Ihre Schritte wurden langsamer, und das nicht nur, weil sie so außer Atem war, als wäre sie einen Großteil des Weges gerannt. Wie auch ihre Eltern hatte Leonie zeit ihres Lebens nicht viel mit der Kirche im Sinn gehabt und abgesehen von einem Besuch im Vatikan und der Besichtigung des Stephansdoms in Wien hatte sie noch nie eine Kirche von innen gesehen und wenige von außen.
Dennoch kam ihr diese Kirche... merkwürdig vor. Es war eine ganz normale Kirche (soweit sie das beurteilen konnte, hieß das), zugleich aber auch wieder nicht, denn nichts schien wirklich zusammenzupassen. Sie war nicht sehr groß - Leonie schätzte, dass sie kaum mehr als dreißig oder vierzig Menschen Platz bot - und sie sah aus wie eine gotische Kathedrale. Aber rings um das Dach und auf den viel zu wuchtig ausgefallenen Pilastern, die die seitlichen Fassaden stützten, waren kleine Teufelsfratzen und Dämonen aus Stein angebracht, und das steinerne Kreuz über der zweiflügeligen, spitz zulaufenden Tür schien auf dem Kopf zu stehen.
Auch die Fenster der Kirche waren sonderbar. Eingerahmt von gotischen Spitzbögen, bestanden sie aus kunstvoll arrangiertem Bleiglas - aber sie zeigten keine religiösen Motive, sondern fast abstrakte Muster, die Leonie das Gefühl gaben, dass ihr schwindelig werden würde, wenn sie den Fehler beginge, zu lange hinzusehen. Der Turm war unverhältnismäßig dick, ragte dafür aber nur geringfügig über das Dach hinaus.
Leonie war stehen geblieben, ohne es zu merken, aber nun riss sie ihren Blick von diesem seltsamen Bauwerk los und ging weiter. Sie war schließlich nicht hier, um architektonische Studien durchzuführen, sondern...
Ja, sondern... Um ehrlich zu sein: Leonie wusste nicht, warum sie hier war, und sie hatte es bisher auch ganz bewusst vermieden, zu intensiv über diese Frage nachzudenken. Der einzige Grund, aus dem sie gekommen war, war Bruder Gutfrieds Visitenkarte, zu der Conan sie geführt hatte.
Sie ging die aus nur drei Stufen bestehende Treppe hinauf und öffnete die Tür. Trotz der großen Fenster war es überraschend finster im Inneren der kleinen Kapelle und so kühl, dass Leonie fast sofort eine Gänsehaut bekam. Sie musste den Schatten einer der Steinfiguren durchqueren, die die Tür flankierten und die Größe von Kindern hatten, und für den Sekundenbruchteil, den sie dazu benötigte, schien es noch kälter zu werden. Sie sah zu der Figur zurück, und wie so oft in letzter Zeit hatte sie das beunruhigende Gefühl, etwas wiederzuerkennen, das sie ganz bestimmt noch nie zuvor gesehen hatte.
Dabei war an der Figur ganz und gar nichts Unheimliches. Anders als die allermeisten anderen Figuren in der Kirche war es keine Teufelsgestalt und kein geflügelter Dämon, sondern eine kaum anderthalb Meter hohe Gestalt, die eine Art Mönchskutte mit einer weit nach vorne gezogenen Kapuze trug. Leonie konnte weder ein Gesicht noch Hände oder irgendeinen anderen Teil des Körpers erkennen, aber die bloße Frage, was sich wohl unter der schwarzen Kapuze verbergen mochte, ließ sie noch stärker frösteln.
»Du fängst also allmählich an dich zu erinnern.«
Leonie erschrak so heftig, dass sie nur mit Mühe einen Schrei unterdrücken konnte, als die Stimme hinter ihr erklang. Hastig drehte sie sich um und erschrak noch einmal und noch heftiger, obwohl sie ganz genau wusste, wer da vor ihr stand. In der Dunkelheit der Kapelle war Bruder Gutfried jedoch selbst kaum mehr als ein Schatten, dessen Umrisse mit den formlosen Schemen zu verschwimmen schienen, die den Raum hinter ihm füllten; fast als wäre er gar nicht wirklich, sondern nur ein Abbild, das in dem Moment entstand, in dem sie es ansah, und bestimmt wieder verschwunden sein würde, sobald sie in eine andere Richtung blickte.
»Wie... wie meinen Sie das?«, fragte Leonie stockend. Sie konnte hören, wie sehr ihre Stimme zitterte. Ihr Herz pochte. Irgendetwas hier machte ihr Angst, aber sie wusste nicht genau was: Bruder Gutfried, diese sonderbare Kapelle, die unheimliche Figur oder vielleicht alles zusammen.
Gutfried blieb ihr die Antwort auf ihre Frage schuldig. Er trat zurück und winkte sie heran. Leonie folgte der Aufforderung, aber es kostete sie große Überwindung, und es schien noch kälter zu werden. Und dann geschah etwas wirklich Unheimliches: Die Kirche war leer, doch das gedämpfte, zu matten Farben gefilterte Licht und die tanzenden Schatten vermittelten ihr für die Dauer eines angsterfüllten Herzschlages den genau entgegengesetzten Eindruck: Die Bankreihen schienen mit schattenhaften Gestalten gefüllt zu sein, die in das stumme Gegenteil eines Gebetes versunken waren. Dann blinzelte sie und die Schatten waren verschwunden, und als sie weiterging, kam es ihr auch nicht mehr so kalt vor wie bisher.
Bruder Gutfried trat an den kleinen steinernen Altar heran, der aus einem einzigen Block gemeißelt zu sein schien, und lehnte sich mit lässig verschränkten Armen gegen seine Kante. Leonie fand die Haltung für einen Geistlichen irgendwie unpassend.
»Ich bin froh, dass du gekommen bist«, begann er. »Ehrlich gesagt: Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben.«
»Eigentlich weiß ich selbst nicht so ganz genau, warum ich gekommen bin«, gestand Leonie. Sie legte den Kopf schräg. »Was haben Sie damit gemeint, dass ich anfange mich zu erinnern?«
»Genau das, was ich gesagt habe«, antwortete Gutfried. »Du beginnst dich zu erinnern.«
»Woran?«
»Daran, wie es war«, antwortete Gutfried. »Wie es sein sollte.«
»Wie es... sein sollte?«, wiederholte Leonie verständnislos. »Wie meinen Sie das?«
»Ich glaube, du weißt recht gut, was ich meine«, sagte Gutfried. »Du hast doch mit Theresa gesprochen, oder?«
»Ja«, antwortete Leonie. »Nein. Ich meine...« Sie brach verwirrt ab und rettete sich in eine Mischung aus einem Kopfschütteln und einem Achselzucken. »Manchmal habe ich das Gefühl, mich an Dinge zu erinnern, die gar nicht passiert sind, oder etwas Wichtiges vergessen zu haben. Aber dann weiß ich wieder nicht, was oder wen.«
»Das ist normal«, erklärte Gutfried. »Dein Gedächtnis spielt dir keinen Streich. Und du bist auch nicht verrückt, keine Angst. Deine Erinnerung hat nur Schwierigkeiten, mit den unterschiedlichen Wirklichkeiten zurechtzukommen.«
Unterschiedliche Wirklichkeiten. Was war denn das nun wieder für ein Blödsinn?, dachte Leonie.
Bruder Gutfried breitete die Arme aus. »Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass das alles hier nicht... richtig ist? Dass irgendetwas nicht so ist, wie es sein sollte?«
Leonie starrte ihn nur an. Ihr Herz begann ein wenig schneller zu schlagen.
»Theresa hat die Wahrheit gesagt«, fuhr Gutfried nach sekundenlangem Schweigen fort. Nach einer weiteren, noch längeren Pause und in verändertem Ton fügte er hinzu: »Bevor dein Vater sie aus dem Buch getilgt hat.«
»Was soll das heißen?«, fragte Leonie.
»Du weißt es.« Gutfried seufzte. »Es gibt keine Theresa mehr. Es hat sie nie gegeben.«
»Das ist nicht wahr!«, protestierte Leonie. »Ich kann mich an sie erinnern.«
»Weil du die Gabe hast«, erklärte Gutfried. »So wie deine Großmutter sie hatte, und vorher fast alle Frauen aus eurer Familie. Für alle anderen ist die Wirklichkeit die Wirklichkeit, aber ihr, die ihr die Gabe habt, ihr spürt die Veränderungen. Vielleicht ist das der einzige Grund, aus dem euch dieses Geschenk gemacht worden ist. Ihr seid die Hüterinnen der Wirklichkeit.«
»Dann... dann ist alles wahr, was Theresa erzählt hat?«, murmelte sie. »Es gibt diesen Ort? Und auch die Scriptoren und alles andere?«
Bruder Gutfried nickte schweigend.
»Wenn das wahr ist«, flüsterte Leonie erschüttert, »dann habe ich wohl ziemlich versagt.«
»Es war nicht deine Schuld«, sagte Bruder Gutfried sanft. »Du wusstest es nicht. Niemand hat es dir gesagt. Und als du es erfahren hast, da war es längst zu spät.« Er schüttelte den Kopf. »Niemand wird dir einen Vorwurf machen, und auch deinen Eltern nicht.«