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Und jetzt lag genau dieser sonderbare Schlüssel auf der ansonsten vollkommen leeren Arbeitsplatte des Sekretärs. Das war sehr seltsam. Noch vor drei Tagen, bei ihrem letzten Besuch im Krankenhaus, hatte sie ihn an der gleichen Kette bemerkt, an der ihre Großmutter ihn zeit ihres Lebens getragen hatte. Hätten ihre Eltern ihn zusammen mit dem persönlichen Besitz Großmutters vom Krankenhauspersonal ausgehändigt bekommen, wie es in einem solchen Fall wohl allgemein üblich war, hätte ihr Vater ihn ganz bestimmt nicht so achtlos hier liegen lassen. Schließlich wussten ihre Eltern, wie kostbar der Inhalt des Sekretärs für Großmutter gewesen war. Ihr Vater hatte sogar mehr als nur einmal darüber gewitzelt.

Leonie streckte zögernd die Hand nach dem Schlüssel aus, aber es dauerte noch eine geraume Weile, bis sie den Mut aufbrachte, ihn auch wirklich zu nehmen und in das messingbeschlagene Schloss einzuführen. Sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte, doch das brauchte sie auch nicht. Leonie spürte keinen Widerstand, aber der Schlüssel war kaum im Schloss, da sprang es mit einem hörbaren Klicken auf und die Klappe des Sekretärs fiel so schnell herunter, dass Leonie sie gerade noch rechtzeitig auffangen konnte. Dahinter kamen mehrere, mit Papierumschlägen und anderen Schreibutensilien voll gestopfte Fächer zum Vorschein, aber auch ein Regalbrett, auf dem zwei völlig unterschiedliche Bücher lagen.

Das eine war eine schwere, in kostbar geprägtes Leder gebundene Bibel, bei dem anderen schien es sich um ein Fotoalbum zu handeln. Leonie betrachtete die Bücher mit jener Art von Scheu, die einen oft beim Anblick altvertrauter Dinge überkommt, deren Besitzer gerade verstorben ist. Vielleicht konnten ja auch Dinge trauern, nicht nur Menschen. Aber sie hatte sonderbarerweise keine Scheu, danach zu greifen. Zeit ihres Lebens hatte Großmutter den Inhalt dieses Sekretärs gehütet wie ihren Augapfel, aber nun, da sie nicht mehr da war, hätte sie bestimmt nichts dagegen gehabt, dass Leonie ihn sah, das wusste sie einfach.

Sie überlegte kurz und nahm dann als Erstes die Bibel heraus. Sie war so schwer, dass sie beide Hände dazu brauchte, und noch viel älter, als sie angenommen hatte. Als sie sie aufschlug, stellte sie fest, dass sie nicht gedruckt war, sondern handgeschrieben und überaus kunstvoll illustriert. Leonie war beeindruckt. Dieses Buch war möglicherweise mehr wert als das gesamte Inventar der Buchhandlung. Kein Wunder, dass Großmutter es so sorgsam gehütet hatte.

Aber es war nicht nur wertvoll, aus irgendeinem Grund machte es Leonie auch Angst. Sie blätterte es vorsichtig durch, wenn auch ihre Hände immer heftiger zitterten, je weiter sie ans Ende kam, und schließlich musste sie sich beinahe dazu zwingen, die letzten Seiten umzuschlagen. Wie sie erwartet hatte, handelte es sich nicht nur einfach um eine Bibel, sondern um eine Art Familienchronik mitsamt einem weit verzweigten Stammbaum. Leonie fand mit einem einzigen Blick den Namen ihrer Großmutter und folgte ihm drei oder vier Generationen in die Vergangenheit. Der Stammbaum reichte noch sehr viel weiter zurück, aber Leonies Interesse an Ahnenforschung hielt sich in Grenzen - sie musste wirklich nicht wissen, wer ihre Vorfahren vor dreihundert Jahren gewesen waren, oder vor fünfhundert.

Was sie auf dem ersten Stück des Stammbaumes entdeckte, das war nun wirklich seltsam genug.

Es begann mit den Namen. Wer immer diesen Stammbaum aufgezeichnet hatte, hatte sich nicht die Mühe gemacht, auch nur einen einzigen ihrer männlichen Vorfahren einzutragen. Sie las ihren eigenen Namen, den ihrer Mutter, ihrer Großmutter und deren Mutter, Groß- und Urgroßmutter, aber sie entdeckte weder ihren Vater noch ihren Großvater, noch irgendeinen anderen ihrer männlichen Vorfahren. Vielleicht noch sonderbarer war der Umstand, dass es in ihrer Familie offensichtlich seit mindestens fünfhundert Jahren Tradition war, mit Zweitnamen Leonida zu heißen. Es gab noch eine Besonderheit, aber deren Bedeutung wurde ihr nicht klar: Neben einigen der Namen stand ein winziges Kreuz. Nur neben sehr wenigen - aber der ihrer Mutter gehörte dazu. Obwohl Leonie nicht wusste warum, beunruhigte sie diese Entdeckung.

Sie legte die Bibel beiseite und nahm das Fotoalbum aus dem Regal. Es war nicht so alt wie die Bibel, aber ebenfalls uralt. Zwischen den Seiten aus brüchig gewordener schwarzer Pappe befanden sich Trennblätter aus knisterndem Seidenpapier, in das ein kompliziertes Spinnwebmuster eingeprägt war. Die Bilder selbst waren ausnahmslos verblasste Schwarz-Weiß-Fotos, die zum Teil noch einen gezackten weißen Rand hatten, und allein die Motive verrieten, dass etliche Bilder aus den Anfängen der Fotografie stammten: Männer mit Frack und Zylinder, die gewaltige Vollbärte oder gezwirbelte Schnauzer trugen, Frauen in riesigen, weit ausladenden Kleidern und mit Turmfrisuren oder gestärkten Perücken, und kleine Jungen in Matrosenanzügen. Das Bild, das sie suchte, war nicht dabei.

»Was für ein Bild?«

Leonie fuhr so erschrocken zusammen, dass sie das Fotoalbum fallen ließ, und drehte sich hastig um. Ihr Vater war so leise unter der Tür erschienen, dass sie ihn nicht einmal gehört hatte. Sie versuchte vergebens in seinem Gesicht zu lesen, wie lange er schon dort stand und ob ihm gefiel, was er beobachtet hatte.

»Was... hast du gesagt?«, stotterte sie überrascht.

»Du hast gesagt, das Bild ist nicht dabei«, antwortete ihr Vater. »Welches Bild meinst du?«

Leonie konnte sich nun wirklich nicht erinnern, die Frage laut ausgesprochen zu haben, sie war sogar ziemlich sicher, es nicht getan zu haben. »Ich weiß nicht«, meinte sie. »Ich war nur... ein wenig erstaunt.«

»Erstaunt?« Ihr Vater löste sich von seinem Platz an der Tür, trat neben sie und beugte sich vor um zu sehen, was sie gefunden hatte. »Das ist ja auch ein ganz erstaunliches Buch, das du da gefunden hast.« Er blätterte in dem Fotoalbum, schloss es schließlich behutsam und wandte sich der Familienbibel zu. Obgleich er noch viel besser als Leonie wissen musste, was für einen Schatz er da in Händen hielt, schien ihm der Text völlig egal zu sein. Er blätterte die Seiten ungefähr so behutsam durch, wie er es mit einem Telefonbuch getan hätte, bis er die Seite mit dem Stammbaum gefunden hatte.

»Das ist wirklich erstaunlich«, murmelte er. »Und höchst interessant.«

»Sie heißen alle so wie ich«, sagte Leonie.

Vater hob die Schultern. »Muss wohl so eine Art uralter Familientradition sein. Aber das ist wirklich außergewöhnlich. Kein Wunder, dass deine Großmutter dieses Buch so sorgsam gehütet hat. Obwohl ein solches Prachtstück eigentlich in eine klimatisierte Vitrine gehört, nicht in ein altes Möbelstück, oder besser noch in einen Safe. Hast du eigentlich eine Ahnung, was dieses Buch wert ist?«

»Du willst es doch nicht etwa verkaufen?!«

»Natürlich nicht.« Vater sah sie beinahe empört an. »Ich finde nur, man sollte eine solche Kostbarkeit nicht einfach so herumliegen lassen.« Er klappte das Buch zu, zog die Hand aber nicht zurück, sondern ließ sie mit einer fast besitzergreifenden Geste auf dem Einband liegen.

»Ich finde, du solltest nicht hier sein«, sagte er plötzlich.

»Nicht hier? Aber das ist Großmutters Zimmer. Sie hatte nie etwas dagegen.«

»Und das habe ich auch nicht«, entgegnete Vater. »Doch vielleicht solltest du im Moment ein wenig Abstand nehmen. Ich weiß, wie gern du deine Großmutter gehabt hast, aber das Leben geht weiter, weißt du? Irgendwann muss man auch wieder aufhören zu trauern.«

»Nach drei Tagen?!«

Ihr Vater blieb ihr die Antwort auf diese Frage schuldig, und das gefiel ihr genauso wenig wie alles andere, was seit seinem Eintreten geschehen war. Leonie setzte gerade dazu an, eine - wenn auch vorsichtig formulierte - Frage zu stellen, als es an der Haustür klingelte.