»Um diese Zeit?«, wunderte sich ihr Vater. Er blickte erst danach auf die Armbanduhr und er sah auch nicht wirklich verärgert aus, sondern schien ganz im Gegenteil erleichtert zu sein, das Gespräch mit ihr beenden zu können. Er bedeutete ihr mit einer hastigen Handbewegung, die Bücher wieder an ihren Platz zu legen, und verließ dann mit schnellen Schritten das Zimmer.
Leonie schloss die Bibel und das Fotoalbum wieder ein. Den sonderbaren Schlüssel legte sie jedoch nicht zurück auf den Tisch, sondern streifte sich die dünne Silberkette, an der er befestigt war, mit einer ebenso selbstverständlichen Bewegung über den Kopf, wie ihre Großmutter es getan hatte. Danach folgte sie ihrem Vater.
Sie hatte kaum eine halbe Minute gebraucht, und da sie beinahe rannte, hatte sie ihn eingeholt, als er gerade die Tür öffnete und der nächtliche Besucher von einem Schatten hinter der gesprungenen Milchglasscheibe zu einem grauhaarigen, ziemlich alten Mann in einem schwarzen Mantel wurde.
»Guten Abend, Herr Kammer.«
»Guten Abend«, antwortete Vater, dann zog er überrascht die Augenbrauen hoch. »Sie?«
Leonie runzelte die Stirn. Sie erkannte den Fremden im gleichen Moment wie ihr Vater, aber sie war mindestens ebenso überrascht wie er.
»Bruder Gutfried«, stellte sich der Grauhaarige überflüssigerweise vor. »Bitte entschuldigen Sie den nächtlichen Überfall, Herr Kammer. Ich weiß nicht, ob Sie sich an mich erinnern, aber...«
»So lange ist es ja noch nicht her«, unterbrach ihn ihr Vater. Seine Stimme war um mehrere Grad kühler geworden. »Heute Morgen. Sie waren bei der Beerdigung.«
Und zwar als einziger Gast, fügte Leonie in Gedanken hinzu. Ihre Eltern und sie selbst stellten Großmutters gesamte noch lebende Verwandtschaft dar und Freunde hatte sie nie gehabt. Ebenso wenig, wie sie Mitglied in irgendeiner Kirche gewesen war. Ihr Vater hatte sich noch darüber gewundert, dass dennoch ein Geistlicher zur Beerdigung gekommen war.
»Ja«, sagte Gutfried. »Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, Ihnen mein Beileid auszusprechen.« Er wandte sich mit einem warmen Lächeln an Leonie. »Und dir natürlich auch, Leonie. Ich hoffe, deiner Mutter geht es mittlerweile wieder ein wenig besser?«
Leonie nickte wortlos. Bruder Gutfried kam ihr auf fast unheimliche Weise bekannt vor - obwohl sie ganz genau wusste, dass sie ihn nur ein einziges Mal, und auch da nur flüchtig, gesehen hatte.
»Danke, ja«, antwortete Vater an ihrer Stelle. »Aber wir haben einen anstrengenden Tag hinter uns, wie Sie sich sicher denken können. Und es ist spät. Ich will nicht unhöflich sein, aber vielleicht erklären Sie mir den Grund Ihres Besuches. Meine Schwiegermutter war nicht in der Kirche und wir sind es auch nicht.«
»Oh, das weiß ich«, erwiderte Gutfried. »Ich bin auch nicht hier, um Fragen religiöser Art mit Ihnen zu erörtern.«
»Sondern?«, fragte Vater. Er klang ein bisschen genervt, was Leonie überraschte. Sie kannte ihren Vater nur als sehr disziplinierten Menschen, der sich seine Launen niemals anmerken ließ - schon gar nicht Fremden gegenüber.
»Das ist nicht so einfach zu erklären«, antwortete Gutfried. »Die Angelegenheit ist... ein wenig delikat, aber ich fürchte, sie duldet auch keinen Aufschub.« Er druckste einen Moment herum. »Dürfte ich vielleicht hereinkommen?«
»Wenn es denn unbedingt sein muss.« Leonies Vater trat einen Schritt zurück, um Gutfried einzulassen, aber er machte keine Anstalten, ihn weiter ins Haus zu bitten. »Also?«
»Wie gesagt, die Angelegenheit ist ein wenig delikat«, wiederholte Gutfried. »Ich hätte Sie auch gewiss nicht an einem Tag wie heute damit belästigt, aber es ist leider ziemlich eilig.«
»Kommen Sie zur Sache«, antwortete Vater.
»Ich nehme an, Ihre Frau Schwiegermutter hat kein Testament hinterlassen?«, begann Gutfried.
»Testament?«, meinte Vater. »Was soll diese Frage? Erstens: nein. Und zweitens geht es Sie nichts an.«
»Oh, ich fürchte doch«, erwiderte der Geistliche. »Sie sind sicher, dass es kein Testament gibt?«
»Ja«, antwortete Vater. Er machte eine ärgerliche Geste. »Sehen Sie sich doch um. Was glauben Sie wohl, was es hier zu erben gibt?«
»Das kann ich nicht beurteilen«, antwortete Gutfried. »Ich fürchte auch, Sie haben mich falsch verstanden. Ich bin keineswegs hier, um Ihnen Ihr Erbe streitig zu machen.«
»Was soll dann diese Fragerei?«
Gutfried seufzte. »Es wäre mir wirklich lieber, wenn wir die Angelegenheit in Ruhe...«
»Mir nicht«, unterbrach ihn Vater. »Mir wäre es am liebsten, wenn wir dieses Gespräch möglichst rasch beenden könnten. Worum geht es?«
»Ich fürchte, es gibt da gewisse... Komplikationen, was die Erbfolge angeht«, sagte Gutfried. »Mir liegt ein Dokument vor, das Ihre Tochter...«, er deutete auf Leonie, »... zur Alleinerbin bestimmt.«
»Ein Dokument, so?« Vater wirkte zwar überrascht, aber nicht so sehr, wie Leonie erwartet hätte. Eher so, als hätte er insgeheim damit gerechnet. »Und was hat die Kirche damit zu tun?«
»Rein gar nichts«, gab Gutfried unumwunden zu. »Man hat mich nur gebeten, diese unangenehme Aufgabe zu übernehmen, um die ganze Angelegenheit... sagen wir... so wenig unschön wie möglich über die Bühne zu bringen. Die Leute, die mich geschickt haben, sind nicht an einer gerichtlichen Auseinandersetzung interessiert.«
»Ach«, schnappte Vater.
»Ich habe hier ein Dokument«, Gutfried griff unter seinen Mantel, »das mich autorisiert, Ihnen ein Angebot zu machen, das Sie interessieren dürfte.«
Er hielt Leonies Vater einen Umschlag hin, aber der schüttelte nur den Kopf.
»Wenn ich nicht ein so höflicher Mensch wäre«, sagte er wütend, »dann würde ich Ihnen jetzt erklären, wohin Sie sich Ihr Dokument stecken können, Bruder Gutfried. Dieser Wisch interessiert mich nicht. Und Ihre so genannten Auftraggeber auch nicht.«
»Aber Sie wissen doch gar nicht, worum...«, begann Gutfried, wurde aber auf der Stelle wieder unterbrochen.
»Nein. Und ich will es auch gar nicht wissen.« Vater reichte ihm den Umschlag ungeöffnet zurück. »Und jetzt gehen Sie bitte! Wir haben einen anstrengenden Tag hinter uns.«
Gutfried wirkte plötzlich sehr traurig. »Es tut mir wirklich sehr Leid«, seufzte er. »Aber Sie haben selbstverständlich Recht. Es war ein schlimmer Tag für uns alle. Vielleicht... denken Sie ja noch einmal in Ruhe über mein Angebot nach. Ich lasse Ihnen auf jeden Fall meine Karte hier, sodass Sie mich anrufen können.« Er steckte den Briefumschlag wieder ein und zog stattdessen eine Visitenkarte mit goldener Prägeschrift hervor. Seltsam - Leonie wusste, dass der Aufdruck goldfarben war, noch bevor er sie umgedreht hatte und sie die Schrift erkennen konnte.
Ihr Vater betrachtete die Karte feindselig, aber er nahm sie ebenso wenig entgegen wie den Brief. Gutfried stand einige Sekunden lang da und wirkte regelrecht verloren mit der Karte in seiner ausgestreckten Rechten, dann seufzte er erneut und noch tiefer, trat einen halben Schritt an Vater vorbei und legte die Visitenkarte auf den Garderobenschrank.
»Denken Sie darüber nach«, bat er im Hinausgehen. »Es gibt nur einen, der die Macht haben sollte, über das Schicksal zu bestimmen. Auf Wiedersehen.«
»Guten Abend«, sagte Vater kühl.
Gutfried warf ihm noch einen letzten, bedauernden Blick zu, aber schließlich wandte er sich endgültig um und ging. Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, da hörte Leonie Schritte, und als sie sich umdrehte, erblickte sie ihre Mutter, die aus dem dunklen Wohnzimmer in den Flur heraustrat. Offensichtlich hatte sie die ganze Zeit über dort gestanden und gelauscht. Leonie erschrak, als sie den Ausdruck auf ihrem Gesicht bemerkte.