»Ganz sicher«, antwortete Theresa. »Du selbst besitzt diese Macht, Leonie. Du hast die Gabe von deiner Großmutter geerbt. Geh in das Archiv. Du kennst die Namen deiner Nachbarn, die damals ums Leben gekommen sind. Geh in das Archiv, suche das Buch, in dem ihre Leben aufgeschrieben sind, und ändere es.« Sie machte eine auffordernde Geste. »Worauf wartest du? Ich werde nicht versuchen dich aufzuhalten.«
Leonie rührte sich nicht. Sie starrte Theresa nur betroffen an.
»Du würdest es nicht tun«, sagte Theresa.
»Nein«, gab Leonie zu. Sie wusste selbst nicht warum, aber sie spürte, dass Theresa Recht hatte. Selbst wenn sie über die unvorstellbare Macht verfügte, von der Theresa behauptete, sie habe sie von ihrer Großmutter geerbt: Sie würde sie nicht einsetzen.
»Keine von uns würde so etwas tun«, fuhr Theresa fort. »Dieselbe Macht, die uns diese Möglichkeit gegeben hat, hat wohl auch dafür gesorgt, dass wir uns der Verantwortung bewusst sind, die damit einhergeht. Wir würden diese Macht niemals missbrauchen. Wir könnten es gar nicht. Und es ist auch noch nie geschehen.«
Es dauerte nur einen Moment, bis Leonie der fundamentale Fehler in diesem Gedanken auffiel. »Woher willst du das wissen? Wenn jemand wirklich die Vergangenheit verändert hätte, würdest du es gar nicht merken. Du würdest dich nicht an diese andere Vergangenheit erinnern, weil sie niemals passiert wäre.«
»Es ist noch nie geschehen«, beharrte Theresa stur. Leonie fand, dass sie es sich damit ein bisschen leicht machte, doch Theresa fuhr schon im gleichen Sekundenbruchteil fort: »Aber jetzt könnte es passieren.«
»Wieso?«, fragte Leonie erschrocken.
»Weil deine Mutter die Gabe nicht hat«, antwortete Theresa. »Aber dadurch, dass deine Mutter nun die legitime Erbin deiner Großmutter ist, steht auch ihr die Tür zum Archiv offen. Und mit ihr jedem, dem sie den Zutritt gestattet.«
Vor allem den letzten Satz, fand Leonie, betonte sie auf eine Weise, die ihr gar nicht gefiel. »Du willst doch nicht behaupten, dass meine Mutter...«
»Natürlich nicht«, fiel ihr Theresa hastig ins Wort. »Aber allein ihre Anwesenheit dort könnte schon schlimme Folgen...« Sie brach ab. Ihre Augen verengten sich, als sie Leonie mit wachsendem Schrecken ansah. »Sie war auch schon dort«, murmelte sie schließlich.
Leonie schwieg.
»Und nicht nur sie.« Es war schon fast unheimlich, doch Theresa schien in ihrem Gesicht zu lesen wie in einem offenen Buch. »Großer Gott!«
»Es ist nichts passiert«, sagte Leonie rasch. »Sie... sie haben nichts angerührt. Sie hatten gar keine Gelegenheit dazu.«
»Du warst also auch da.« Theresa sah ganz so aus, als hätte sie am liebsten die Hände vors Gesicht geschlagen.
»Aber ich habe auch nichts angerührt«, versicherte Leonie. »Ehrenwort. Es ist nichts passiert.«
»Um dich einmal selbst zu zitieren«, erwiderte Theresa. »Woher willst du das wissen?«
»Ich weiß es eben«, beharrte Leonie. »Glaub mir!«
»Mir bleibt ja wohl auch keine andere Wahl«, seufzte Theresa. Sie schüttelte resigniert den Kopf. »Verstehst du jetzt, warum es so wichtig ist? Du musst deine Eltern dazu überreden, dir das Erbe, die Buchhandlung und alles andere, zu überschreiben. Nur eine Hüterin, die über die Gabe verfügt, darf das Archiv betreten. Die Gefahr wäre viel zu groß.«
Leonie schwieg eine ganze Weile. Das Entsetzen und die Angst in Theresas Stimme waren zweifellos echt, aber sie hatte auch nicht vergessen, was ihr Vater vorhin gesagt hatte. Was wenn er Recht hatte und das alles nur ein geschickter Versuch Theresas und ihrer Komplizen war, die Kontrolle über das Familienerbe zu erlangen? So sympathisch Theresa ihr auch war: Ihre Geschichte klang schon sehr fantastisch. Und letzten Endes kannte sie die junge Frau ja praktisch gar nicht. Die wüste Geschichte über die Familie, die auf dem Nachbargrundstück ums Leben gekommen war, hatte sie zwar erschreckt, aber sie war eben doch nicht mehr als das: Eine wüste Geschichte, die möglicherweise auf Wahrheit beruhte. Trotzdem ertappte sie sich dabei, einen raschen nervösen Blick in die Richtung zu werfen, in der das niedergebrannte Haus lag. »Ich muss darüber nachdenken«, sagte sie zögernd.
»Das verstehe ich«, antwortete Theresa - obwohl sie alles andere als glücklich aussah. »Aber lass dir nicht zu viel Zeit damit.«
»Und wenn sie nicht einverstanden sind?«, fragte Leonie. »Was soll ich tun? Meine eigenen Eltern enterben lassen?«
»So weit wird es hoffentlich nicht kommen«, meinte Theresa.
»Und wenn doch?«
»Wir werden nicht zulassen, dass es so weit kommt«, erklärte Theresa.
Die Stimmung begann zu kippen, und obwohl Leonie dies spürte, fragte sie mit hörbar kühlerer Stimme: »Soll das eine Drohung sein?«
»Nein«, sagte Theresa. »So war das nicht gemeint. Ich wollte nur...« Sie hob die Schultern. »Ich wollte nur, dass du begreifst, wie ernst die Situation ist. Denk einfach über das nach, was ich dir erzählt habe. Vielleicht treffen wir uns hier morgen um dieselbe Zeit wieder?« Sie wollte aufstehen, aber Leonie hielt sie mit einer Handbewegung zurück.
»Wenn das alles wahr ist«, fragte sie, »warum hat Großmutter mir dann nie davon erzählt?«
Theresas Reaktion machte ihr klar, dass sie genau diese Frage befürchtet und bis zum letzten Moment gehofft hatte, sie nicht zu hören. »Das weiß ich nicht«, sagte sie zögernd. »Gleich nach deiner Geburt hat sie jeden Kontakt mit uns abgebrochen. Wir wissen nicht warum. Glaub mir, es ist die Frage, die wir alle uns seit fünfzehn Jahren immer wieder stellen.«
»Wie viele seid ihr denn?«, wollte Leonie wissen.
»Nicht sehr viele.« Theresa winkte die Kellnerin herbei und bedeutete ihr, die Rechnung zu bringen. »Vielleicht nicht genug für die Aufgabe, die vor uns liegt.« Sie begann in ihrer Handtasche zu kramen und förderte schließlich eine abgewetzte Geldbörse zutage. Als sie sie öffnen wollte, schüttelte Leonie den Kopf. Sie hatte den nervösen Blick nicht vergessen, mit dem Theresa die Preise auf der Speisekarte gemustert hatte.
»Ich mache das schon«, sagte sie.
Theresa ließ sich nicht zweimal bitten. Sie sah zwar ein bisschen verlegen aus, aber sie ließ ihre Geldbörse trotzdem rasch wieder in der Handtasche verschwinden und stand auf. »Denk bitte darüber nach«, sagte sie noch einmal. »Und... es wäre besser, wenn deine Eltern nichts von diesem Gespräch erfahren würden. Jedenfalls noch nicht.«
Wieso überraschte sie das nicht?, dachte Leonie. Sie erwiderte jedoch nichts, sondern nickte zum Abschied und sah zu, wie Theresa zu ihrem rostzerfressenen alten VW ging und einstieg.
Sie hatte ihr nicht angeboten, sie nach Hause zu bringen, aber das nahm Leonie ihr auch nicht weiter übel. Die Hinfahrt in dieser Rostschleuder hatte ihr schon gereicht. Und sie war im Grunde ganz froh, die knapp anderthalb Kilometer nach Hause zu Fuß zurücklegen zu müssen. So hatte sie wenigstens Zeit, sich ein paar Fragen zurechtzulegen, die sie ihrem Vater stellen würde.
Sie hatte das Gefühl, dass es eine Menge Fragen sein würden.
Und nicht alle würden ihrem Vater gefallen.
Vielleicht gar keine davon.
Mausetod
»Also, das ist die mit Abstand verrückteste Geschichte, die ich jemals gehört habe«, sagte Leonies Vater und goss sich ein weiteres Glas Orangensaft ein. Es war das dritte, seit Leonie angefangen hatte zu erzählen, und daran merkte sie, wie lang ihre Geschichte gedauert haben musste. Es war zwar noch heißer geworden, aber das erkannte Leonie nur an der Anzeige des kleinen Digitalthermometers, das an der Wand neben ihr angebracht war und sowohl die Außen- als auch die Innentemperatur anzeigte. Sie saßen auf der großen, rundum verglasten Terrasse des Hauses, und abgesehen von der Anzeige des Thermometers kündete nur das leise Summen der Klimaanlage von der flimmernden Hochsommerhitze, die draußen herrschte und ihr Bestes tat, um den Garten zu verbrennen und die Blätter an den Bäumen zum Verkohlen zu bringen. Trotz der mittlerweile fast ununterbrochen arbeitenden Bewässerungsanlage standen ihre Chancen gut, es zu schaffen. Leonie konnte sich nicht erinnern, jemals einen so heißen August erlebt zu haben.