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Es dauerte auch nur einen Moment. Die Kellnerin kam und brachte ihre Bestellung, und Theresa stürzte die Häute ihres Getränks in einem einzigen gierigen Zug hinunter. Ganz kurz glitt ein gewaltiger Schatten über die Straße hinweg, und als Leonie hochsah, glaubte sie eine riesige, geflügelte Kreatur zu sehen, die am Himmel über der Stadt entlangflog, aber es war wohl nur eine Wolke, die durch eine Laune der Natur für einen kurzen Augenblick diese Form angenommen hatte, bevor sie wieder auseinander gerissen wurde.

»Also?«, begann Leonie, als sie endlich wieder allein waren. »Du wolltest mir erklären, warum es so wichtig ist, dass die Buchhandlung mir gehört und nicht meinen Eltern.«

»Nur die legitime Erbin darf das Archiv betreten«, erklärte Theresa und nahm die Antwort auf Leonies nächste Frage gleich vorweg, indem sie mit den Schultern zuckte. »Und jetzt frag mich bitte nicht, warum das so ist. Das sind nun einmal die Regeln. Wir haben sie nicht gemacht. Wir befolgen sie nur.«

»Einfach so, ohne zu fragen?«

»Es hätte verheerende Folgen, wenn man dagegen verstoßen würde«, sagte Theresa ernst.

»Und wer hat sie aufgestellt?«, fragte Leonie.

Theresa hob wieder die Schultern und begann nachdenklich mit ihrem Mineralwasser zu spielen. »Derselbe, der das Archiv eingerichtet hat, nehme ich an. Vielleicht auch niemand. Vielleicht war es ja schon immer so.«

»Unsinn!«, widersprach Leonie. »Nichts war immer so. Jemand muss sie aufgestellt haben!«

»Da bin ich nicht so sicher«, erwiderte Theresa. »Siehst du, ich glaube, dass das Archiv... nicht wirklich das ist, was wir darin sehen.« Sie lachte leise. »Die Vorstellung wäre ja auch ein bisschen komisch, nicht wahr - ein riesiger Saal, in dem Tausende hässlicher Gnome jahrein, jahraus damit beschäftigt sind, minutiös Buch über das Leben jedes einzelnen Menschen zu führen.«

Leonie riss verblüfft die Augen auf. Woher wusste sie das? Theresa konnte unmöglich von dem verrückten Albtraum wissen, den sie vor ein paar Tagen gehabt hatte. Und der ihr im Übrigen auch erst wieder eingefallen war, als Theresa davon gesprochen hatte!

Ihr Erstaunen blieb Theresa nicht verborgen. Sie nippte an ihrem Orangensaft und lächelte. »Du warst also auch schon dort.«

»Ja«, antwortete Leonie. »Ich meine... nein. Es... es war doch nur ein Traum.«

»Und wie könnte ich dann davon wissen?«, fragte Theresa und schüttelte erneut den Kopf. »Jeder von uns ist es am Anfang so ergangen, Leonie. Keine hat geglaubt, dass sie es wirklich erlebt hat. Und wie gesagt: Ich persönlich glaube auch nicht, dass das Archiv wirklich das ist, was wir darin sehen. Es ist ein Ort, an dem das Schicksal aufgezeichnet wird - frag mich nicht, von wem oder wie oder warum. Die Hüterinnen vor uns haben vielleicht Göttergestalten gesehen, die mit Blitzen glühende Buchstaben in Felsen gebrannt haben, und die, die nach uns kommen werden, stehen vielleicht in einem Saal voller Computerterminals.«

»Du meinst, jeder sieht das, was er zu sehen erwartet?«, vermutete Leonie. »Weil wir das, was wirklich da ist, gar nicht erkennen können?«

»Das nehme ich an«, antwortete Theresa.

»Und ich sehe einen Saal voller hässlicher, vorlauter Zwerge«, murmelte Leonie. »Sollte uns das etwas über meinen Gemütszustand verraten?«

Theresa lachte herzhaft, aber sie wurde auch gleich wieder ernst und schüttelte den Kopf. Sie trank wieder von ihrem Orangensaft, sprach aber nicht sofort weiter, sondern drehte sich halb in ihrem Stuhl um und ließ ihren Blick über die Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite schweifen. Sie waren ausnahmslos groß und teuer, wie in diesem Viertel nicht anders zu erwarten war, aber mehr als eines machte auch einen verwahrlosten Eindruck. Die Vorgärten waren verwildert, die eine oder andere Fensterscheibe eingeschlagen oder auch einfach nur zerbrochen.

»Und?«, fragte Leonie. »Das war doch noch nicht alles?«

»Ich fürchte schon«, erwiderte Theresa, allerdings erst, nachdem sie ihren Blick fast gewaltsam von den Häusern auf der anderen Straßenseite losgerissen hatte. Sie wirkte irritiert, als hätte sie etwas gesehen, was sie zutiefst verwirrte. Leonie fiel auf, dass sie Theresa nie gefragt hatte, woher sie eigentlich kam. Ganz offensichtlich kannte sie sich in dieser Stadt nicht aus.

»Es spielt keine Rolle, was das Archiv wirklich ist und ob es jemand erschaffen hat, und wenn ja warum. Es ist da, das ist alles, was zählt.«

»Und ihr...«, Leonie verbesserte sich, obwohl es ihr plötzlich schwer fiel, überhaupt weiterzusprechen, »... wir können es betreten.«

»Ja«, antwortete Theresa. »Und nicht nur das.«

Das beklemmende Gefühl, das sich in ihr breit gemacht hatte, verstärkte sich. Tief in sich drin wusste sie längst, was Theresa ihr sagen wollte, aber der Gedanke war einfach zu bizarr, als dass sie sich auch nur gestattete, ihn zu Ende zu denken.

»Diejenigen von uns, die die Gabe besitzen«, fuhr Theresa fort, »haben nicht nur die Macht, das Archiv zu betreten. Sie können es verändern.«

»Verändern? Du meinst...«

»Wir können die Wirklichkeit verändern«, sagte Theresa leise. »Nicht die Zukunft und auch nicht die Gegenwart, aber das, was geschehen ist. Deine Großmutter hatte diese Gabe, du hast diese Gabe und auch ich habe sie. Und einige der anderen. Wir sind nur wenige, und keine von uns weiß, warum uns diese furchtbare Macht verliehen wurde. Aber wir haben sie.«

»Weißt du, was du da sagst?«, flüsterte Leonie.

»Ich hoffe, du weißt es«, antwortete Theresa.

»Aber das... das ist... unvorstellbar!«, krächzte Leonie. Ihre Stimme drohte zu versagen. »Jemand der... der über eine solche Macht verfügt, könnte... könnte...« Sie brach ab. Ihr fehlten die Worte, um zu beschreiben, was sie empfand.

»Könnte buchstäblich die Welt aus den Angeln heben«, führte Theresa ihren Satz zu Ende und nickte. »Oder sie zerstören. Was ich gesagt habe, ist nicht ganz richtig. Wer die Macht hat, die Vergangenheit zu verändern, der hat durchaus auch die Macht, die Zukunft zu beeinflussen. Er kann buchstäblich alles tun. Und dabei so unvorstellbar viel Schaden anrichten.« Sie machte eine Bewegung auf die Häuser auf der anderen Straßenseite. »Hier hat es vor ein paar Jahren gebrannt, nicht wahr?«

Leonie schüttelte den Kopf. »Nicht hier. Auf unserem Nachbargrundstück.«

»Jetzt denk nur, wenn jemand die Möglichkeit hätte, das Feuer zu verhindern«, sagte Theresa. »Es sind Menschen dabei ums Leben gekommen. Wäre es nicht eine gewaltigen Versuchung, zu wissen, all diese Menschen retten zu können?«

»Und was spricht dagegen?«, fragte Leonie. Sie schnitt Theresa mit einer Geste das Wort ab, als diese antworten wollte. »Du hast Recht, es sind Menschen ums Leben gekommen. Eine ganze Familie. Und sie haben nichts weiter verbrochen, als im falschen Moment in diesem Haus zu sein. Wenn ihr diese Macht habt, warum setzt ihr sie nicht ein?«

Sie hatte so laut gesprochen, dass etliche der anderen Gäste ihre Unterhaltung unterbrachen und fragend in ihre Richtung blickten. Theresa machte eine rasche besänftigende Geste und bedeutete Leonie zugleich, leiser zu reden. »Weil wir es nicht dürfen«, sagte sie dann. »Niemand hat das Recht, die Vergangenheit zu verändern. Du könntest eine noch viel entsetzlichere Katastrophe auslösen. Nur weil du Gutes tun willst. Vielleicht kannst du das Feuer verhindern und diese Menschen retten, und einer von ihnen wächst zu einem wahnsinnigen Diktator heran, der die ganze Welt zerstört. Aber keine Sorge: Keiner von uns würde es auch nur versuchen.«

»Bist du sicher?«, fragte Leonie.