»Bitte!«, sagte Mutter. »Sie braucht einen Beweis, glaub mir.«
»Unsere Tochter braucht einen Beweis, dass ihre eigenen Eltern ihr die Wahrheit sagen?«, fragte Vater böse. »Interessant! Einer wildfremden Person scheint sie zu glauben!« Er streifte Mutters Hand mit einer groben Bewegung ab und stand auf. Noch während er es tat, griff er in die Hosentasche und zog einen großen Schlüsselbund hervor. »Kommt mit!«
Er ging schnell zur Tür hinaus, und Leonie trat rasch um den Tisch herum, um ihm zu folgen, doch ihre Mutter hielt sie mit einer fast verstohlenen Bewegung zurück. Nebeneinander gingen sie in Richtung Arbeitszimmer, aber langsamer als ihr Vater. »Du darfst ihm nicht böse sein, Leonie«, sagte ihre Mutter halblaut. Obwohl sie nicht flüsterte, sprach sie sicher nicht zufällig gerade leise genug, dass nur Leonie ihre Worte verstehen konnte. »Diese Leute... Theresa... Wir hatten früher eine Menge Ärger mit ihnen, weißt du? Er hat einfach Angst, dass alles wieder von vorne losgehen könnte.«
»Theresa?«, vergewisserte sich Leonie. »Ich kann mich ja täuschen - aber sie ist doch höchstens fünf oder sechs Jahre älter als ich.«
»Die Leute, die sie geschickt haben«, erklärte ihre Mutter.
Sie hatten das Arbeitszimmer erreicht. Ihr Vater ging wortlos zum Safe, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn so heftig herum, als hätte er vor ihn abzubrechen. Aber er öffnete die Tür erst, als auch Leonie und ihre Mutter hinter ihm eintraten. »Nur damit niemand behaupten kann, ich hätte das Buch im Hemdsärmel verschwinden lassen oder gegen ein anderes ausgetauscht«, sagte er böse.
Leonie fuhr unter seiner Spitze sichtbar zusammen. Sie hatte mehr wehgetan, als sie sich selbst eingestehen wollte; vielleicht sogar mehr, als ihr Vater beabsichtigt hatte. Leonie ließ sich vor dem offen stehenden Geldschrank in die Hocke sinken und sah hinein. Er enthielt nichts anderes als ein schmales Bündel Geldscheine, ein sehr großes in uraltes Leder gebundenes Buch - und eine kleine verchromte Pistole.
»Seit wann brauchen wir denn eine Waffe?«, fragte sie ganz erschrocken.
»Die letzten fünfzehn Jahre habe ich sie nicht gebraucht«, antwortete Vater spitz. »Aber sie ist legal. Ich habe einen Waffenschein dafür. Möchten Sie ihn sehen, Miss Holmes?«
Leonie wandte sich wieder dem Buch zu. Es war wirklich riesig und noch viel schwerer, als es sowieso schon aussah. Leonie brauchte beide Hände, um es aus dem Safe zu nehmen und zum Schreibtisch zu tragen, und das zierliche Designermöbelstück ächzte, als sie es auf die Glasplatte fallen ließ.
»Also, sieh nach!«, sagte ihr Vater.
Leonies Finger glitten einen Moment lang fast bewundernd über den Einband aus uraltem, steinhart gewordenem Leder. Sie konnte fühlen, wie alt dieses Buch war. Behutsam schlug sie es auf und ließ ihren Blick über die winzigen kalligraphischen Buchstaben schweifen. Sie konnte die Schrift nicht lesen. »Ist das... Italienisch?«, fragte sie.
»Die erste Kopie einer Handschrift von Leonardo da Vinci«, antwortete ihr Vater. »Sie ist unglaublich selten. Zeig mir irgendjemanden, der dieses Buch nicht im Safe aufbewahren würde.«
Leonie sah ihn verunsichert an. Sie sagte nichts, sondern blätterte das Buch mit fast ehrfürchtigen Bewegungen weiter durch. Die Worte in Italienisch, noch dazu jahrhundertealtem Italienisch, verstand sie nicht, aber die Behauptung ihres Vaters entbehrte nicht einer gewissen Glaubhaftigkeit. Ein Großteil der Blätter war mit Zeichnungen und Skizzen übersät und sie erkannte den typischen Stil Leonardo da Vincis sofort.
»Aber... aber ich habe doch gesehen...«, murmelte sie.
»Was?«, fragte ihr Vater.
»Du hast etwas darin verändert!«
Ihr Vater zog wortlos eine Schublade seines Schreibtisches auf, nahm ein winziges Fläschchen heraus und knallte es mit solcher Wucht vor ihr auf die Schreibtischplatte, dass das Glas hörbar knirschte. »Damit?«
Leonie war nicht ganz sicher. Sie nickte zögernd.
»Dann sieh sie dir genau an«, schnappte ihr Vater. »Ich restauriere Bücher. Einige Seiten sind beschädigt. Ich habe versucht, sie zu reparieren.« Er wiederholte seine auffordernde Geste. Leonie griff nicht nach der Flasche. Sie blätterte auch nicht weiter in dem Buch, sondern schob es behutsam zurück und musste dann ihre ganze Kraft zusammennehmen, um ihrem Vater ins Gesicht sehen zu können.
»Es... es tut mir Leid«, sagte sie stockend. Sie kam sich unglaublich schäbig vor.
»Das braucht es nicht, Leonie«, tröstete ihre Mutter sie. »Das ist schon in Ordnung.«
»Nein, das ist es nicht«, widersprach Leonie. Plötzlich konnte sie nur noch mit Mühe die Tränen zurückhalten, die ihr in die Augen schießen wollten. Sie schämte sich so sehr, dass sie am liebsten im Boden versunken wäre. »Ich habe dieser Fremden geglaubt, obwohl ich sie kaum kenne, und euch nicht.«
»Daran kannst du sehen, wie gefährlich diese Leute sind«, stellte ihr Vater fest. Er nahm das Buch, trug es zum Tresor zurück und schloss es wieder ein, bevor er sich zu ihr umdrehte und weitersprach: »Entschuldige, dass ich gerade so grob zu dir war. Deine Mutter hat vollkommen Recht. Diese Leute sind gefährlich. Sie schleichen sich in dein Hirn ein und vergiften deine Seele, und du merkst es nicht einmal.« Er schüttelte den Kopf und seufzte. »Tu mir den Gefallen und sei die nächste Zeit ein bisschen vorsichtig, okay? Sag uns Bescheid, wenn sie wieder versuchen, sich an dich heranzumachen.«
»Sicher«, antwortete Leonie. Ihr schlechtes Gewissen hatte sich mit dem Schamgefühl zu etwas verbunden, das es ihr fast unmöglich machte, ihrem Vater weiter in die Augen zu blicken. »Es... es tut mir wirklich... Leid.«
»Und hör auf, dich ständig zu entschuldigen«, fügte ihr Vater hinzu. Dann grinste er. »Friede?«
»Friede«, antwortete Leonie. Noch immer zögernd, trat sie um den Schreibtisch herum. Ihr Vater lachte noch einmal und lauter, zerstrubbelte ihr das Haar und ließ den Tresorschlüssel mit einer schwungvollen Bewegung in der Hosentasche verschwinden.
»Und zur Feier des Tages lade ich euch heute Abend zum Essen ein«, erklärte er. »In der Stadt hat ein neues Restaurant aufgemacht, in dem es Speisen wie zur Zeit von König Artus gibt. Es soll sehr gut sein. Habt ihr Lust?«
»Na klar«, antwortete Leonie. Ihre Mutter nickte nur. Leonie hatte nichts anderes erwartet. Mutter war sehr schweigsam geworden in letzter Zeit. Sie sprach selten, und wenn, dann nur das Allernötigste, und meistens, ohne ihr Gegenüber dabei direkt anzusehen. Leonie konnte sich nicht erinnern, wann ihre Mutter das letzte Mal wirklich von Herzen gelacht hatte. Am Anfang hatte sie geglaubt, es wäre Großmutters Tod, der sie so mitnahm, und gewiss war das auch einer der Gründe für ihren Zustand. Aber es ging ihr immer noch nicht besser und irgendwann musste doch auch der schlimmste Schmerz wieder vergehen.
Ein Poltern draußen auf dem Flur drang in ihre Gedanken. Leonie sah hoch und erblickte gerade noch einen hellen Schemen, der an der offen stehenden Tür vorbeihuschte. Überrascht drehte sie sich zu ihrem Vater um und wollte eine entsprechende Frage stellen, aber er lächelte nur, war mit drei schnellen Schritten draußen auf dem Flur und kam nach wenigen Augenblicken zurück. Er war nicht mehr allein.
Er trug eine Katze auf den Armen. Leonie riss ungläubig die Augen auf.
»Darf ich vorstellen?«, fragte ihr Vater, wobei er grinste wie ein Schuljunge, dem ein ganz besonders raffinierter Streich gelungen war. »Mausetod.«
Leonie riss die Augen noch weiter auf und starrte eine Sekunde lang ihren Vater und dann wieder die riesige hellgraue Katze an, die es sich auf seinen Armen so bequem gemacht hatte, als wäre das seit Jahren ihr angestammter Platz. Sie war gewaltig. Ein wahres Monster, das durch das wuschelige lange Fell noch größer aussah. Allein an der Art, wie ihr Vater sie hielt, konnte Leonie erkennen, wie schwer sie sein musste; wahrscheinlich wog sie weit mehr als zehn Kilo. Leonie war nicht unbedingt die größte Katzennärrin, aber selbst sie musste zugeben, dass diese Katze ein wahres Prachtexemplar war - ihr Fell hatte einen seidigen Glanz, wie sie ihn noch nie zuvor bei einer Katze gesehen hatte, und sie besaß auch nicht das typische platte Persergesicht, das Leonies Meinung nach immer so aussah, als wäre sein Besitzer damit in frühester Jugend ungefähr hundertmal gegen eine Wand gelaufen oder hätte eins mit einer Schaufel übergebraten bekommen, sondern ein elegantes, stolzes Katzengesicht. Ja, sie war eine Schönheit - oder hätte es sein können, wären die Augen nicht gewesen. Sie waren perfekt: von einem leuchtenden Orange und sehr groß. Und durch und durch gemein. Leonie hatte noch nie so viel Bosheit und Heimtücke in den Augen eines lebenden Wesens gesehen, wie in denen dieser hellgrauen Perserkatze. Allein der Anblick jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken.