Während Leonie vorsichtig zwischen den von Unkraut überwucherten Mauerresten entlangging, konnte sie das fast verstehen. Sie war ganz bestimmt nicht abergläubisch, aber von diesem Ort ging etwas Unheimliches aus. Vielleicht lag es einfach daran, dass hier eine ganze Familie ausgelöscht worden war. Einfach so, ohne irgendeinen Grund oder Anlass, nur aus einer puren Laune des Schicksals heraus.
Es war grausam, und außerdem hatte sie das Gefühl, dass es falsch war. Unfälle waren nie richtig, aber dieser hier war auf eine ganz bestimmte Art falsch. Er hätte nicht passieren dürfen.
Leonie schüttelte den Gedanken mit einiger Mühe ab. Plötzlich hatte sie es sehr eilig, zwischen den brandgeschwärzten Mauerresten hindurch auf die andere Seite des Grundstückes zu gelangen, wo sie abermals in die Hocke ging und die Maus diesmal wirklich absetzte.
»So«, sagte sie. »Hier kannst du bleiben. Das gehört alles dir, wenn du willst. Ich an deiner Stelle würde das Angebot annehmen. Mein Vater ist im Moment nicht besonders gut drauf, fürchte ich.«
Die Maus beschnüffelte ihr neues Zuhause zwar eifrig, machte aber keine Anstalten, im Gras zwischen den Trümmern zu verschwinden, wie Leonie gehofft hatte, sondern kam im Gegenteil nach ein paar Augenblicken zurück und sah sie erwartungsvoll an.
»Ich verstehe«, seufzte sie. »Du bist eine zahme Maus, habe ich Recht? Irgendjemand hat dich aufgezogen und dir all diese Kunststückchen beigebracht. Dann kann ich dir nur raten, zu deinem früheren Besitzer zurückzugehen.«
Leonie ertappte sich dabei, eine oder zwei Sekunden lang tatsächlich daraufzuwarten, dass die Maus antwortete. Sie lachte über diese kindische Vorstellung, drehte sich um und ging mit schnellen Schritten davon. Nach sechs oder sieben Metern blieb sie noch einmal stehen und sah sich um. Die Maus war verschwunden. Offenbar hatte sie sich doch dazu entschieden, lieber auf ihre Warnung zu hören.
Der Gedanke war fast so absurd wie der zuvor, aber Leonie war ganz und gar nicht zum Lachen zumute. Ganz im Gegenteiclass="underline" Trotz der brütenden Hitze lief ihr plötzlich ein eisiger Schauer über den Rücken und sie verspürte eine grundlose, aber bohrende Angst. Es hatte nichts mit dieser komischen Maus zu tun, das war ihr plötzlich klar.
Es war dieser Ort. Mehr denn je hatte sie das Gefühl, dass hier irgendetwas falsch war, so falsch, wie es nur ging. Es hätte diese Ruine nicht geben dürfen. Irgendetwas war hier geschehen, das so vollkommen verkehrt war, dass sich alles in ihr dagegen sträubte, auch nur einen weiteren Schritt in das Durcheinander aus verfilztem Unkraut und verkohlten Mauerresten zu tun.
Statt auf demselben Weg zurückzukehren, auf dem sie gekommen war, beschloss sie, das Grundstück zu umrunden und die Buchhandlung durch den Vordereingang wieder zu betreten. Das bedeutete einen Umweg von bestimmt fünfhundert Metern, wenn nicht mehr, aber das war ihr im Augenblick sogar recht. Sie hasste es, wenn ihre Eltern sich stritten - und sie hegte noch immer einen tiefen Groll gegen ihren Vater, weil er sie so offensichtlich angelogen hatte. Vielleicht war es besser, wenn sie ihm für eine Weile aus dem Weg ging.
Leonie trat endgültig auf den Bürgersteig und machte sich auf den Weg; allerdings viel langsamer, als es nötig gewesen wäre.
Als sie um die Ecke bog, sah sie den Wagen.
Leonie kam der Autotyp noch genauso unbekannt vor wie zuvor, aber sie erkannte den Wagen ohne jeden Zweifel wieder. Es war die teure schwarze Limousine, die vorhin vor der Buchhandlung geparkt hatte. Sie war nur zwanzig oder dreißig Meter weit gefahren und stand jetzt so da, dass sie vom Laden aus zwar nicht mehr gesehen werden konnte, ihre Insassen die Buchhandlung jedoch problemlos im Auge behalten konnten.
Plötzlich loderte eine kalte Wut in Leonie hoch. Wer immer diese fremde Frau war, zumindest im Moment gab sie ihr die alleinige Schuld an dem, was vorhin passiert war. Und vor allem daran, dass ihr Vater sie belogen hatte. Leonie blieb für einen ganz kurzen Moment stehen, ging dann aber umso schneller weiter, und zwar nicht zurück nach Hause, sondern schräg über die Straße und schnurstracks auf die schwarze Luxuslimousine zu. Während sie es tat, schoss ihr noch einmal die Bemerkung ihres Vaters durch den Kopf, der die Fremde als Möchtegern-Mafiosobraut bezeichnet hatte, und plötzlich fand sie den Vergleich nicht mehr im Geringsten komisch - aber ihr Zorn überwog dennoch bei weitem. Sie erreichte den Wagen, riss die Beifahrertür auf und starrte eine Sekunde lang ziemlich verdattert auf den dunkelhaarigen Mann mit Sonnenbrille und schwarzem Anzug, der hinter dem Steuer saß. Der Beifahrersitz des Wagens war leer.
»Das ist die falsche Tür, Leonie«, sagte eine leicht amüsiert klingende Stimme. »Komm doch nach hinten. Die Tür ist offen.«
Leonie drehte erschrocken den Kopf und erblickte die junge Frau, die vorhin bei ihnen im Geschäft gewesen war, auf der breiten Rückbank. Obwohl die Scheiben des Wagens dunkel getönt waren, trug sie nun ebenfalls eine Sonnenbrille, was Leonies Meinung nach selbst für einen richtigen Mafioso stark übertrieben gewesen wäre.
»Worauf wartest du?«
Leonie rief sich fast gewaltsam in die Wirklichkeit zurück, öffnete die hintere Tür des Wagens und stieg ein. Es war eine von jenen wirklich großen, luxuriösen Limousinen, die zwei gegenüberliegende Sitzbänke hatten und wahrscheinlich auch eine Bar, einen Fernseher und allen möglichen anderen Schnickschnack. Leonie nahm gegenüber der Dunkelhaarigen Platz, rutschte aber zugleich auch so weit wie möglich von ihr weg. Der kleine Verrat, den ihre Körpersprache auf diese Weise an ihr beging, blieb ihrem Gegenüber nicht verborgen, aber sie reagierte nur mit einem flüchtigen Stirnrunzeln darauf.
»Möchtest du etwas trinken?«, fragte sie. »Es ist ziemlich heiß draußen. Ich habe gekühlte Limonade da.«
»Nein, danke.«
»Also gut.« Die Fremde hatte die Hand bereits halb nach einem mit Mahagoni verkleideten Kästchen ausgestreckt - vermutlich die Bar -, ließ sie jetzt aber unverrichteter Dinge wieder sinken und deutete ein Achselzucken an. »Dein Vater hat sich also doch noch entschlossen, mit uns zu reden.«
»Nein«, sagte Leonie.
»Nein?«
»Meine Eltern wissen nicht, dass ich hier bin«, erklärte Leonie. »Und ich glaube auch nicht, dass sie sehr begeistert wären, wenn sie es wüssten.«
»Das ist schade«, bemerkte die junge Frau. Leonie versuchte vergeblich, in ihrem Gesicht zu lesen. Die Sonnenbrille machte es einfach unmöglich.
»Warum wollen Sie meinen Eltern alles wegnehmen?«, fragte sie geradeheraus. »Was haben Sie davon? Sie sind doch schon reich!« Sie machte eine wütende Handbewegung. »Allein dieses Auto ist wahrscheinlich mehr wert als unser ganzes Haus!«
»Hat er dir das erzählt?«, fragte Theresa. »Dass wir ihm das Haus wegnehmen wollen?«
»Nein«, antwortete Leonie. »Das brauchte er gar nicht. Ich war schließlich dabei.« Sie schüttelte zornig den Kopf. »Warum tun Sie das?«
»Niemand will euch irgendetwas wegnehmen, Leonie«, erklärte die Fremde. »Weder deinen Eltern noch dir. Ganz im Gegenteil. Wir wollen dir helfen. Es geht nicht darum, dass deine Eltern das Erbe verlieren, sondern darum...«
»Dass ich es bekomme«, führte Leonie den Satz zu Ende. »Ich weiß.«
Ihr Gegenüber war ehrlich verblüfft. Bestimmt zehn Sekunden lang sah sie Leonie nur wortlos durch die getönten Gläser ihrer Sonnenbrille an.
»Theresa«, fügte Leonie nach ein paar Augenblicken betont hinzu.
»Du kennst meinen Namen?«
Leonie nickte wortlos. Insgeheim verfluchte sie diese verdammte Sonnenbrille, hinter der sich die dunkelhaarige junge Frau versteckte. Irgendetwas sagte ihr, dass es wichtig sei, Theresas Reaktionen zu beobachten.
»Hat dein Vater...?«, begann Theresa.
»Nein«, unterbrach sie Leonie. Das war eine glatte Lüge - und zugleich auch wieder nicht. Sie hatte Theresas Namen zuerst aus dem Mund ihres Vaters gehört und sie hatte auch nicht vergessen, auf welche Art er über sie gesprochen hatte. Doch darüber hinaus hatte sie Theresas Namen schon vorher irgendwann einmal gehört. Sie hatte sie sogar schon mal gesehen und mit ihr gesprochen, und das vor gar nicht langer Zeit. Es war sehr beunruhigend, so etwas über jemanden zu denken, von dem sie ganz genau wusste, dass sie ihm nie zuvor begegnet war, aber es war eben so. Basta!