»Es war Großmutter, habe ich Recht?«, fragte Leonie. Es war nicht einmal wirklich eine Frage. Sie erinnerte sich an jene Nacht, in der alles angefangen hatte. Ihre Großmutter hatte am Ende eines langen Lebens begriffen, dass sie ihr einziges Kind um das betrogen hatte, was allen anderen Menschen ganz selbstverständlich zusteht: ein normales, glückliches Leben. Und sie hatte das Einzige getan, was sie tun konnte, um mit dieser Schuld fertig zu werden - sie hatte den Fehler korrigiert.
»Auch deiner Großmutter macht niemand einen Vorwurf«, sagte Bruder Gutfried. »Die schlimmsten Fehler sind fast immer die, die in bester Absicht begangen werden. Es muss aufhören, Leonie.«
»Aber wie?«, fragte Leonie.
»Die Ordnung der Dinge muss wiederhergestellt werden«, antwortete Bruder Gutfried. »Du musst dafür sorgen, dass deine Eltern dir das Erbe übertragen. Du musst das Buch an seinen Platz zurückbringen, denn wenn das nicht geschieht, dann ist alles, was bis jetzt passiert ist, nur der Anfang.«
»Und wenn meine Eltern...« Leonie setzte neu an: »Wenn mein Vater nicht einverstanden ist?«
»Dann wird ein anderer Weg gefunden werden müssen, um die Ordnung wiederherzustellen«, sagte Gutfried.
Das klang eindeutig nach einer Drohung, fand Leonie und sie sagte es auch.
»Aber nein«, verteidigte sich Gutfried. »Niemand will dir drohen. Und wir würden niemals Gewalt anwenden, Leonie, ganz gleich, was auf dem Spiel steht. Aber das Schicksal wird einen Weg finden. Vielleicht einen schrecklichen Weg, und vielleicht wird noch viel größeres Leid verursacht, als schon geschehen ist.« Er hob die Hand, als Leonie widersprechen wollte. »Geh und sprich mit deinen Eltern, Leonie. Sie sind keine schlechten Menschen, das weiß ich. Sie werden einsehen, dass du Recht hast.«
»Und wenn nicht?«, fragte Leonie.
Diesmal antwortete Bruder Gutfried nicht mehr, und nach einer Weile und ohne noch eine weitere Frage gestellt zu haben, wandte sich Leonie um, verließ die Kapelle und machte sich auf den Heimweg.
Der Burgkeller
Natürlich fand das Gespräch zwischen Leonie und ihren Eltern nicht statt. Sie setzte mehrmals dazu an, aber ihr Vater blockte jeden ihrer Versuche, über das Archiv oder gar das Buch zu reden, sofort ab. Und als Leonie trotzdem nicht locker ließ, wurde er zuerst ärgerlich, dann autoritär. Es endete damit, dass Leonie den Rest des Nachmittags in ihrem Zimmer verbrachte und sich den Kopf über eine glaubwürdige Ausrede zerbrach, um nicht mit ihren Eltern essen gehen zu müssen. Sie verstand ohnehin immer weniger, warum ihr Vater ausgerechnet heute auf diese Idee gekommen war. Als ob es etwas zu feiern gäbe!
Ihr fielen tatsächlich gleich mehrere, durchaus glaubwürdige Ausreden ein, aber ihr Vater ließ keine davon gelten. Wenige Minuten nach sieben saßen sie im Wagen und fuhren in die Stadt.
Das Restaurant, von dem ihr Vater erzählt hatte, lag in einer Straße, die zu schmal war, um sie mit dem Wagen zu befahren, geschweige denn darin zu parken, sodass sie den letzten halben Kilometer zu Fuß gehen mussten. Leonie hatte nichts gegen einen kleinen Spaziergang, aber sie war zuerst nur erstaunt, dann mehr und mehr überrascht von dem, was sie sah. Das Restaurant befand sich in einem Stadtviertel, in dem sie noch nie gewesen war - was aber an sich nicht viel besagte. Leonie war zwar in dieser Stadt geboren und aufgewachsen, aber in einer Großstadt mit weit über einer Million Einwohner konnte man vermutlich sein ganzes Leben verbringen, ohne jede Straße zu kennen. Dennoch war sie erstaunt, bisher noch nicht einmal von diesem kleinen Karree aus vier oder fünf Straßen, das von den Resten einer mittelalterlichen Wehrmauer umschlossen wurde, gehört zu haben.
Es war ein wenig wie eine Reise in eine andere Welt, zumindest aber in eine andere Zeit. Sicher, es gab die schon fast obligaten Satellitenschüsseln und Antennen auf den Dächern, hinter den Fenstern brannte elektrisches Licht, und hier und da sahen sie das blaue Flackern eines Fernsehers hinter nur halb zugezogenen Gardinen, darüber hinaus jedoch hätten die schmalen Straßen auch direkt aus dem Mittelalter stammen können. Die Häuser waren niedrig, mit winzigen Fenstern und schmalen Türen, und zum größten Teil mit Ziegeln gedeckt, manchmal sogar mit Stroh. Das Kopfsteinpflaster der Straßen war so wellig, dass Leonie froh war, rein zufällig Turnschuhe angezogen zu haben; in jedem anderen Schuhwerk hätte sie sich vermutlich nach ein paar Schritten auf die Nase gelegt.
Auch der Burgkeller befand sich in einem uralten Ziegelsteingebäude, das aussah, als hätte es mindestens fünfhundert Jahre auf dem Buckel, wenn nicht mehr. Leonie hatte kein wirklich gutes Gefühl bei seinem Anblick. Genau wie ihr Vater mochte sie alte, historische Gebäude, vor allem wenn sie so gut erhalten waren wie dieses hier, aber an den unregelmäßigen Ziegelsteinmauern, den halbrunden Fenstern und der von zwei schweren, grob behauenen Steinsäulen flankierten Tür war irgendetwas, das sie beunruhigte.
»Na?«, fragte Vater, als sie das Gebäude betraten und in einen großen, überraschend hellen Gastraum kamen. »Habe ich zu viel versprochen?«
Nein, das hatte er nicht. Der Denkmalschutz, unter dem das Gebäude stehen musste, beschränkte sich anscheinend nur auf die Fassade. Die gegenüberliegende Wand bestand aus einem einzigen großen Fenster, das auf einen kleinen Innenhof blickte, wodurch es im Inneren des Schankraumes erstaunlich hell war. Die Einrichtung wiederum erinnerte ganz an ein mittelalterliches Gasthaus: schwere, grob gezimmerte Möbel, Kerzenständer aus Silber oder Zinn und dazu passende Leuchter unter der Decke, selbst das Personal war entsprechend gekleidet. Es roch nach Holzkohle, gebratenem Fleisch und Bier. Vater trat an die Theke, wechselte ein paar Worte mit einem Mann dahinter und kam dann zurück.
Leonie sah sich derweil nicht nur neugierig, sondern auch ein wenig hilflos um. Sämtliche Tische waren besetzt und keiner der Gäste machte den Eindruck, als würde er innerhalb der nächsten Minuten gehen wollen. Vater bedeutete ihnen jedoch mit aufgeregten Gesten, mit ihm zu kommen, und steuerte eine niedrige Tür in einer Ecke des Raumes an.
Dahinter lag eine schmale, steil nach unten führende Treppe, die von drei dunkelrot glimmenden Fackeln erhellt wurde. Die Fackeln waren künstlich, aber so perfekt gemacht, dass man schon zweimal hinsehen musste, um es zu bemerken, und die Wände bestanden aus roten, grob behauenen Steinquadern. Der Treppenschacht ähnelte so frappierend dem Gewölbe im Archiv der Scriptoren, dass Leonie unwillkürlich langsamer wurde und wahrscheinlich ganz stehen geblieben wäre, hätte sich ihre Mutter, die nur ein paar Schritte vor ihr ging, nicht umgedreht und sie fragend angesehen. Jede Stufe, die sie hinabschritt, kostete sie größere Überwindung. Wäre sie allein gewesen, sie hätte keinen Fuß auf diese unheimliche Treppe gesetzt.
Und es war noch nicht zu Ende. Die Treppe führte in einen niedrigen, unerwartet weitläufigen Gewölbekeller hinab, der von den gleichen künstlichen Fackeln und einer Unzahl - echter - Kerzen erhellt wurde, die überall auf den Tischen standen. Zwei der vier Wände wurden von schweren, grob gezimmerten Regalen eingenommen, die bis an die Decke mit uralten Büchern und Folianten voll gestopft waren, und am gegenüberliegenden Ende des Raumes stand eine große, kompliziert aussehende Maschine, deren bloßer Anblick Leonie frösteln ließ. Beim zweiten Hinsehen erkannte sie jedoch, dass es sich um eine uralte Druckerpresse handelte. Vermutlich der Nachbau eines Gerätes, das noch aus Gutenbergs Zeiten stammte. Dennoch war die Ähnlichkeit mit der großen Halle im Archiv so unheimlich, dass es Leonie immer schwerer fiel, noch an einen reinen Zufall zu glauben. Der einzig wirkliche Unterschied bestand im Grunde darin, dass es hier keine Stehpulte gab, an denen kleine, hakennasige Gestalten mit Federkielen in Bücher schrieben, sondern große Eichentische, an denen Menschen saßen und tafelten.