»Deine... Großmutter?«, fragte Theresa zweifelnd.
Leonie schwieg. Tief in ihr regte sich eine Erinnerung, doch etwas hinderte sie daran, Gestalt anzunehmen.
»Was hat sie über uns erzählt?«, fragte Theresa. »Klang sie... aufgeregt?«
»Nicht viel«, antwortete Leonie ausweichend. »Eigentlich nur, dass es euch gibt.«
»Und das schon sehr lange«, bestätigte Theresa. »Selbst die ältesten Aufzeichnungen, die wir besitzen, sagen nicht wie lange, und sie reichen wirklich weit in die Vergangenheit zurück. Ich hatte kaum zu hoffen gewagt, dass deine Großmutter dir überhaupt von uns erzählt hat. Sie hat kurz nach deiner Geburt jeden Kontakt zu uns abgebrochen, weißt du? Wir haben nie herausgefunden warum. Sie hat plötzlich keinen Brief mehr beantwortet, keine Anrufe mehr entgegengenommen...« Für einen Moment unterbrach sie sich, um sich nach vorn zu beugen und dem Fahrer einen Wink zu geben. Der Motor war so leise, dass Leonie nicht das mindeste Geräusch hörte, aber sie fühlte ein ganz sachtes Vibrieren, und der schwere Wagen setzte sich in Bewegung.
»Was wird das?«, fragte Leonie alarmiert.
»Eine Entführung«, antwortete Theresa lachend. »Was hast du denn gedacht?« Sie schüttelte den Kopf und wurde sofort wieder ernst. »Ich finde nur, so redet es sich besser.«
»So?« Leonie blickte misstrauisch von ihr zum Haus ihrer Eltern und wieder zurück. Natürlich glaubte sie nicht wirklich, dass Theresa vorhatte sie zu entführen, aber das änderte nichts daran, dass sie sich mit jedem Meter, den sie sich von der Buchhandlung entfernten, unbehaglicher fühlte.
»Also gut«, gestand Theresa. »Ich möchte allein mit dir reden. Es wäre nicht gut, wenn dein Vater oder deine Mutter uns zusammen sehen würden. Aber keine Sorge, wir fahren nur ein paarmal um den Block. Du kannst jederzeit aussteigen.«
»Ab hundertzehn Stundenkilometern aufwärts, wie?«
Theresa lachte wieder. »So schnell fährt die alte Kiste gar nicht«, antwortete sie. Und damit hatte sie vermutlich Recht, dachte Leonie. Sie verstand nicht viel von Autos, aber der Motor hörte sich wirklich nicht sehr gut an, und jedes Mal, wenn Theresa in einen anderen Gang schaltete, ertönte ein ungesundes Knirschen, das an Zahnräder erinnerte, die nicht mehr so präzise ineinander griffen, wie sie es sollten.
»Wir waren bei Großmutter«, erinnerte Leonie. »Und dem Grund, warum ihr uns das Haus wegnehmen wollt.«
»Unsinn!«, widersprach Theresa. Sie kurbelte heftig am Lenkrad des uralten Bentley, der anscheinend nicht über den Luxus einer Servolenkung verfügte, und warf mit einem Ruck den Kopf in den Nacken, als ihr eine Strähne ihres langen hellblonden Haares ins Gesicht fiel. »Niemand will euch irgendetwas wegnehmen. Es geht um dich, Leonie. Es ist ungeheuer wichtig, dass du die legitime Erbin bist.«
»Aber wo ist denn da der Unterschied?«, fragte Leonie. »Wenn es euch schon so lange gibt, wie du behauptest, welchen Unterschied machen denn dann die paar Jahre? Ich meine: Irgendwann wird es mir doch sowieso gehören.«
»Aber dann kann es zu spät sein.« Theresa drückte wütend auf die Hupe, als ihnen ein anderer Wagen die Vorfahrt nahm, und trat gleichzeitig hart auf die Bremse. Trotzdem rutschte der schwere Mercedes noch ein gutes Stück weiter und kam der Stoßstange des Vordermannes bedrohlich nahe, bevor sie den Wagen wieder vollständig unter Kontrolle hatte. Theresa zog eine ärgerliche Grimasse, aber sie sparte sich jeden Kommentar und setzte ihre so abrupt unterbrochene Erklärung fort. »Versteh mich bitte nicht falsch, Leonie. Ich will deinen Vater nicht schlecht machen oder so etwas. Er ist ein guter Mensch. Und er handelt ganz bestimmt in bester Absicht. Aber er ist leider ein miserabler Geschäftsmann. Wusstest du, dass deine Großmutter früher einmal eine sehr vermögende Frau war?«
Leonie schüttelte den Kopf.
»Aber das war sie«, bekräftigte Theresa. »Seit dein Vater das Geschäft übernommen hat, ist es damit steil bergab gegangen. Das Vermögen ist weg und eure Buchhandlung...« Sie hob die Schultern. »Hat er dir gesagt, dass das Haus kurz vor der Zwangsversteigerung steht?«
»Wie bitte?«, entfuhr es Leonie.
»Das ist leider die Wahrheit«, sagte Theresa. »Euch bleiben vielleicht noch zwei Wochen, wenn überhaupt. Falls deine Eltern bis dahin nicht eine nennenswerte Summe auftreiben, werdet ihr alles verlieren.«
»Und du willst sie ihnen geben?«
Theresa lachte. »Glaub mir, ich würde es sofort tun, wenn ich es könnte. Aber ich bin nicht reich. Geld hat mich noch nie interessiert.«
»So wie meinen Vater.«
»Es ist nicht seine Schuld«, meinte Theresa. »Es ist kein Verbrechen, kein guter Geschäftsmann zu sein.«
»Und warum bin ich dann hier?«
»Weil das, was jetzt vielleicht passiert, auf keinen Fall sein kann!«, rief Theresa heftig. »Ihr werdet nicht nur das Haus verlieren, sondern auch die Buchhandlung, und das darf nicht passieren, verstehst du?«
»Nein«, sagte Leonie ehrlich.
Theresa seufzte. Sie setzte zu einer Antwort an, doch in diesem Moment erscholl hinter ihnen ein zorniges Hupen. Theresa legte instinktiv (und mit einem hörbaren Krachen) den Gang ein und fuhr los. Ihr war offensichtlich nicht aufgefallen, dass die Ampel, vor der sie angehalten hatten, längst wieder Grün zeigte - so vertieft war sie in ihr Gespräch gewesen. Den Radfahrer, der plötzlich aus einer Seitenstraße geschossen kam, hatte sie anscheinend auch nicht gesehen, denn sie wich ihm mit einer erschrockenen Drehung am Lenkrad aus und verfehlte ihn buchstäblich um Haaresbreite.
»Entschuldigung«, meinte sie verlegen. »Ich... fahre nicht so oft Auto.«
Mit dieser Schrottmühle würde ich das auch nicht, dachte Leonie. Sie sah sich in dem heruntergekommenen schwarzen Ford um und wunderte sich fast ein wenig über sich selbst, dass sie überhaupt in diesen rollenden Schrotthaufen eingestiegen war. Laut sagte sie: »Vielleicht halten wir irgendwo an und trinken etwas. Ich könnte eine eiskalte Cola gebrauchen.«
Theresas Blick machte klar, dass sie den Wink verstanden hatte. Leonie hatte aber trotzdem Recht: Die altersschwache Lüftung des Wagens mühte sich vergeblich, die Temperatur auf ein erträgliches Maß zu senken, produzierte aber nichts außer Lärm. Sie waren beide längst in Schweiß gebadet.
»Da vorne ist eine Eisdiele.« Theresa tippte auf die Bremse, setzte den Blinker und schaltete mit einem Geräusch herunter, das Leonie befürchten ließ, das Getriebe könnte ihnen um die Ohren fliegen. Sie atmete innerlich auf, als sie vor dem Straßencafe anhielten und sie aussteigen konnte. Nach der brütenden Hitze, die sich im Inneren des Wagens angestaut hatte, kamen ihr die hochsommerlichen Temperaturen im ersten Moment fast angenehm vor.
Sie nahmen Platz. Praktisch sofort erschien eine Kellnerin an ihrem Tisch, und sie bestellten zwei Colas und die beiden größten Eisbecher, die Leonie auf der Karte fand. Theresa wirkte ein bisschen erschrocken, als sie die Preise auf der Karte sah. Immerhin befanden sie sich in der mit Abstand nobelsten Wohngegend der Stadt, und die Preise in diesem Straßencafe orientierten sich an der Kaufkraft der Leute, die hier lebten.
Leonie wollte ihr unterbrochenes Gespräch fortsetzen, aber Theresa winkte rasch ab und bedeutete ihr zu warten, bis die Kellnerin zurückgekommen war und ihre Bestellung gebracht hatte. Leonie war zwar ungeduldig, konnte Theresa aber durchaus verstehen. Was sie zu besprechen hatten, war von ungeheurer Wichtigkeit und gewiss nicht für fremde Ohren bestimmt. Außerdem würde sie jeder, der sie zufällig belauschte, wahrscheinlich für komplett verrückt halten.