Gefahr war - oder sich, um genau zu sein, gerade in diesem Moment in sie begab. Bisher war sie vor allem erschrocken über die fast unheimliche Veränderung gewesen, die mit ihrem Vater vonstatten gegangen war - aber vielleicht gab es ja auch einen Grund, aus dem er sich so benahm. Bisher hatte sie alles, was Mutter und er gesagt hatten, durch den Filter der Wut gehört, die die Erkenntnis in ihr ausgelöst hatte, in einem offensichtlich sehr wichtigen Punkt von ihren eigenen Eltern belogen worden zu sein.

Aber es gab immer zwei Seiten. Was, wenn ihre Eltern wirklich einen Grund für ihr sonderbares Benehmen hatten? Zum Beispiel den, dass sie sie, Leonie, in Gefahr wähnten - und was, wenn sie möglicherweise sogar Recht damit hatten?

All diese Überlegungen hinderten Leonie allerdings nicht daran, weiterzugehen, und nachdem sie noch ein knappes Dutzend Schritte zurückgelegt hatte, wurde aus dem Schatten ein Körper, der schließlich auch ein Gesicht bekam. Sie hatte sich nicht getäuscht.

»Ich wusste, dass du kommst«, sagte Theresa.

»Das war reiner Zufall«, behauptete Leonie. Die Wahrheit war, dass sie diese - einseitige - Verabredung mit der jungen Frau schlichtweg vergessen hatte.

»Es gibt keine Zufälle«, antwortete Theresa. »Jedenfalls sind sie nicht das, was die meisten Menschen dafür halten.«

Leonie verdrehte innerlich die Augen. Von kryptischen Andeutungen und Orakeln hatte sie im Moment weiß Gott die Nase voll. Sie zog es vor, gar nicht darauf einzugehen. »Was wollen Sie?«

Theresa runzelte flüchtig die Stirn, als sie Leonies scharfen Ton bemerkte, aber gleich darauf lächelte sie wieder. »Du«, sagte sie. »Es wäre mir lieber, wenn du nicht Sie zu mir sagst. So viel älter bin ich ja nun auch nicht.«

Leonie schwieg. Sie fragte sich, wie Theresa eigentlich hereingekommen war. Das komplette Grundstück war von einem fast zwei Meter hohen schmiedeeisernen Zaun umgeben, der in gefährlichen Spitzen endete, und Theresa trug einen jener engen Röcke, in denen man kaum richtig laufen konnte, geschweige denn über einen Zaun klettern!

»Also gut.« Theresa zuckte resigniert die Schultern, als ihr klar wurde, dass sie keine Antwort bekommen würde. Sie wirkte auf eine unbestimmte Art enttäuscht, als hätte sie sich von diesem Gespräch etwas erwartet, von dem sie nun allmählich begriff, dass sie es nicht bekommen würde. »Wir müssen dringend miteinander reden.«

»Ja«, antwortete Leonie feindselig. »Aber ich will die Wahrheit wissen.«

»Die Wahrheit?« Theresa runzelte die Stirn. »Wieso glaubst du denn...« Sie nickte. »Ich verstehe. Dein Vater hat mit dir gesprochen. Was hat er über uns gesagt?«

»Es war gar nicht nötig, etwas zu sagen«, erwiderte Leonie. »Du hast heute Morgen gesagt, Großmutter hätte viel über mich erzählt. Ich frage mich nur wie. Sie hat das Haus in den letzten Jahren praktisch nicht mehr verlassen.«