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»Sondern?«, fragte Vater. Leonie konnte regelrecht sehen, wie seine Laune umschlug.

»Ich bin hier, weil ich Ihnen ein Angebot machen will«, fuhr die Fremde fort. Sie hob ganz leicht die Stimme. »Bitte lassen Sie mich ausreden, bevor Sie etwas sagen.«

Vater nickte wortlos.

»Um mit der Tür ins Haus zu fallen - ich bin nicht zufällig hier.« Sie sah Vater nicht an, während sie sprach, und Leonie begriff, wie wenig wohl sie sich bei dem fühlte, was sie da gerade tat. »Ich vertrete eine Gruppe von... sagen wir... Investoren, die sehr daran interessiert wären, Ihr Geschäft zu erwerben.«

»Wie kommen Sie auf die Idee, dass ich verkaufen will?«, fragte Vater.

»Ich fürchte, Ihnen wird über kurz oder lang keine andere Wahl bleiben«, antwortete die Fremde. »Wir sind über Ihre finanzielle Lage durchaus informiert.«

»So?« Vater wirkte nicht überrascht, aber sehr zornig. Leonie spürte, dass er sich nur noch mit äußerster Mühe beherrschte.

»Ja«, bestätigte die Dunkelhaarige. »Aber keine Sorge - wir wollen Ihre Notlage keineswegs ausnutzen. Ganz im Gegenteil. Ich möchte Ihnen ein Angebot unterbreiten, das Sie schlagartig all Ihrer Sorgen entheben würde, und darüber hinaus...«

»Interessiert es mich nicht«, fiel ihr Vater ins Wort. Er nahm das Buch von der Theke, ging zum Regal und stellte es an seinen Platz zurück. »Ich fürchte, Sie haben den Weg umsonst gemacht. Bitte gehen Sie.«

»Aber...«

»Auf der Stelle!« Er sprach nicht einmal sehr laut, aber irgendwie brachte er es fertig, trotzdem zu schreien. Die junge Frau blickte ihn noch einen Moment lang fast flehend an, aber sie schien wohl auch zu spüren, wie sinnlos es gewesen wäre, weiterzusprechen. Sichtlich enttäuscht steckte sie ihren Geldschein wieder ein und verließ ohne ein weiteres Wort das Geschäft. Leonie sah ihr nach, bis sie wieder in den Wagen gestiegen und abgefahren war. Erst dann wandte sie sich wieder ihrem Vater zu.

»Was war denn das für ein Auftritt?«, murmelte sie. Sie war nicht ganz sicher, ob sie erschrocken sein oder einfach in Gelächter ausbrechen sollte. Die Szene, die sie gerade erlebt hatte, hätte gut aus einem Mafia-Film stammen können - aber doch nicht aus der Wirklichkeit!

»Ich habe keine Ahnung.« Vater hob die Schultern, wie um seine Behauptung noch zu bekräftigen. »Ich habe diese Frau noch nie gesehen.«

»Aber was sie erzählt hat, das... das ist doch nicht wahr, oder?«, fragte Leonie stockend. Ihre Stimme zitterte, als sie fortfuhr: »Ich meine... wir... wir haben doch nicht wirklich so große finanzielle Probleme, oder?« Sie versuchte zu lachen, um ihren eigenen Worten den Schrecken zu nehmen, den sie selbst heraufbeschworen hatte, aber es gelang ihr nicht.

»Wir sind nicht reich«, antwortete ihr Vater ausweichend. »Das Geschäft ist nie besonders gut gelaufen, und in letzter Zeit ist...« Er hob die Schultern und vermied ihren Blick, als er weitersprach. »Du weißt selbst, wie schlecht das Geschäft seit einer Weile läuft.«

»Dann... dann hatte sie Recht?«, flüsterte Leonie ungläubig. »Wir werden das Geschäft verlieren? Und alles andere auch?«

»Unsinn!«, widersprach Vater. »Unsere Lage ist im Moment ein bisschen schwierig, aber nicht so ernst, wie es diese Möchtegern-Mafiosobraut gern hätte. Die allgemeine Wirtschaftslage ist wieder im Aufschwung, und wir können hier und da noch etwas einsparen. Und außerdem gibt es ja auch noch die Versicherung.«

»Was denn für eine Versicherung?«

»Deine Großmutter hatte eine kleine Lebensversicherung abgeschlossen«, antwortete ihr Vater. Das war eine Lüge, wie Leonie ganz genau wusste. Großmutter hatte nie eine Lebensversicherung gehabt. Sie hatte zeit ihres Lebens nichts von Banken und erst recht nicht von Versicherungen gehalten, die ihrer Meinung nach ohnehin alle nur Betrügereien waren. Aber sie schwieg.

»Pass bitte einen Moment lang allein auf das Geschäft auf«, sagte Vater. »Falls diese sonderbare Frau wieder auftaucht, dann ruf mich.«

Er ging und Leonie sah ihm zutiefst beunruhigt und verwirrt nach. Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihr Vater sie jemals belogen hätte, doch nun hatte er es ganz eindeutig getan. Vielleicht hatte er ja nur zu einer Notlüge gegriffen, um sie zu beruhigen, aber er hatte sie belogen, und diese Erkenntnis schmerzte sie. Wenn sie tatsächlich so große Probleme hatten, wie diese fremde Frau behauptete, dann ging sie das schließlich auch etwas an. Sie war doch kein kleines Kind mehr!

Die Türglocke ertönte. Leonie wollte sich dem Kunden zuwenden, der das Geschäft betreten hatte - aber da war niemand.

Überrascht trat sie hinter dem Tresen hervor, ging zur Tür und betrachtete die altmodische Glocke, die an einem kleinen Federmechanismus darüber angebracht war. Die Vorrichtung war simpel, fast schon primitiv, aber gerade deshalb eigentlich narrensicher. Es war nahezu unmöglich, dass die Glocke anschlug, ohne dass die Tür geöffnet wurde. Aber die Glocke hatte gebimmelt! Fing sie jetzt schon an, Gespenster zu sehen?

Wenn ja, dann war es ein ziemlich kleines Gespenst. Vielleicht fünf oder sechs Zentimeter lang, mit einem etwa ebenso langen dünnen Schwanz und dichtem grauen Fell. Außerdem war es ziemlich schnell, denn es verschwand mit trippelnden, kleinen Schritten so rasch unter der Theke, dass Leonie streng genommen nur einen Schatten wahrnahm. Dennoch wusste sie genau, was es gewesen war. Schließlich erkannte sie eine Maus, wenn sie sie sah.

Das hatte jetzt gerade noch gefehlt, dachte sie. Nach dem ganzen Ärger, den sie sowieso schon hatten, auch noch Mäuse! Ihr Vater behauptete zwar immer, der größte Feind der freien Unternehmer wäre das Finanzamt, aber der größte Feind eines kleinen Buchhändlers waren zweifellos Ratten und Mäuse, die Bücher eindeutig lieber mochten als die meisten Menschen heutzutage. Sie hatten Bücher nämlich zum Fressen gern, und sie waren den kleinen Nagern umso lieber, je älter sie waren.

Allerdings war diese spezielle Maus nicht gekommen, um irgendwelchen Schaden anzurichten.

Noch während Leonie mit schnellen Schritten um die Theke herumeilte, um dem unerwünschten Eindringling den Weg abzuschneiden, wusste sie, dass es sich um eine ganz bestimmte Maus handelte. Sie hatte dieses Tier schon gesehen. Schon oft. Sie wusste nicht wo, aber das Wissen war so plötzlich und mit so unerschütterlicher Überzeugung in ihr, dass sie nicht einmal auf den Gedanken kam, es anzuzweifeln. Die Maus zeigte auch nicht die geringste Scheu, sondern wartete auf der anderen Seite der Ladentheke auf sie und trippelte dann fast gemächlich los. Sie war gekommen, um ihr etwas zu zeigen oder sie an einen bestimmten Platz zu führen.

Es kam Leonie absurd vor, doch obwohl es sich nur um eine Maus handelte, empfand sie plötzlich eine tiefe Zuneigung zu dem kleinen Wesen; ein Gefühl, als wäre es ihr einziger Freund in einer ganzen Welt voller Feinde und bestenfalls Fremder. Umso wichtiger erschien es ihr aber jetzt, die Maus hinauszuschaffen. Ihren Vater würde der Schlag treffen, wenn er den kleinen Nager sah - und die Maus zweifellos auch, mit viel verheerenderen Folgen. Sie schritt ein wenig schneller aus, um den kleinen Nager einzuholen, aber die Maus lief ebenfalls schneller, fast als hätte sie ihre Gedanken erraten.

»Verdammt, bleib doch stehen!«, rief Leonie. »Ich tu dir doch nichts! Im Gegenteil! Du solltest dir selbst einen Gefallen tun und lieber verschwinden, ehe mein Vater dich sieht.«

Unbeeindruckt von dieser Warnung rannte die Maus noch schneller und huschte unter der Verbindungstür zum Haus hindurch, obwohl der Spalt dazu eigentlich zu schmal war. Aber möglich oder nicht - sie war hindurch, und damit nicht nur im Haus, sondern zumindest theoretisch auch in Reichweite ihres Vaters. Leonie folgte ihr, so schnell es ging, aber im Gegensatz zu ihr konnte sie nicht unter der Tür hindurchlaufen, sondern musste sie öffnen, wodurch sie weitere kostbare Zeit verlor. Als sie in den dunklen Hausflur trat, war es bereits zu spät. Die Maus hatte die Küche fast erreicht, aus der die Stimmen ihres Vaters und ihrer Mutter drangen, die sich lautstark stritten.