»Du weißt, dass ich das niemals zulassen werde!«, sagte Mutter gerade. »Wir hätten es vorher nicht tun sollen und aus diesem Grund schon gar nicht!«
Leonie versuchte gleichzeitig schneller und leiser zu laufen, aber nur eines von beiden war möglich; sie entschied sich für leiser. Die Maus war genau vor der offenen Tür stehen geblieben und hatte sich zu ihr umgedreht. Mit ein bisschen Glück würden ihre Eltern den kleinen Nager nicht sehen, aber wenn sie auf den uralten, knarrenden Holzdielen auch nur einen einzigen unvorsichtigen Schritt machte, würden sie sie garantiert hören, und dann war alles aus.
»Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mich persönlich bereichern will?«, keuchte ihr Vater. Die Empörung in seiner Stimme war echt. »Aber ich glaube nicht, dass wir überhaupt noch eine andere Wahl haben. Das war Theresa, verdammt noch mal!«
Leonie schlich auf Zehenspitzen weiter. Die verfluchten Fußbodenbretter knarrten trotzdem, aber nicht allzu laut, und ihre Eltern waren so sehr in ihr Streitgespräch vertieft, dass sie es mit ein wenig Glück gar nicht gehört hatten.
»Theresa?«, entfuhr es ihrer Mutter. »Hat sie dich erkannt?«
Noch zwei oder drei Schritte, schätzte Leonie. Die Maus hockte nach wie vor reglos da und blickte zu ihr hoch. Hätte Leonie nicht ganz genau gewusst, dass es völlig unmöglich war, im Gesicht eines Tiers zu lesen, hätte sie geschworen, dass sie äußerst zufrieden aussah.
»Natürlich nicht«, antwortete Vater. »Wie könnte sie? Aber sie sind hier, verstehst du? Und du weißt, dass diese Leute nicht aufgeben werden! Wir müssen es tun! Schon um Leonies Willen!«
Leonie hatte die Tür jetzt fast erreicht. Sie ließ sich behutsam in die Hocke sinken und streckte die Hand aus.
»Reicht dir immer noch nicht, was das letzte Mal passiert ist?«, fragte Mutter. »Es wird jedes Mal schlimmer, begreifst du das denn nicht?«
Sie hatte es fast geschafft. Zwar wagte sie es noch nicht, aufzuatmen, aber die Maus setzte sich brav in Bewegung, sprang mit einem Satz auf ihre Hand und begann ihren Arm emporzuklettern. In diesem Moment erscholl auf der anderen Seite der Tür ein erstaunter Ausruf. Leonie richtete sich erschrocken auf, doch es war natürlich zu spät. Ihr Vater erschien unter der Tür, noch bevor sie auch nur dazu ansetzen konnte, sich umzudrehen und wegzulaufen.
»Was machst du denn hier?«, fuhr er sie an. »Hast du gelauscht?« Er riss die Augen auf, keuchte und prallte einen halben Schritt zurück. Er starrte die Maus an, die auf Leonies Schulter saß, aber dem Entsetzen in seinen Augen nach hätte es genauso gut eine giftige Riesenspinne sein können oder ein tödlicher Skorpion.
»Du schon wieder!«
Leonie machte ebenfalls einen Schritt zurück und diese Vorsichtsmaßnahme war keineswegs übertrieben. Ihr Vater überwand seinen Schrecken und wollte nach der Maus greifen, aber Leonie kam ihm zuvor. Sie legte rasch und in einer eindeutig beschützenden Geste die Hand über ihren neuen Freund und ihr Vater erstarrte mitten in der Bewegung.
»Was soll das?«, fragte er.
»Ich will nicht, dass du ihr etwas tust.« Leonie sah den Zorn in Vaters Augen aufblitzen und fügte leise und fast widerwillig hinzu: »Bitte!«
Leonies Mutter erschien neben ihm und sah sie beide fragend an. Sie schwieg, aber Vater deutete anklagend auf Leonie und sagte leise: »Unsere Tochter belauscht uns neuerdings, wusstest du das? Und sie hat anscheinend auch ein neues Haustier.«
»Ich belausche euch nicht«, erwiderte Leonie in patzigem Ton. »Und das hier ist nicht mein neues Haustier! Ich bin ihr nur nachgelaufen, um sie einzufangen. Deshalb bin ich hier.« Sie nahm die Hand herunter und öffnete sie; die beste Gelegenheit für die Maus, sich mit einem Sprung in Sicherheit zu bringen und das Weite zu suchen. Stattdessen machte sie es sich auf ihrer ausgestreckten Handfläche gemütlich und begann sich in aller Seelenruhe die Barthaare zu putzen.
»So, so, du kennst dieses Tier also gar nicht?«, fragte Vater. »Leonie, bist du verrückt, eine Maus hier anzuschleppen?«
»Aber ich schwöre, dass ich sie vor einem Augenblick zum ersten Mal gesehen habe!«, beteuerte Leonie.
Ihr Vater machte sich nicht einmal die Mühe, ihr zuzuhören, sondern drehte sich zu Mutter um und deutete zugleich wieder anklagend auf Leonie. »Genau, wie ich es dir gesagt habe!«
Mutter beugte sich leicht vor, um die Maus genauer zu betrachten. »Also ich finde sie... irgendwie niedlich.«
»Mag sein«, antwortete Vater. »Aber wo eine Maus ist, da sind andere meistens auch nicht fern. Das fehlte uns jetzt gerade noch.« Er drehte sich wieder zu Leonie um. »Ich hätte dich wirklich für vernünftiger gehalten.«
»Aber ich sagte doch, dass ich diese...«
»Lüg mich nicht an!«, unterbrach sie ihr Vater. »Und wenn du es tust, dann tu es wenigstens ein bisschen geschickter. Glaubst du etwa, ich hätte den Karton nicht gesehen, den du für sie gebastelt hast?«
»Was für einen Karton?«, fragte Leonie. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wovon ihr Vater sprach.
»Wir können es uns nicht leisten, jetzt auch noch dieses Viehzeug am Hals zu haben«, fuhr ihr Vater fort, ohne ihre Frage zu beachten. »Du bringst sie jetzt nach draußen. Haben wir uns verstanden?«
»Sicher«, sagte Leonie kleinlaut.
»Gut«, antwortete ihr Vater. »Und sorge dafür, dass die Maus nicht wiederkommt.«
Sein Tonfall duldete keinen Widerspruch. Leonie ging rasch an ihm vorbei (in einem so großen Bogen, wie sie nur konnte), durchquerte mit schnellen Schritten die Küche und trat auf die Terrasse hinaus. Die Hitze traf sie wie ein Schlag. Am Tag vor Großmutters Beerdigung waren die Temperaturen zwar ein wenig gefallen, aber seither war es nur umso heißer geworden. Jetzt, um die Mittagszeit, flimmerte die Luft im Garten vor Hitze, wie es manchmal in Filmaufnahmen aus der Wüste zu sehen war oder über der brennenden Startbahn eines Flughafens, nach der Explosion eines startenden Airbusses.
Seltsam, dass sie ausgerechnet auf diesen Vergleich kam. Er war ziemlich weit hergeholt und eigentlich hatte sie noch nie einen Hang zum Morbiden gehabt.
»Das ist alles deine Schuld«, sagte sie zu der Maus, die vollkommen ungerührt damit fortfuhr, ihre Barthaare zu putzen. »Wenn du es darauf angelegt hattest, mir Ärger zu bereiten, dann ist es dir jedenfalls prima gelungen.«
Sie überquerte die Terrasse, sah sich einen Moment lang unschlüssig um und entschied dann, ihren aufdringlichen neuen Freund am anderen Ende des Gartengrundstückes abzusetzen. Der Garten war sehr groß, fast schon riesig. Leonie hatte alte Fotos aus besseren Zeiten gesehen und wusste, dass er früher einmal sehr gepflegt gewesen war, fast schon wie ein kleiner Park Jetzt aber war er hoffnungslos verwildert - ebenso mitgenommen durch mangelnde Pflege wie die einst prachtvolle Jugendstilvilla, die langsam aber sicher verfiel. Ein regelrechter Dschungel; jedenfalls für eine Maus. Wahrscheinlich würde sie Stunden brauchen, um den Rückweg zu finden, und mit etwas Glück würde sie es überhaupt nicht schaffen.
Leonie ging bis zum jenseitigen Ende des Grundstückes und ließ sich in die Hocke sinken, um den kleinen Nager ins Gras zu setzen, überlegte es sich dann aber anders und trat mit einem großen Schritt über das hinweg, was nach dem Feuer vom Gartenzaun übrig geblieben war. Das Nachbargrundstück war zwar nicht annähernd so groß wie das ihrer Familie, dafür aber umso verwilderter. Der Brand lag schon ein paar Jahre zurück, und bisher hatte sich niemand die Mühe gemacht, die Ruine zu beseitigen oder das Haus gar wieder aufzubauen. Soweit Leonie wusste, war die gesamte Familie, der das Haus gehört hatte, bei dem Unglück ums Leben gekommen, sodass es keine Erben gab, und ein Käufer hatte sich für das Grundstück bis heute wohl nicht gefunden.