»Was hat das alles mit mir zu tun?«, fragte Leonie.
»Was wäre, wenn es einen Ort gäbe, an dem das Schicksal gewissermaßen aufgezeichnet würde?«, fragte Theresa. »Jede Kleinigkeit. Jede winzige Entscheidung, die du fällst, und wenn sie dir noch so unwichtig oder banal vorkommt. Jede Sekunde in jedem Leben jedes einzelnen Menschen, so eine Art... Archiv.«
»Das wäre... aber ein ziemlich großes Archiv«, antwortete Leonie stockend. Allmählich wurde ihr ein wenig mulmig zumute. Was Theresa erzählte, klang so absurd, dass sie eigentlich darüber hätte lachen sollen, aber das genaue Gegenteil war der Falclass="underline" Es machte ihr Angst.
»Ja«, bestätigte Theresa ernst. »Das wäre es.«
»Aber das ist doch Unsinn«, murmelte Leonie. »Selbst wenn es so etwas gäbe...«
»... trügen die, die Zugang dazu hätten, eine ungeheure Verantwortung«, unterbrach sie Theresa. »Ja.«
Wie um ihre Worte passend zu untermalen, wurde es plötzlich spürbar kälter. Wind kam auf und spielte raschelnd mit den Blättern der Bäume, aber für Leonie hörte es sich an wie das Umblättern von uralten Pergamentseiten. Sie schüttelte den Gedanken mit Mühe ab, wenigstens versuchte sie es, doch es wollte ihr nicht so recht gelingen. So verrückt die Geschichte war, die Theresa ihr da aufgetischt hatte, schien sie doch irgendetwas in Leonie zu berühren. Wie gerade eben glaubte sie sich plötzlich an etwas zu erinnern, von dem sie andererseits ganz sicher war, es niemals erlebt zu haben. Das Gefühl war unheimlich und beängstigend.
Der Wind frischte noch weiter auf und Leonie zog die dünne Strickjacke enger um die Schultern. Sie hätte auf ihre Eltern hören und nicht hinausgehen sollen. So heiß es in den vergangenen Tagen auch gewesen war, so rasch - und tief - waren die Temperaturen heute gefallen. Sie war jetzt bestimmt seit einer halben Stunde hier draußen und lief Gefahr, sich eine handfeste Erkältung einzuhandeln. Gerade für die ersten Tage der Sommerferien war das wirklich keine gute Idee, aber sie hätte es drinnen im Haus einfach nicht mehr ausgehalten. Der große Schmerz, auf den sie gewartet hatte, war bisher zwar nicht gekommen, dafür hatte sich eine Art stummer Verzweiflung in ihr ausgebreitet, die beinahe schlimmer war. Seit Großmutters Tod war das Haus auf eine Art leer, die sie mit Worten nicht richtig beschreiben konnte, aber die zu ertragen sie kaum imstande war. Ihre Mutter hatte zwar gesagt, das würde vergehen, aber Leonie bezweifelte es. Wunden mochten irgendwann verheilen, aber wie konnte etwas heilen, das einfach nicht mehr da war?
Die Terrassentür des Hauses ging auf und ein dreieckiger, gelber Keil aus Helligkeit fiel in den Garten hinaus. Leonie erkannte den Umriss ihrer Mutter, die unter der Tür erschienen war und in ihre Richtung sah. Wahrscheinlich begann sie sich allmählich Sorgen um sie zu machen.
Der Gedanke ließ ein flüchtiges Lächeln auf ihren Lippen erscheinen. Ihre Mutter machte sich immer und ununterbrochen Sorgen, und meistens um sie. Leonie glaubte ihr missbilligendes Stirnrunzeln regelrecht zu spüren, während sie zu ihr hinsah. Ihr gefiel es schon bei Tageslicht nicht, wenn Leonie so weit in den Garten ging. Buschwerk und Bäume waren hier so verwildert, dass sie einen regelrechten kleinen Dschungel bildeten, und der zwei Meter hohe Lattenzaun, der hier einmal gestanden hatte, war im vorletzten Jahr demselben Feuer zum Opfer gefallen wie das Nachbarhaus samt der Familie, die darin gelebt hatte. Seitdem war der Garten praktisch offen, und jeder, der über das Ruinengrundstück kam, konnte ungehindert eindringen. Leonie konnte sich nicht vorstellen, dass sich irgendjemand die Mühe machen würde, hier einzubrechen. Ihre Eltern waren nicht arm, aber man sah dem Haus mit dem angebauten kleinen Ladenlokal dennoch schon von weitem an, dass es hier nicht viel zu holen gab. Trotzdem setzte sie sich mit raschen Schritten in Bewegung. Es hatte keinen Zweck, ihre Mutter noch weiter zu beunruhigen, schon gar nicht an einem Tag wie diesem.
»Alles wieder in Ordnung?«, fragte Mutter, als Leonie an ihr vorbei in die Küche trat. Sie nickte. Nichts war in Ordnung, aber sie wusste, wie die Frage gemeint gewesen war.
»Sicher«, sagte sie.
»Dann komm essen. Wir warten schon.« Mutters Stimme war leise, fast nur ein Flüstern, und ihr Gesicht war so bleich, als hätte sie gerade eine wochenlange schwere Krankheit hinter sich.
In gewissem Sinne hatte sie das auch. Sie hatte ihre Mutter ebenso geliebt wie Leonie ihre Mutter liebte, und während Großmutter die letzten Wochen fast ausnahmslos schlafend zugebracht und von ihrem Sterben wahrscheinlich gar nichts mehr gemerkt hatte, hatte Mutter stellvertretend für sie gelitten. Am Schluss war es so schlimm geworden, dass Vater und sie sich ernsthafte Sorgen um sie gemacht hatten. Leonie hatte dieses Geheimnis tief in sich vergraben und würde es niemals verraten, aber sie hatte gespürt, dass ihr Vater innerlich aufgeatmet hatte, als Großmutter schließlich starb; nicht weil er sie nicht auch geliebt hätte, sondern weil er fürchtete, dass seine Frau ebenfalls in Gefahr war, wenn es noch lange dauerte.
Sie gingen ins Wohnzimmer. Der Tisch war beinahe festlich gedeckt. Kerzen brannten und Mutter hatte das gute Geschirr aus dem Schrank geholt. Leonie empfand diesen festlichen Rahmen im ersten Moment als ziemlich unpassend; sie hatten an diesem Morgen ihre Großmutter beerdigt und das war nun wirklich kein Grund zum Feiern, aber ihr wurde auch fast im gleichen Moment klar, dass ihre Mutter das einfach hatte tun müssen; es war ihre Art, mit der Trauer fertig zu werden.
Leonie nahm Platz und sie aßen in vollkommenem Schweigen. Niemand hatte wirklichen Appetit, und um der Wahrheit die Ehre zu geben, schmeckte es nicht einmal besonders. Ihre Mutter hatte eine Menge Qualitäten, aber eine gute Köchin zu sein, gehörte nicht unbedingt dazu. Dennoch aßen sie alle auf, und anschließend zog sich ihr Vater in sein Arbeitszimmer zurück, während Leonie nach oben ging.
Sie hielt es genau zehn Sekunden lang aus. Alles in ihrem Zimmer erinnerte sie an Großmutter. Die Möbel, die Tapeten, die zahlreichen Bücher, die kleine Stereoanlage, die Großmutter sich von ihrer schmalen Rente abgespart und ihr vergangenes Weihnachten geschenkt hatte...
Leonie verließ das Zimmer fast fluchtartig wieder. Sie hätte hinuntergehen und mit ihrer Mutter reden können, oder auch mit ihrem Vater, aber sie spürte, dass sie in diesem Moment keine Hilfe von ihnen erwarten konnte. Nein - wenn es in diesem Haus einen Ort gab, an dem sie so etwas wie Trost finden konnte, dann war es das Zimmer, in dem ihre Großmutter die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Ihr Vater hatte sie zwar gebeten, hier drinnen nichts anzurühren, bis Großmutters Angelegenheiten geregelt waren (was immer er damit gemeint haben mochte), aber er würde ihr schon nicht den Kopf abreißen.
Es war seit gut drei Wochen das erste Mal, dass sie wieder hierher kam. Als ihre Großmutter noch im Haus gewesen war, da war kein Tag vergangen, an dem Leonie nicht mindestens zwei- oder dreimal in dieses Zimmer gekommen war, aber nun kam ihr der Raum sonderbar fremd und ungastlich vor; als wäre mit seiner Bewohnerin etwas verschwunden, dessen Abwesenheit die Atmosphäre im Raum zu einer anderen, abweisenden, fast schon feindseligen machte.
Sie ging weiter, ohne im Grunde selbst zu wissen warum, und blieb schließlich vor dem kleinen Sekretär stehen, der das einzige Fleckchen Wand beanspruchte, das nicht von überquellenden Bücherregalen eingenommen wurde. Leonie kannte jedes einzelne Buch, das auf den Brettern stand, und die meisten hatte sie sogar gelesen. Über den Sekretär aber wusste sie so gut wie nichts. Solange sich Leonie erinnern konnte, hatte Großmutter seinen Inhalt wie einen Schatz gehütet. Er war immer abgeschlossen gewesen und den Schlüssel hatte sie stets bei sich getragen, in buchstäblich jeder Sekunde. Ein sehr sonderbarer Schlüssel zudem: Er sah gar nicht aus wie ein richtiger Schlüssel, sondern eher wie eine drei oder vier Zentimeter lange silberne Nadel, mit einer winzigen Kugel an jedem Ende. Es war Leonie immer ein Rätsel gewesen, wie das Schloss, in das dieser Schlüssel passte, funktionieren sollte. Aber es funktionierte.