»Was... was bedeutet das?«, fragte sie stockend. Ihre Stimme war nur ein zitterndes Flüstern.
Vater gab ein verächtliches Geräusch von sich. »Das hast du doch gehört«, schnaubte er. »Einen schönen Gruß von deiner lieben Verwandtschaft!«
»Verwandtschaft?«, mischte sich Leonie ein. »Aber wieso Verwandtschaft? Ihr habt mir doch immer erzählt, dass wir keine lebenden Verwandten mehr haben.«
»Haben wir auch nicht«, antwortete Vater, und damit wandte er sich um und ging so schnell davon, dass es eigentlich schon eine Flucht war. Der Knall, mit dem er die Tür seines Arbeitszimmers hinter sich zuwarf, hallte durch das ganze Haus.
Der schwarze Wagen
Und dabei blieb es für die nächsten zwei oder drei Tage. Leonie hatte am darauf folgenden Morgen noch einmal versucht, ihren Vater auf den nächtlichen Besucher anzusprechen, sich aber eine so rüde Abfuhr eingehandelt, dass es ihr jegliche Lust auf einen weiteren Versuch verschlug.
Darüber hinaus war es genau so, wie ihr Vater prophezeit hatte: Das Leben ging weiter. Es war spürbar stiller, jetzt wo Großmutter nicht mehr da war, aber schon am Tag nach ihrer Beerdigung machten ihre Eltern das Geschäft wieder auf, und zwei Tage später stand auch Leonie wieder hinter der Theke, um ihrer Mutter zu helfen.
Sie hätte es nicht gemusst. Immerhin waren Sommerferien und ihr Vater hatte ihr ausdrücklich gesagt, dass sie ihre Ferien nicht im Laden verbringen müsse, sondern die freien Tage getrost genießen könne. Leonie hatte das auch zwei Tage lang beherzigt, aber schließlich hatte sie es vor lauter Langeweile nicht mehr ausgehalten. Sie kannte die Hand voll Videos, die sie besaß, mittlerweile auswendig, und dasselbe galt für ihre CDs und Musikkassetten. Die meisten der ohnehin wenigen Schulfreunde, die sie hatte, waren längst mit ihren Familien in Urlaub gefahren. Leonies Familie fuhr nie in den Urlaub. Die Buchhandlung warf einfach nicht genug ab, um einen Familienurlaub zu finanzieren, aber das machte ihr nichts aus. Sie brauchte keine fremden Länder und bezahlten Abenteuer: Alles, was sie brauchte, fand sie in ihren Büchern. Außerdem konnten sie es sich gar nicht leisten, das Geschäft für zwei oder gar drei Wochen geschlossen zu halten, und eine Aushilfe für diese Zeit war auch nicht drin.
Nicht dass ihnen die Kunden den Laden eingerannt und die Bücher aus den Regalen gerissen hätten. An dem Morgen, an dem sie das erste Mal wieder hinter der Theke stand, hatte sie gerade ein mickriges Taschenbuch und einen Stadtplan verkauft, und die junge Frau, die seit zehn Minuten im Geschäft war und die Bücher in den Regalen studierte, machte auch nicht wirklich den Eindruck, als hätte sie vor, etwas zu erwerben. Leonie hatte einen Blick dafür. Manche Kunden kamen, weil sie gezielt nach einem bestimmten Titel suchten, andere waren unschlüssig, was sie kaufen sollten, aber dennoch entschlossen, sich mit Lesestoff einzudecken, wieder andere waren einfach noch unsicher, ob sie überhaupt etwas kaufen wollten, und manche betraten den Laden mit dem festen Vorsatz, nichts zu kaufen. Diese Kundin gehörte eindeutig zur letzteren Kategorie. Was nicht bedeutete, dass sie nichts mitnehmen würde.
Leonie kramte in der altmodischen Registrierkasse herum und zählte zum dritten Mal hintereinander das Wechselgeld, wobei sie zum ebenfalls dritten Mal zu einem anderen Ergebnis kam. Vermutlich würde sich das auch beim fünften und zwölften Mal nicht ändern. Leonie hatte es nicht mit Zahlen. Außerdem fiel es ihr schwer, sich auf das Wechselgeld zu konzentrieren und zugleich der Kundin einen guten Teil ihrer Aufmerksamkeit zu widmen, die noch immer unschlüssig von einem Regal zum anderen schlenderte und dann und wann sogar einen Band herausnahm - wenngleich auch nur, um ihn sofort wieder zurückzustellen. Zumindest war ihre Handtasche nicht groß genug, um ein Buch darin verschwinden zu lassen.
Natürlich verdächtigte Leonie die junge Frau nicht, etwas stehlen zu wollen, aber man konnte nie wissen. Leonie hatte in dieser Hinsicht schon die erstaunlichsten Überraschungen erlebt.
Die junge Frau war elegant, sogar eindeutig teuer gekleidet, und sie war mit einem sehr großen, schwarzen Wagen gekommen, der so vor dem Schaufenster abgestellt war, dass man nur sein wuchtiges Heck erkennen konnte. Leonie verstand nicht viel von Autos, aber immerhin war ihr klar, dass es sich um ein ziemlich teures Fahrzeug handeln musste. Das alles änderte jedoch nichts daran, dass sie misstrauisch blieb. Sie hatte schon erlebt, dass auch solche Leute lange Finger machten.
Sie war auf die vierte Summe Wechselgeld gekommen und setzte gerade dazu an, es zum fünften Mal zu zählen, als sich die Kundin endlich umdrehte und mit der gleichen Bewegung - Leonie war sicher, vollkommen wahllos - ein Buch aus dem Regal nahm, um es zur Kasse zu tragen.
»Das nehme ich«, sagte sie.
Leonie hatte vorhin, als die Frau hereingekommen war, nur einen flüchtigen Blick auf ihr Gesicht erhascht, aber nun konnte sie es genau betrachten. Sie glaubte, etwas vage Bekanntes in ihren Zügen auszumachen, konnte das Gefühl aber nicht richtig einordnen und verwarf den Gedanken schließlich. Wenn man nur lange genug hinter einer Ladentheke stand, dann hatte man irgendwann so viele verschiedene Gesichter gesehen, dass einem jeder irgendwie bekannt vorkam. Außerdem hätte sie sich an eine Kundin, die einen solchen Wagen fuhr, ganz bestimmt erinnert.
Sie nannte den Preis und die junge Frau öffnete ihre Handtasche und zog einen Fünfhundert-Euro-Schein heraus.
»Oh«, sagte Leonie. Sie blickte unglücklich in ihre Kasse. Ganz egal, welche der vier Summen, die sie gerade herausbekommen hatte, nun stimmte - ihr Wechselgeld reichte nicht einmal annähernd. »Haben Sie es nicht kleiner? Ich fürchte, darauf kann ich nicht herausgeben.«
»Nein«, antwortete die Dunkelhaarige.
»Dann... muss ich Sie um ein wenig Geduld bitten.« Leonie griff zum Telefon, rief ihren Vater in seinem Arbeitszimmer an und bat ihn, nach vorne zu kommen und Bargeld mitzubringen.
»Das ist eine sehr schöne Buchhandlung«, bemerkte die junge Frau, während sie darauf warteten, dass Leonies Vater kam.
»Sie ist ziemlich alt«, gab Leonie zurück. Sie wusste nicht warum, aber ihr war plötzlich unbehaglich zumute. Die Frau war eindeutig nicht gekommen, um ein Buch zu kaufen, aber sie war auch nicht grundlos hier.
»Das ist ja gerade das Schöne«, erwiderte die Fremde. »Ich mag diese modernen Großbuchhandlungen nicht. Sie haben zwar eine Riesenauswahl, aber eigentlich sind es auch keine richtigen Buchhandlungen mehr, finde ich. Es fehlt die Atmosphäre. Das Besondere, das nun einmal eine Buchhandlung ausmacht. Das Geschäft ist bestimmt schon lange in Familienbesitz, oder?«
»Über tausend Jahre«, antwortete Leonie ganz automatisch. Erst dann wurde ihr klar, was sie da gerade gesagt hatte, und sie verbesserte sich hastig. »Ähm - ich meine natürlich: Schon sehr lange. Es könnten genauso gut tausend Jahre sein.«
»Sicher«, meinte die Kundin.
Leonie atmete innerlich auf, als ihr Vater eintraf und sie aus der peinlichen Situation rettete. Wie hatte sie nur einen solchen Blödsinn reden können?
»Wo ist denn das Problem?«, fragte Vater aufgeräumt. Leonie deutete, schweigend auf den Fünfhunderter und ihr Vater runzelte die Stirn. »O ja, ich verstehe«, sagte er bedauernd. »Aber ich fürchte, da kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen. Auf diesen Schein kann ich leider nicht herausgeben.«
»Das ist auch gar nicht nötig«, erwiderte die Kundin.
Vaters Lächeln entgleiste für einen Moment, aber er fing sich sofort wieder. »Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht folgen«, sagte er. Leonie hatte jedoch das sichere Gefühl, dass er sehr genau verstanden hatte. Ihr Unbehagen wuchs.
»Nun, um ehrlich zu sein«, antwortete nun die dunkelhaarige junge Frau, »bin ich nicht gekommen, weil ich ein Buch kaufen wollte.«