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»Wo... wo kommt die denn her?«, stieß sie schließlich hervor, nachdem sie die Katze fast eine Minute lang angestarrt hatte.

»Du wirst es nicht glauben«, antwortete ihr Vater. »Aus dem Tierheim.« Er schüttelte den Kopf und begann die Katze mit der linken Hand zwischen den Ohren zu kraulen. Das Tier begann sofort zu schnurren, aber in Leonies Ohren hörte es sich eher an wie das Knurren eines schlecht gelaunten Hundes. »Kannst du dir vorstellen, welcher Mensch ein so wunderschönes Tier ins Tierheim bringt?«

Das konnte Leonie. Sie, zum Beispiel. »Tierheim?«, murmelte sie.

»Ja«, antwortete ihr Vater, noch immer in diesem begeisterten Ton, den Leonie mit jeder Sekunde weniger verstand, die sie in die Augen der Katze blickte. »Ich war ganz zufällig dort. Ich musste nur ein Buch abgeben, das einer der Angestellten bestellt hatte, weißt du? Und da habe ich diese Katze entdeckt. Sie saß ganz allein in einem Käfig, der viel zu klein für sie war. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich musste sie einfach mitnehmen.«

Leonie tauschte einen raschen Blick mit ihrer Mutter. Sie hatte Vaters neue Freundin offensichtlich schon gesehen, wie Leonie an ihrem Gesicht ablesen konnte, aber sie sah nicht so aus, als ob sie seine Begeisterung teilte.

»Und sie heißt... Mausetot?«, fragte Leonie stockend.

»Mausetod«, verbesserte ihr Vater sie lachend. »Mit ›d‹ am Schluss. Ich finde, das ist ein passender Name für eine Katze, zumal wir in der letzten Zeit ja ein gewisses... Nagetierproblem hatten.« Er hielt Leonie die Katze hin. »Willst du sie mal nehmen?«

Das wollte Leonie ganz und gar nicht, aber sie ging trotzdem langsam um den Schreibtisch herum und streckte die Arme aus. Mausetod musterte ihre ausgestreckten Hände, sah einen Moment lang mit auf die Seite gelegtem Kopf zu ihr hoch - und schlug dann so blitzschnell zu, dass Leonie die Bewegung kaum sah.

Dafür spürte sie den brennenden Schmerz umso heftiger.

Leonie sprang mit einem Schrei zurück und starrte ungläubig auf ihre linke Hand. Mausetods Krallen hatten vier dünne, gebogene Risse auf ihrem Handrücken hinterlassen, die zwar nur haarfein waren, aber wie die Hölle brannten und sofort zu bluten begannen.

»Mistvieh!«, sagte sie herzhaft.

Ihr Vater schoss einen wütenden Blick in ihre Richtung ab, aber dann machte er einen raschen Schritt rückwärts und legte der Katze beschützend die Hand auf den Kopf. Mausetod begann zufrieden zu schnurren. »Das verstehe ich nicht«, erklärte er betroffen. »So etwas hat sie noch nie gemacht!«

»In den zwei Stunden, die du sie kennst, meinst du?«, fragte Leonie feindselig. Sie presste die rechte Hand auf die blutenden Kratzer. Der Schmerz trieb ihr die Tränen in die Augen, so schlimm war er.

»Sie ist normalerweise lammfromm«, beteuerte ihr Vater. »Die Leute vom Tierheim haben mir versichert, dass sie absolut zahm ist! Sie ist mit Kindern aufgewachsen...«

»Lass mich deine Hand sehen«, verlangte Mutter. Sie griff nach Leonies Hand, aber Leonie zog den Arm mit einem Ruck zurück, drehte sich um und stürmte an ihrem Vater vorbei in den Flur.

»Wo willst du hin?«, rief ihr Vater ihr nach.

»Ins Tierheim«, entgegnete Leonie. »Fragen, ob sie noch einen herrenlosen Rottweiler haben, oder eine Dogge!«

Selbstverständlich rannte sie nicht aus dem Haus, sondern stürmte die Treppe hinauf und ins Bad. Das kalte Wasser, das sie über ihre Hand laufen ließ, um das Blut abzuwaschen, verstärkte den Schmerz im ersten Moment noch, aber schon nach ein paar Sekunden hörten die Kratzer auf zu bluten und kurz darauf klang auch der Schmerz ab und wurde zu einem eigentlich nur noch unangenehmen Brennen.

Leonie ließ die Hand trotzdem so lange unter dem eisigen Wasserstrahl, bis sie nahezu taub war. Danach trat sie an den Spiegelschrank, kramte den Verbandskasten hervor und versuchte, ein Pflaster auf ihren Handrücken zu kleben. Sie hatte das sonderbare Gefühl, dasselbe - oder etwas Ähnliches - vor nicht allzu langer Zeit schon einmal getan zu haben, aber das konnte eigentlich nicht sein. Abgesehen von Mausetods Begrüßungsschrammen war ihre Hand unversehrt.

Das Pflaster hielt nicht richtig, weil ihre Hand noch nass war, außerdem würde das verdammte Ding wahrscheinlich sowieso bei der ersten unvorsichtigen Bewegung wieder abgehen. Leonie warf es ärgerlich in den Mülleimer, wickelte sich kurzerhand drei Lagen Toilettenpapier um die Hand und ging in ihr Zimmer zurück. Als sie den Flur überquerte, hörte sie die Stimmen ihrer Eltern unten im Erdgeschoss. Sie konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber es handelte sich eindeutig - wieder einmal - um einen Streit.

Sie knallte die Tür hinter sich zu, warf sich aufs Bett und versuchte fünf Minuten lang, ein Loch in die Decke über ihrem Kopf zu starren. Als es ihr nicht gelingen wollte, stand sie wieder auf und begann wie der berühmte gefangene Tiger im Käfig, in ihrem Zimmer auf und ab zu gehen. Es waren nicht nur die Wut auf diese verdammte Katze und der Ärger über ihren Vater, die es ihr einfach unmöglich machten, still sitzen zu bleiben. Eine sonderbare innere Unruhe hatte sie ergriffen, die sie sich nicht erklären konnte, die aber mit jedem Moment stärker wurde. Irgendetwas war passiert. Sie wusste nicht was, sie wusste nicht einmal, woher sie diese Überzeugung nahm, aber es war ganz genau das: eine Überzeugung. Etwas Großes ging vor - und es war nichts Gutes.

Leonie registrierte eine Bewegung aus den Augenwinkeln, blieb stehen und sah gerade noch einen winzigen Schwanz über den Rand des Schuhkartons verschwinden, der noch auf ihrem Schreibtisch stand. Überrascht trat sie näher und beugte sich über die kleine, bunt beklebte Pappschachtel.

Sie hatte sich ziemlich verändert, seit sie sie das letzte Mal näher betrachtet hatte: Der obere Rand war mit einem Kranz feiner Zacken versehen worden, die entfernt an die gemauerten Zinnen einer Burg erinnerten, und an einer Ecke ragte trotzig ein Türmchen in die Höhe, das gerade stabil genug aussah, um das Gewicht einer einzelnen Maus zu tragen. Die Maus selbst trug einen schwarzen Umhang, und über ihrer Brust kreuzten sich zwei Gurte, in denen zwei stecknadelgroße Stichwaffen steckten. In der rechten Pfote hielt sie etwas, das wie eine Armbrust aussah, in der anderen ein breites Messer mit einer gezahnten Klinge.

Na wunderbar, dachte Leonie. Jetzt war sie völlig verrückt! Sie blinzelte, und die Maus war wieder eine ganz normale Maus und der Schuhkarton ein Schuhkarton, mehr nicht. Ihre Nerven schleiften anscheinend wirklich schon auf dem Fußboden. Ganz tief in ihr flüsterte eine Stimme, dass es auch diesen Karton gar nicht geben durfte, aber sie weigerte sich, ihr zuzuhören. Vielleicht hatte die Stimme ja sogar Recht, aber wenn ihre Fantasie sich schon vorgenommen hatte, sie in den Irrsinn zu treiben, dann musste sie ihr ja nicht unbedingt auch noch dabei helfen.

Die Maus setzte sich auf die Hinterläufe und blickte auffordernd zu ihr hoch. Leonie streckte die Hand aus. »Komm schon, Conan«, sagte sie.

Die Maus schien sie einen Herzschlag lang vorwurfsvoll anzublicken, aber Leonie grinste nur noch breiter. Sie fand den Namen plötzlich irgendwie passend.