»So einfach ist das nicht zu erklären, Leonie«, antwortete Theresa.
Leonies Gesicht verfinsterte sich. »Weißt du, wie oft ich das heute schon gehört habe?«
»Vielleicht, weil es die Wahrheit ist?«, schlug Theresa vor. Sie machte eine Handbewegung, die Leonie davon abhielt, zu antworten. »Aber du hast selbstverständlich Recht. Komm - gehen wir ein Stück. Ich finde, so redet es sich besser.«
Leonie war ganz und gar nicht nach einem Spaziergang zumute, aber Theresa hatte sich bereits umgedreht und ging los. Sie konnte ihr nur folgen oder wieder ins Haus zurückkehren. Sie folgte ihr.
»Dein Name ist Leonie, nicht wahr?«, begann Theresa. »Eigentlich Leonida, aber das kannst du nicht leiden, und außerdem passt ein so altmodischer Name wirklich nicht mehr in unsere Zeit.«
Leonie sah sie verwirrt von der Seite an. Was sollte dieser Unsinn jetzt schon wieder? Sie nickte.
»Und genau wie deine Mutter und deine Großmutter«, fuhr Theresa fort. »Mit zweitem Namen heißen die beiden ebenfalls Leonida.« Sie legte eine kleine, genau bemessene Pause ein. »Und wie ich.«
»Du? Ich denke, du heißt...«
»Theresa Leonida«, unterbrach Theresa. »Wir heißen alle Leonida, jede von uns. Seit es den Archivar gibt, heißen wir alle Leonida.« Sie lachte leise. »Natürlich haben die meisten von uns noch einen Zweitnamen, manche sogar einen dritten. Es wäre sonst ein bisschen verwirrend, sich zu unterhalten.«
»Und die Männer heißen alle Leon, nehme ich an?«
Theresa nahm den beißenden Spott in Leonies Stimme gar nicht zur Kenntnis. »Es gibt keine Männer«, antwortete sie. »Es sind alles nur Frauen. Die Gabe wird nur von der Mutter auf die Tochter weitervererbt. Niemals auf einen Sohn.«
»Ich verstehe«, sagte Leonie. »Und einmal im Jahr trefft ihr euch um Mitternacht und fliegt um den Blocksberg?«
»Nein«, antwortete Theresa. »Das sind die Hexen. Ein Konkurrenzverein, den wir nicht besonders schätzen.«
Um ein Haar wäre Leonie sogar auf sie hereingefallen. Theresa verzog nicht eine Miene - nur in ihren Augen glomm ein verräterisches Glitzern auf.
»Ha, ha, ha«, machte Leonie. »Sehr witzig.«
Theresa blieb stehen. »Wieso witzig? Hat dein Vater dich etwa nicht davor gewarnt, dich mit uns Hexen einzulassen?«
»Hast du uns belauscht?«, fragte Leonie. Ihr Misstrauen war wieder da.
»Das war nicht notwendig«, erklärte Theresa. »Ich weiß, wie dein Vater über uns denkt.«
»Und?«, fragte Leonie spitz. »Hat er vielleicht Recht damit?«
»Ich glaube, du kennst die Antwort auf diese Frage«, sagte Theresa.
»Ich verstehe es trotzdem nicht«, meinte Leonie. »Wenn du...« Sie verbesserte sich. »Wenn ihr wirklich etwas mit Großmutter zu tun hattet, warum hat sie mir dann nie etwas von euch erzählt?«
»Das war ein Fehler, ich weiß«, gestand Theresa. »Ein schwerer Fehler. Aber was hätten wir tun sollen? Deine Eltern wollten nicht, dass du uns kennen lernst, und deine Großmutter hat diesen Wunsch respektiert, auch wenn es ihr schwer gefallen ist. Wir hatten nicht das Recht, uns darüber hinwegzusetzen.«
»Woher nehmt ihr euch dann jetzt das Recht, euch über ihren letzten Willen hinwegzusetzen?«, fragte Leonie.
Theresa schwieg einen Moment. Sie ging weiter, während sie antwortete: »Bist du sicher, dass es wirklich ihr eigener Entschluss war?«
»Natürlich nicht«, entgegnete Leonie böse. »Mein Vater hat ihr die Daumenschrauben angelegt und so lange zugedreht, bis sie unterschrieben hat. Erkundige dich bei den Nachbarn. Sie haben bestimmt die Schreie gehört.«
Diesmal blieb Theresa ernst. »Es gibt andere Wege, das zu erreichen, was man will.«
»Willst du behaupten, Vater hätte das Testament gefälscht?«, schnappte Leonie. Sie schrie fast, aber ihrer Stimme fehlte die wirkliche Überzeugung. Sie musste an ihren Vater denken, der in diesem Moment am Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer saß und eine geheimnisvolle Flüssigkeit auf die Seiten eines noch geheimnisvolleren Buches träufelte.
»Jedenfalls nicht so, wie du vielleicht jetzt noch glaubst«, antwortete Theresa - was genau genommen keine Antwort war.
»Was soll das heißen?«, fragte Leonie scharf. »Was soll das Ganze überhaupt? Willst du mich gegen meine Eltern aufbringen?«
»Das würde mir wohl kaum gelingen«, stellte Theresa fest.
»Und ich will es auch gar nicht. Ich habe nichts gegen deinen Vater oder deine Mutter, ganz im Gegenteil. Ich bin sicher, dass sie in bester Absicht handeln. Das ist ja gerade das Schlimme.«
»Wieso?«
»Weil man Menschen, die wirklich von dem überzeugt sind, was sie tun, kaum eines Besseren belehren kann«, erklärte Theresa. »Ich habe es versucht, immer wieder versucht - und die anderen auch.«
»Welche anderen?«, wollte Leonie wissen. »Was, zum Teufel, seid ihr eigentlich für ein komischer Verein? So eine Art Sekte?«
»Dein Vater würde uns vermutlich so bezeichnen«, sagte Theresa ernst. »Auch wenn es ganz falsch ist. Wir sind...« Sie suchte sekundenlang vergeblich nach Worten, dann fragte sie unvermittelt: »Glaubst du an das Schicksal?«
Leonie verstand die Frage nicht und sie sagte es auch. »So etwas wie Vorbestimmung?«
»Nein, nein«, meinte Theresa hastig. »Ich meine: Glaubst du, dass es so etwas wie eine... eine Macht gibt, die über unser Schicksal wacht?«
»Ich glaube, das nennt man auch Gott«, sagte Leonie.
»Davon rede ich nicht.« Theresa seufzte. »Es ist nicht einfach, das mit ein paar Worten auszudrücken, weißt du? Ich habe ein Leben lang gebraucht, um es zu begreifen, und ganz verstanden habe ich es bis heute nicht.«
»Da haben wir ja schon etwas gemeinsam«, sagte Leonie.
Theresa lächelte flüchtig. »Versuchen wir es anders: Was würdest du tun, wenn du die Macht hättest, die Wirklichkeit zu verändern?«
»Sind wir jetzt in der Abteilung Science-Fiction und Fantasy angekommen?«, fragte Leonie.
»Wenn dir dieser Ausdruck lieber ist«, sagte Theresa schulterzuckend. »Aber beantworte bitte meine Frage: Was würdest du tun, wenn du die Macht hättest, die Wirklichkeit zu verändern? Nicht die Zukunft, aber das, was war.«
»Was war?«
»Sagen wir: Du siehst, wie ein Kinderwagen von einem Traktor überrollt wird, weil die Mutter vergessen hat, ihn sorgfältig abzustellen. So etwas ist schrecklich, aber es ist schon vorgekommen.«
»Und?«, fragte Leonie.
»Jetzt stell dir vor, du hättest die Möglichkeit, es ungeschehen zu machen.« Theresa hob die Hand, als Leonie sie unterbrechen wollte. »Nein, nur rein hypothetisch. Wenn du die Möglichkeit hättest, zurückzugehen und die Mutter zu warnen, damit sie besser auf den Kinderwagen Acht gibt, würdest du es tun?«
»Selbstverständlich«, sagte Leonie. »Aber so etwas ist ja nicht möglich.«
Theresa überging ihren Einwand. »Selbstverständlich würdest du es tun. Der Kinderwagen würde nicht losrollen und der Traktor würde ihn nicht überfahren. Das Kind würde überleben und Alois Schicklgruber würde zu einem Mann heranwachsen.«
»Alois wer?«, fragte Leonie.
»Du kennst ihn«, behauptete Theresa. »Nicht persönlich, aber du hast in der Schule von ihm gehört, da bin ich sicher. Bekannt war er allerdings unter dem Namen ADOLF HITLER.«
»Was... was soll denn dieser Quatsch?«, fragte Leonie.
»Es war nur ein Beispiel«, antwortete Theresa. »Zugegeben, kein besonders originelles, aber möglich wäre es schon.«
»Wenn es möglich wäre, in die Zeit zurückzureisen«, bestätigte Leonie, schüttelte aber schon den Kopf, während sie die Worte aussprach. »Aber das ist wissenschaftlich unmöglich.«
»Wissenschaftlich.« Theresa betonte das Wort auf eine sehr sonderbare Art. »Die meisten Menschen überschätzen die Wissenschaft, weißt du? Sie ist im Grunde gar nichts. Sie beschreibt die Dinge nur so, wie sie sind. Soweit wir sie verstehen, heißt das. Oder sie zu verstehen glauben.«