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»Keine Sorge«, schmunzelte Vater. »Ich habe es praktisch geschenkt bekommen.«

»Aber... aber die ganze Arbeit«, murmelte Leonie. »Die Kosten für den Umbau und den Unterhalt und...«

»... sind astronomisch«, unterbrach sie ihr Vater, machte aber zugleich auch eine wegwerfende Handbewegung. »Aber das Projekt rechnet sich, keine Sorge. Und selbst wenn nicht, wird es uns nicht ruinieren. Aber keine Angst, es wird aufgehen.«

»Und trotzdem.« Mutter war noch immer blass. »Ein so großes Projekt. Ich meine: Du hättest mir wenigstens etwas sagen können.«

Vater Lächeln wurde um mehrere Grad kühler. »Seit wann interessierst du dich für geschäftliche Dinge?«

»Gar nicht«, gestand Mutter. »Aber bei einem so großen Vorhaben...« Sie schüttelte fast hilflos den Kopf. »Ich wusste nicht, dass wir so vermögend sind.«

»Siehst du?«, sagte Vater. »Das zeigt, wie wenig du dich in den letzten Jahren um das Geschäft gekümmert hast.« Er zwang sich zu einem Lächeln. »He, Schluss jetzt. Wir wollen uns doch den schönen Abend nicht verderben lassen, oder? Ich dachte, ihr freut euch über diese Überraschung!«

»Na ja, sie ist dir auf jeden Fall gelungen«, antwortete Mutter. Sie versuchte sich zu einem Lächeln durchzuringen, aber man sah ihr an, dass sie am liebsten etwas ganz anderes gesagt hätte. Auch Leonie schwieg, wenn auch aus einem gänzlich anderen Grund: Sie interessierte sich noch viel weniger für Geschäfte als ihre Mutter, aber alles in ihr sträubte sich dagegen, zu glauben, was sie gerade gehört hatte. Ihr Vater war ein miserabler Geschäftsmann. Er hatte schon Mühe, seine Rechnungen an der Tankstelle zu bezahlen, ohne dabei übers Ohr gehauen zu werden.

Der Gedanke entglitt ihr und wieder blieb eine unangenehme Leere zurück, fast schon das Gefühl, um etwas Wichtiges betrogen worden zu sein.

»Also lasst uns feiern«, sagte Vater noch einmal. Die Worte klangen fast wie ein Befehl. »Sucht euch etwas zu essen aus. Die Speisen dauern hier eine Weile. Sie kochen noch auf die altmodische Art. So etwas wie einen Mikrowellenherd haben sie hier nicht.«

Leonie hatte den Wink verstanden und ihre Mutter offensichtlich auch, denn sie senkte genau wie Leonie fast hastig den Blick auf die Speisekarte.

Da ihr die Hälfte der Gerichte auf der Speisekarte sowieso nichts sagte und sie die Hälfte der verbliebenen Hälfte nicht einmal kurz vor dem Hungertod freiwillig gegessen hätte, fiel ihr die Auswahl nicht besonders schwer. Die Kellnerin kam, kaum dass Vater die Hand gehoben hatte, und Leonie nutzte die Gelegenheit, sich die junge Frau noch einmal und ein wenig aufmerksamer anzusehen.

An ihrem ersten Eindruck änderte sich nicht viel. Nur dass Leonie jetzt wusste, was sie schon vorher an dem eigentlich ziemlich hübschen Mädchen gestört hatte, ohne dass sie es da in Worte hätte kleiden können: Die Bedienung war allerhöchstens vier oder fünf Jahre älter als sie - und sie war ziemlich ungepflegt. Sie war nicht wirklich schmutzig, das wäre in einem Restaurant wie diesem einfach undenkbar gewesen und außerdem roch sie intensiv nach Seife, als sie dicht an Leonie vorbeiging, doch ihr Haar war strähnig und sie hatte eine sehr unsaubere Haut. Als sie etwas sagte, konnte Leonie sehen, dass sie trotz ihrer Jugend schon sehr schlechte Zähne hatte, und ihre Fingernägel waren pieksauber, sahen aber eher abgeknabbert als abgeschnitten aus. Zusammen mit dem aus grobem Baumwollstoff gewobenen Kleid und den schweren Holzsandalen hätte sie tatsächlich direkt aus dem frühen Mittelalter stammen können. Aber man konnte es mit der Authentizität auch übertreiben, fand Leonie.

Nachdem die Kellnerin gegangen war, wollte das Gespräch an ihrem Tisch nicht mehr so recht in Gang kommen. Ihr Vater stürzte seinen Champagner regelrecht hinunter und hob die Hand, woraufhin ihm die Kellnerin in Windeseile einen gewaltigen Krug Bier brachte - und auch das war ungewöhnlich, fand Leonie. Ihr Vater trank nur ganz selten Alkohol, und Bier schon gar nicht. Jedenfalls hatte sie das bis jetzt immer gedacht. Aber da er nichts zu ihr gesagt, sondern nur die Hand gehoben hatte, musste die Kellnerin wohl auch jetzt das Übliche gebracht haben. Die Situation wurde immer verwirrender und unbehaglicher.

Als das Schweigen zwischen ihnen einen Punkt erreicht hatte, der ihr das Gefühl gab, es einfach nicht mehr aushalten zu können, stand sie auf und ging zu einem der Bücherregale. Als sie vorhin heruntergekommen war, da hatte sie ganz automatisch angenommen, dass es sich um Nachbildungen alter Bücher handelte, vielleicht sogar nur um Attrappen, wie man sie manchmal in Möbelhäusern sah. Aber das Gegenteil war der Falclass="underline" Die Bücher waren echt. Sie sahen echt aus, sie fühlten sich echt an und sie hatten sogar den typischen und ganz und gar unverwechselbaren Geruch, den von allen Dingen auf der Welt nur alte Bücher hatten. Leonie nahm einen der schwarzen, schweren Bände aus dem Regal und schlug ihn fast ehrfürchtig auf. Das pergamenttrockene Papier raschelte, als sie die Seiten umschlug. Die Schrift darauf war so verblasst, dass sie sie bei der schwachen Beleuchtung kaum entziffern konnte, aber immerhin glaubte sie zu erkennen, dass es sich um eine Art Familienchronik handelte. Genau wie bei dem guten halben Dutzend anderer Bücher, das sie danach zur Hand nahm.

Das unangenehme Gefühl, angestarrt zu werden, ließ Leonie innehalten. Sie stellte den Band, in dem sie gerade gelesen hatte, ins Regal zurück und drehte sich um.

Sie wurde tatsächlich angestarrt. Mindestens fünf oder sechs Gäste an den umliegenden Tischen hatten ihre Mahlzeit unterbrochen und sahen sie an. Die meisten blickten hastig weg, als Leonie sich umdrehte, aber zwei oder drei hielten ihrem Blick stand, und in dem einen oder anderen Gesicht glaubte Leonie, eine unangemessene Neugier zu erkennen.

Doch vielleicht war das nur dem Umstand zuzuschreiben, dass sie so selbstverständlich in den Bücher herumkramte, die mit Sicherheit einen enormen Wert darstellten. Leonie verscheuchte den Gedanken, zuckte deutlich sichtbar mit den Schultern und ging zu ihrem Tisch zurück.

»Zufrieden?«, fragte ihr Vater, nachdem sie Platz genommen hatte.

Leonie hob abermals die Schultern. »Der Stoff reicht für mindestens ein Dutzend hundertteiliger Familiensagas im Fernsehen. Allerdings lässt die Auswahl ein wenig zu wünschen übrig.«

»Das war ein komplettes Archiv«, erwiderte Vater leichthin. »Ich konnte einfach nicht widerstehen. Und an einen Ort wie diesen passt es hervorragend, finde ich.« Er unterbrach sich und deutete mit einer Kopfbewegung zur Treppe. »Schluss jetzt, die Attraktion beginnt.«

»Attraktion?«, fragte Mutter.

»Selbstverständlich, oder glaubst du etwa, die gepfefferten Preise hier sind nur für das Essen? Ehrlich gesagt ist es nicht einmal besonders gut.«

Leonies Mutter wollte eine weitere Frage stellen, doch in diesem Moment begann auch schon das, was Vater gerade als die Attraktion bezeichnet hatte: Den Auftakt machte ein Leierspieler, der nicht nur ein originalgetreues mittelalterliches Kostüm trug und auf einem authentischen Instrument spielte, sondern auch genauso schief sang, wie Leonie es sich bei frühmittelalterlicher Unterhaltungsmusik vorgestellt hatte. Der Applaus, der aufkam, als sein Auftritt (Gott sei Dank) nach einer knappen Viertelstunde vorbei war, galt vermutlich seinem Kostüm und dem historischen Instrument, das er spielte, und nicht seinem Vortrag.

Es war jedoch noch nicht vorbei. Nachdem der Leierspieler gegangen war, kam ein ganzes Trüppchen bunt gekleideter Artisten und Gaukler herein, die in den ersten Minuten einfach wild durcheinander wirbelten und alle zugleich ihre Kunststücke aufführten: Eine nur spärlich bekleidete Tänzerin bot etwas dar, das die mittelalterliche Version eines orientalischen Bauchtanzes sein mochte, ein Junge, an dessen Kleidung zahllose winzige Glöckchen bimmelten machte Kopfstände und alle möglichen anderen Faxen, ein Jongleur warf brennende Fackeln bis zur Decke und fing sie geschickt wieder auf, und ein Messerwerfer ließ seine Klingen blitzen.