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»Na, wie gefällt es euch?«, fragte ihr Vater. Seine Stimme klang so stolz, als hätte er das alles hier ganz allein geschaffen. Er drehte sich, über das ganze Gesicht strahlend, zu ihnen um, runzelte aber dann plötzlich die Stirn und sah Leonie fast bestürzt an. »Du siehst ja nicht gerade begeistert aus.«

»Nein, nein, es ist schon in Ordnung«, versicherte Leonie hastig. Sie versuchte sich zu einem Lächeln zu zwingen, aber sie spürte selbst, dass es kläglich misslang. »Ich war nur... überrascht.«

»Damit habt ihr nicht gerechnet?« Vaters Gesicht überzog sich wieder mit einem strahlenden Lächeln und trotz allem nahm Leonie dieses Lächeln voller Erleichterung zur Kenntnis. Es war lange her, dass sie ihren Vater so fröhlich gesehen hatte.

»Nein«, gestand Leonie. »Ich wusste gar nicht, dass es hier so etwas gibt.«

»Gab’s bis vor kurzem auch nicht.« Vater steuerte den einzigen freien Tisch an. »Sie haben erst vor einer knappen Woche aufgemacht.«

»Das meinte ich auch nicht«, sagte Leonie, während sie ihm folgte und Platz nahm. Auch der Stuhl, auf den sie sich setzte, hätte direkt aus dem frühen Mittelalter stammen können. Er war schwer, klobig und noch unbequemer, als er aussah. »Das ganze Viertel hier. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas in der Stadt gibt.«

»Es ist genauso neu wie der Burgkeller selbst.« Vater genoss sichtbar den verwirrten Blick, mit dem Leonie auf seine Worte reagierte, und er ließ sie noch einen Moment länger zappeln, indem er nach der Kellnerin winkte und ihr mit unmissverständlichen Gesten zu verstehen gab, dass sie die Speisekarte bringen sollte, bevor er weitersprach: »Ich meine, es ist natürlich nicht neu. Dieses ganze Viertel hier stammt tatsächlich aus dem zehnten oder elften Jahrhundert; so genau weiß das niemand mehr. Vor gar nicht langer Zeit war das hier allerdings eine Gegend, die man lieber verschwiegen hat. Die Häuser waren fast alle baufällig, Strom- und Wasserversorgung haben nicht richtig funktioniert...« Er machte eine vage Handbewegung, die bedeutete, dass er diese Aufzählung ohne Mühe noch eine gute halbe Stunde hätte fortführen können. »Das Übliche eben. Niemand wollte hier wohnen. Es gab sogar Pläne in der Stadtverwaltung, alles niederzureißen und hier ein neues Industriegebiet zu errichten.«

»Hier?«, wunderte sich Leonie. »Aber das ist doch bestimmt alles denkmalgeschützt.«

»Und wie«, bestätigte Vater, schüttelte aber zugleich auch den Kopf. »Aber so ist das nun maclass="underline" Wenn es um Geld geht, sind Dinge wie Denkmalschutz oder Geschichte plötzlich gar nicht mehr so wichtig. Die Städte sind pleite. Die Abrissgenehmigung war schon fast erteilt.«

Er unterbrach sich, als die Kellnerin kam und ihnen die Speisekarte brachte. Sie war ein junges Mädchen, wahrscheinlich nur zwei oder drei Jahre älter als Leonie selbst. Sie sah nett aus, aber irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Leonie konnte jedoch nicht sagen was.

»Guten Abend, Herr Kammer«, sagte sie freundlich. »Das Übliche?«

Ihr Vater nickte, und Leonie warf ihrer Mutter einen fragenden Blick zu, bekam aber nur ein hilfloses Achselzucken zur Antwort. Ganz offensichtlich war ihr Vater nicht zum ersten Mal hier.

»Und was ist passiert?«, fragte sie, nachdem ihre Mutter und sie ihre Getränkebestellung aufgegeben hatten und die Kellnerin wieder gegangen war.

»Rettung in letzter Sekunde, sozusagen«, antwortete ihr Vater. »Es hat sich ein Investor mit einer Idee gefunden.«

Leonie nahm die Speisekarte zur Hand und betrachtete sie neugierig. Das Angebot entsprach dem mittelalterlichen Ambiente - Wein, Braten und Gemüsesuppe, Brot und Käse, Kohl und Spanferkel, keine Kartoffeln oder Pommes frites, und schon gar kein neuzeitlicher Schnickschnack wie Pizza oder Hamburger.

Viel mehr als die angebotenen Speisen faszinierte Leonie jedoch die Speisekarte selbst. Im ersten Moment hielt sie sie für einen geschickt gemachten Computerausdruck, doch nachdem sie die Karte mit der ihrer Mutter verglichen hatte, stellte sie fest, dass sie tatsächlich handgeschrieben war. Die Preise waren übrigens in Talern ausgewiesen, nicht in Euro, und sie waren geradezu lächerlich niedrig.

»Und einer Menge Geld, nehme ich an«, vermutete Mutter.

»Du machst dir keine Vorstellung wie viel«, bestätigte Vater. »Aber er hat die Leute im Stadtrat überzeugt.«

»Dieses Lokal zu eröffnen?«

»Das ist erst der Anfang«, sagte Vater. »Dieses ganze Viertel wird nach und nach restauriert. Es werden historische Handwerksbetriebe angesiedelt und noch mehr Restaurants.« Er hob die Schultern. »Es wird eine Weile dauern und eine Menge Arbeit erfordern, aber wenn alles fertig ist, haben wir eine richtige historische Altstadt hier.«

»Und wozu?«, fragte Leonie.

»Tourismus«, antwortete ihr Vater. »Andere Städte bauen große Schwimmbäder oder quietschbunte Vergnügungsparks, unsere Stadt bekommt ein mittelalterliches Viertel.«

»Und das funktioniert?«, fragte Leonie zweifelnd.

»Und wie«, erwiderte ihr Vater. »Sieh dich doch hier nur um. Seit der Burgkeller eröffnet wurde, ist er jeden Tag ausgebucht. Man muss schon jetzt drei Wochen im Voraus einen Tisch bestellen, und die Interessenten, die die Handwerksbetriebe übernehmen wollen, stehen Schlange.«

»Du weißt eine Menge über das Projekt«, meinte Mutter.

»So ziemlich alles«, bestätigte ihr Mann mit einem geheimnisvollen Lächeln.

»Bei den Preisen hier müssten sie eigentlich längst pleite sein.« Leonie deutete auf die Speisekarte. »Das deckt ja nicht mal die Stromkosten.«

»Da täuschst du dich. Der Burgkeller ist in Wahrheit sogar recht teuer.« Vater griff in die Tasche und zog einen kleinen Lederbeutel hervor. Es klimperte hörbar, als er ihn an Leonie weiterreichte. »Die kann man oben beim Wirt kaufen. Und der Umrechnungskurs ist abenteuerlich, glaub mir.«

Leonie machte den Beutel auf und schüttete seinen Inhalt auf ihre Handfläche. Es handelte sich um mehrere goldene und eine Anzahl kleinerer kupferfarbener Münzen. Taler und Heller. Leonie nahm einen davon zur Hand und betrachtete ihn aufmerksam. Sie kannte sich mit alten Münzen nur oberflächlich aus, aber wenn dieser Taler eine Fälschung war, dann eine perfekte.

»Sie sind echt«, sagte ihr Vater, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Und entsprechend wertvoll.«

Leonie ließ die Münzen wieder in den Beutel prasseln und gab ihn fast ehrfürchtig an Vater zurück. »Du kennst dich ja wirklich gut mit dem Ganzen hier aus.«

»Das stimmt«, antwortete Vater lächelnd.

Die Kellnerin kam, um die bestellten Getränke zu bringen. Leonie war leicht verwirrt. Sie hatte eine Cola bestellt und ihre Mutter ein Mineralwasser, aber auf dem hölzernen Tablett standen drei klobige Silberbecher, in denen eine gelbliche Flüssigkeit perlte. Leonie schnupperte misstrauisch daran und sah ihren Vater dann überrascht an. »Champagner?«

»Es ist nicht ganz zeitgemäß, ich weiß«, sagte Vater, während er nach seinem Becher griff. »Aber heute machen wir einfach mal eine Ausnahme.«

»Haben wir denn einen Grund zum Feiern?«, erkundigte sich Mutter.

Vater lächelte geheimnisvoll, hob seinen Becher und prostete ihnen zu. Er wartete, bis auch Leonie und ihre Mutter an ihren Bechern genippt hatten, bevor er antwortete: »Ihr habt gerade gefragt, wieso ich mich so gut mit diesem Projekt auskenne. Ich weiß buchstäblich alles darüber. Es ist mein Projekt. Streng genommen unseres, aber ich habe es geplant und entwickelt.«

Leonie starrte ihren Vater aus großen Augen an. »Der Burgkeller gehört dir?«.

»Uns«, verbesserte sie ihr Vater. »Und nicht nur der Burgkeller. Das ganze Viertel.«

Mutter verschluckte sich an ihrem Champagner, begann zu husten und wurde kreidebleich. »Was?«, keuchte sie.