»Aber sie ist auch nicht schlecht«, fuhr Vater fort. »Diese Theresa sollte vielleicht einen Fantasy-Roman daraus machen. Wahrscheinlich würde es ein Bestseller.« Er lachte.
»Das ist nicht komisch«, sagte Mutter.
»Nein, eigentlich nicht«, antwortete Leonie. Vaters Lächeln verschwand, aber vermutlich sah nicht nur Leonie ihm an, dass er es nur mühsam unterdrückte.
»Es ist ganz und gar nicht komisch«, räumte er ein. »Aber es sollte selbst dir klar machen, wie gefährlich diese Leute sind.«
»Für mich klingt es eher verrückt«, sagte Leonie.
»Das ist es auch«, bestätigte ihr Vater und plötzlich wurde er wirklich ernst. »Aber das eine schließt ja das andere schließlich nicht aus, weißt du? Ich habe immer gesagt, dass diese Leute gefährlich sind, aber deine Mutter hat mir nicht geglaubt. Es war richtig, dass du uns davon erzählt hast.«
Dessen war sich Leonie noch gar nicht sicher. Sie war auf direktem Wege nach Hause gegangen, nachdem Theresa verschwunden war, aber sie hatte noch über eine Stunde gezögert, ihren Eltern von ihrer Zusammenkunft mit ihr zu erzählen. »Ihr kennt diese Leute also?«, fragte sie.
»Ja«, gestand ihr Vater.
»Und das, was sie über Großmutter erzählt hat...?«
»... ist haarsträubender Blödsinn«, fiel ihr Vater ins Wort.
Leonie behielt jedoch ihre Mutter im Auge, und was sie in ihrem Gesicht las, sagte etwas völlig anderes. Sie hatte während des ganzen Gespräches kaum ein Wort gesagt, aber der Schrecken in ihren Augen war beständig größer geworden.
»Dafür, dass es Blödsinn ist, war sie ziemlich überzeugend, finde ich«, sagte Leonie.
»Das ist ja gerade das Gefährliche an diesen Leuten«, antwortete ihr Vater. »Ich weiß, wir hätten es dir erzählen sollen.«
»Das wäre keine schlechte Idee gewesen«, stimmte ihm Leonie zu. Ihre Mutter senkte den Blick.
»Wir haben gehofft, dass es nicht nötig ist«, gab ihr Vater unumwunden zu. »Deine Großmutter hatte früher mit ihnen zu tun, aber das ist lange her. Wir haben gedacht, es wäre vorbei.« Er machte ein grimmiges Gesicht. »Und ich werde dafür sorgen, dass es das auch sein wird. Ich rufe noch heute unseren Anwalt an. Diese Theresa wird dich nie wieder belästigen, das verspreche ich dir. Und auch keiner von diesen anderen Verrückten.«
»Aber wer sind diese Leute?«, fragte Leonie. Der Zorn ihres Vaters war echt, aber er betonte für ihren Geschmack einfach ein paarmal zu oft, dass Theresa und die anderen verrückt waren.
»Genau das, was ich sage«, beharrte ihr Vater stur. »Eine Bande von Verrückten. Eine Art...« Er suchte nach Worten. »Eine Art Sekte, wenn du so willst. Ich glaube, zum Teil hat diese Theresa die Wahrheit gesagt. Deine Mutter und ich haben uns nicht mit diesen Leuten abgegeben, aber natürlich haben wir das eine oder andere mitbekommen. Anscheinend gibt es diese sonderbare... Schwesternschaft wirklich. Du hast den Stammbaum in Großmutters Familienbibel ja gesehen.«
»Er reicht sehr weit zurück«, bestätigte Leonie. »Weißt du eigentlich, wie lange es die Rosenkreuzler schon gibt, oder die Freimaurer oder ein Dutzend anderer Sekten?«, fragte Vater. »Diese Theresa war sehr überzeugend, habe ich Recht? Das ist das Gefährliche an solchen Leuten, weißt du? Sie glauben an das, was sie tun. Das macht sie so überzeugend.«
»Komisch«, erwiderte Leonie. »Theresa hat etwas ganz Ähnliches über dich gesagt.«
Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte Wut in den Augen ihres Vaters auf, aber er beherrschte sich. »Tja, dann musst du dich wohl entscheiden, wem du glaubst«, sagte er gepresst.
»So war das nicht gemeint«, sagte Leonie hastig, aber ihr Vater schnitt ihr mit einem Kopfschütteln das Wort ab.
»Ich kann dir nur sagen, was ich über diese so genannten Hüterinnen weiß«, meinte er. »Deine Großmutter hat früher einmal zu ihnen gehört, aber das war, bevor ich deine Mutter kennen gelernt habe.«
»Sie wollte nicht, dass ich auch unter ihren Einfluss gerate«, erklärte ihre Mutter. »Ich habe diese Leute ein paarmal getroffen. Sie waren nicht besonders glücklich darüber. Ein- oder zweimal habe ich einen Streit miterlebt, den es wohl deshalb gab, aber ich glaube, es war in Wirklichkeit noch viel schlimmer.« Sie hob die Schultern. »Als du dann auf die Welt gekommen bist, hat sie den Kontakt zu ihnen ganz abgebrochen. Ich dachte, es wäre vorbei.«
»Es ist vorbei«, verbesserte sie Vater. »Dafür werde ich sorgen.«
Leonie war für einen ganz kleinen Moment unschlüssig, was sie nun denken oder gar sagen sollte. Die Erklärung ihrer Eltern klang sehr einleuchtend und überaus logisch - aber vielleicht war es gerade das, was sie störte. Ihre Antworten erschienen ihr fast ein wenig zu glatt, beinahe als hätten sie dieses Gespräch erwartet und sich die Antworten auf alle nur erdenkbaren Fragen schon vorher sorgsam zurechtgelegt.
Vielleicht sagten sie aber auch einfach nur die Wahrheit.
»Leonie, du glaubst doch diesen Unsinn nicht wirklich?«, fragte ihr Vater, als ihm ihr Schweigen offensichtlich zu viel wurde. »Ein Archiv, in dem das Schicksal aufgezeichnet wird. Und heilige Frauen, die den Schlüssel zu diesem Archiv hüten. Fällt dir eigentlich selbst nicht auf, wie sich das anhört?«
»Sie haben nicht gesagt, dass sie heilig sind«, bemerkte Leonie.
»Vielleicht sollten wir ja jetzt schon froh sein, dass sie nicht behaupten, nach dem Heiligen Gral zu suchen«, schnappte ihr Vater. »Leonie, ich bin froh, dass wir mit diesen Leuten seit fünfzehn Jahren nichts mehr zu tun haben. Ich werde nicht zulassen, dass sie sich wieder in unser Leben mischen!«
»Aber sie wollen doch gar nichts von euch«, antwortete Leonie. Eine innere Stimme warnte sie davor, weiterzureden und damit möglicherweise den Bogen zu überspannen. Und ganz verstand sie selbst auch nicht, warum sie sich nicht einfach mit der Erklärung zufriedengab, die ihre Eltern ihr geliefert hatten. Es gab nichts daran auszusetzen, nicht den mindesten Grund, misstrauisch zu sein. Wäre da nicht dieses Durcheinander in ihrem Kopf gewesen. Da waren Erinnerungen an Dinge, die sie nie erlebt hatte, Gespräche, die sie niemals geführt hatte, und Situationen, die sich gegenseitig ausschlossen, weil die eine nicht sein konnte, wenn es die andere gegeben hatte. Aber alles wirkte so unglaublich echt.
»O nein, sie wollen nicht uns«, sagte Vater bitter. »Sie wollen dich. Diese Leute sind geschickt. Sie hätten sich kaum so lange halten können, wenn sie dumm wären.«
»Ja wahrscheinlich«, seufzte Leonie. Dann fragte sie: »Was ist das für ein Buch, das du in deinem Tresor aufbewahrst?«
Ihr Vater blinzelte. »Wie?«
»Das Buch. Was ist das für ein Buch?«, wiederholte Leonie. Sie sah ihrem Vater fest in die Augen, während sie diese Frage stellte, aber irgendwie gelang es ihr auch, zugleich das Gesicht ihrer Mutter zu beobachten. Zu sagen, dass sie erschrocken wirkte, wäre untertrieben gewesen.
»Ein Buch eben«, antwortete ihr Vater. Er klang zornig. »Ich bin Buchhändler, falls du es vergessen haben solltest. Besonders wertvolle Exemplare bewahre ich im Tresor auf. Was soll das?«
»Nur ein Buch?«, vergewisserte sich Leonie.
Sie konnte regelrecht sehen, wie ihr Vater innerlich explodierte, nur eine Sekunde, bevor er es auch äußerlich tun und sie anbrüllen würde. Aber der befürchtete Wutanfall blieb aus. Ihre Mutter legte ihm rasch und besänftigend die Hand auf die Schulter und meinte: »Warum zeigst du es ihr nicht einfach?«
»Weil ich nicht daran denke, dieses alberne...«