Conan wartete einen Moment lang ab, ob Leonie es sich nicht anders überlegen würde. Dann zuckte die Maus mit den Achseln (sie tat es tatsächlich, dachte Leonie verdattert), hüpfte auf ihre Hand und trippelte von dort aus auf ihre Schulter hinauf. Ihre Barthaare kitzelten Leonies Wange, als er es sich dort gemütlich machte.
Es klopfte. Leonie ging zur Tür und öffnete sie. Ihr Vater stand draußen und setzte offensichtlich dazu an, etwas zu sagen, aber dann klappte er den Mund nur auf und starrte sie an. Jedenfalls dachte sie das im allerersten Moment, bevor ihr klar wurde, dass er gar nicht sie, sondern etwas auf ihrer rechten Schulter ansah.
»Was... ist das?«, keuchte er schließlich.
Leonie drehte den Kopf nach rechts. Die Maus saß völlig ruhig da und streckte ihrem Vater natürlich nicht wirklich die Zunge heraus, aber irgendwie hatte Leonie den Eindruck, dass sie es gern getan hätte.
»Das«, antwortete sie lächelnd, »ist Conan.«
»Conan«, wiederholte Vater.
»Conan«, bestätigte Leonie. »Ich finde, für eine Maus ist das genau der richtige Name.«
»So«, murmelte ihr Vater. Sein Gesicht verdüsterte sich. »Du hast wirklich keine Zeit verloren. Eigentlich bin ich hier heraufgekommen, um mich zu entschuldigen, aber das hat sich ja wohl erledigt.«
Ein zustimmendes Knurren erscholl. Leonie sah nach unten und erblickte ein wuscheliges graues Fellbündel, das zwischen Vaters Füßen saß. Mausetods Augen leuchteten wie zwei kleine orangefarbene Sterne, als sie das Maul aufriss und fauchte.
Leonie sah wieder nach rechts. Jetzt war sie sicher, dass ihre Fantasie ihr einen Streich spielte. Conan streckte der fauchenden Katze die Zunge heraus.
Ihr Vater ächzte. Es musste wohl eine ganz besondere Art von Halluzination sein, denn er hatte sie offensichtlich auch.
»Ist... alles in Ordnung?«, fragte Leonie freundlich.
»Ich... ähm... ja«, stotterte ihr Vater. Er riss seinen Blick mühsam von Leonies Schulter los und trat einen Schritt zurück »Ich wollte dich nur an heute Abend erinnern. Das Essen. Nimm dir nichts vor. Wir fahren um sieben, aber es kann eine Weile dauern.«
Leonie nickte, schloss die Tür und verdrehte noch einmal den Hals, um die Maus auf ihrer Schulter anzublicken. Ob sie nun glaubte, was sie sah, oder nicht, ein Zweifel war nicht möglich: Conan grinste breit.
Um sich wenigstens noch einen Rest geistiger Gesundheit zu bewahren, wandte sie den Blick von ihm ab, ging zum Schreibtisch zurück und setzte die Maus behutsam in den Schuhkarton. Sie blieb einen kurzen Moment lang gehorsam sitzen - und sprang dann mit einer behänden Bewegung wieder heraus. Leonie versuchte nach ihr zu greifen, aber Conan entwischte ihr einfach durch die Finger, hüpfte vom Tisch und verwandelte sich in einen huschenden Schatten, der in schon gewohnter Manier unter der Tür verschwand. Leonie folgte Conan auf die etwas umständlichere Art, die jenen von der Natur benachteiligten Wesen eigen ist, die darauf angewiesen sind, Türen zu öffnen, statt einfach durch sie hindurchzulaufen, und entdeckte die Maus ein gutes Stück entfernt schon fast an der Treppe. Sie hatte angehalten und sah zu Leonie zurück, aber nur gerade lange genug, um sich davon zu überzeugen, dass sie ihr auch wirklich folgte.
Leonie schritt rascher aus. Sie begann sich allmählich daran zu gewöhnen, dass ihr neuer Freund sie zu geheimen Orten führte und dafür sorgte, dass sie Dinge hörte, die nicht für ihre Ohren bestimmt waren (sie hütete sich darüber nachzudenken, wieso diese Maus zu so etwas fähig war oder wer sie geschickt haben konnte), aber die Situation hatte sich geändert. Es gab einen neuen Mitbewohner im Haus, dem Conan besser nicht über den Weg lief.
Im Augenblick war von der Perserkatze allerdings nichts zu sehen. Die Maus erreichte unbehelligt die unterste Treppenstufe, wartete, bis Leonie fast zu ihr aufgeschlossen hatte, und trippelte dann weiter. Mit einem Satz sprang sie auf das Garderobenschränkchen neben der Haustür. Leonie trat rasch zu ihr, sah sich noch einmal nervös nach der Katze um und blickte dann die Maus fragend an.
»Und?«
Auf dem Garderobenschränkchen befand sich absolut nichts Außergewöhnliches - ein kleines Päckchen, eine Vase mit künstlichen Blumen und eine flache Kristallschale, in die ihr Vater manchmal die Autoschlüssel legte. Im Moment befand sich darin nur eine einzelne Visitenkarte mit verschnörkelter Goldschrift.
Sie gehörte Bruder Gutfried. Leonie drehte sie einige Sekunden lang unschlüssig in den Händen. Sie hatte ganz vergessen, dass der Geistliche seine Karte dagelassen hatte (um ehrlich zu sein, hatte sie bis zu diesem Moment sogar vergessen gehabt, dass er überhaupt hier gewesen war), und sie verstand auch nicht wirklich, warum Conan sie hierher geführt hatte. Warum sollte sie mit Bruder Gutfried reden? Wenn überhaupt, dann gehörte der Pastor doch wohl eher zu den Leuten, vor denen ihre Eltern sie so eindringlich gewarnt hatten.
Sie hörte ein Geräusch, legte die Karte mit einer hastigen Bewegung zurück und drehte sich um. Ihr Vater stand hinter ihr. Sie hatte nicht einmal gehört, dass er näher gekommen war (hatte er sich angeschlichen?), und er sah nicht besonders erfreut aus. In der rechten Hand hielt er den schweren schwarz-goldenen Füller, den Leonie schon ein paarmal gesehen hatte, und sein Blick verfinsterte sich immer weiter, während er abwechselnd Leonie und den Garderobenschrank ansah. Leonie streckte rasch die Hand aus, um Conan verschwinden zu lassen. Nach der unangenehmen Szene von gerade eben hatte es keinen Zweck, ihren Vater noch weiter zu provozieren.
Aber Conan war nicht mehr da. Ihr Vater hatte auch nicht die Maus angeblickt, sondern die Kristallschale mit Bruder Gutfrieds Visitenkarte. Er starrte sie gute zehn Sekunden lang durchdringend an, dann drehte er sich, ohne ein Wort gesagt zu haben, auf dem Absatz um und ging in sein Arbeitszimmer zurück. Ein hellgraues Fellbündel wuselte zwischen seinen Beinen hindurch auf den Flur heraus, bevor er die Tür schloss.
Leonie sah auf die Uhr. Es war noch nicht einmal vier - noch jede Menge Zeit, bis sie zum Essen fuhren, und der Friedhof, neben dem Bruder Gutfrieds Kapelle lag, war selbst zu Fuß nur zehn Minuten entfernt. So verärgert, wie ihr Vater im Moment war, würde er sich wahrscheinlich ohnehin für den Rest des Tages in seinem Arbeitszimmer einschließen und überhaupt nicht merken, dass sie weg war. Und selbst wenn - Leonie glaubte nicht, dass sie im Moment noch irgendetwas tun konnte, um seine Laune nennenswert zu verschlechtern.
Außer einer Kleinigkeit vielleicht.
Leonies Hand ruhte schon auf der Klinke der Haustür, aber jetzt machte sie noch einmal kehrt, ging zu Mausetod zurück und nahm die Katze kurzerhand hoch. Sie rechnete insgeheim damit, gleich Bekanntschaft mit einem knappen Dutzend rasiermesserscharfer Krallen zu machen, aber die Katze versuchte nicht einmal sich zu wehren, sondern sah sie nur verdattert an. Offensichtlich begriff sie gar nicht, was Leonie gerade getan hatte, und noch viel weniger, was sie vorhatte. Und als sie es verstand, war es zu spät.
Leonie verließ das Haus, zog die Tür hinter sich ins Schloss und überzeugte sich mit einem kurzen Rütteln an der Klinke, dass sie auch wirklich zu war. Dann ließ sie Mausetod einfach fallen.
Die Katze kreischte überrascht auf. Sie landete zwar sicher auf allen vieren, sah Leonie aber so wütend und zugleich erschrocken an, als hätte sie sie ohne Fallschirm und in tausend Metern Höhe aus einem Flugzeug geworfen. Schließlich reckte sie beleidigt den Kopf in die Höhe, drehte sich um und begann an der Tür zu kratzen. Leonie grinste schadenfroh, bevor sie sich endgültig abwandte und ging.
Wie sich zeigte, hatte sie sich gründlich verschätzt. Der Friedhof lag nicht zehn Minuten entfernt, sondern mehr als zwanzig, obwohl Leonie nicht trödelte, sondern im Gegenteil von Anfang an ein scharfes Tempo vorgelegt hatte. Sie hatte leichtes Seitenstechen, als sie endlich in die Straße, die zum Friedhof führte, einbog und die kleine Kirche vor sich sah.