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Leonie versuchte in den ersten Minuten vergeblich, so etwas wie eine Ordnung in dem Chaos zu entdecken, aber dann fiel ihr etwas auf, was sie deutlich mehr interessierte, als das bunte Treiben der Artisten und Faxenmacher.

Die Truppe hatte einen Gehilfen, der den Artisten zur Hand ging, fallen gelassene Fackeln und Messer aufhob oder ihnen andere Utensilien reichte - und einmal hastig die Rockschöße des Feuerspuckers löschte, als dieser ein wenig zu übereifrig war und sich selbst in Brand setzte. Leonie hielt ihn zunächst einfach für irgendeinen Jungen, denn er war noch ein gutes Stück kleiner als sie und sein Gesicht konnte sie nicht erkennen. Er trug so etwas wie eine schwarze Mönchskutte mit einer weit nach vorne gezogenen Kapuze. Aber je länger sie die Gestalt ansah, desto mehr beunruhigte sie irgendetwas an ihrer Erscheinung, und schon bald wurde ihr klar, was es war: Sie glich der Steinfigur vor der Kapelle, die ihr solche Angst gemacht hatte, auf frappierende Weise.

Nach einer Weile schien auch ihrem Vater aufzufallen, dass sie dem Jungen in der Mönchskutte deutlich mehr Aufmerksamkeit entgegenbrachte als der Darbietung der Artisten und Gaukler. »Ist irgendetwas?«, fragte er.

Leonie schüttelte den Kopf, aber es gelang ihr offenbar nicht, ihren Vater zu überzeugen, denn er sah den Kuttenträger in der Größe eines Kindes noch einen Moment lang aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen an, bevor er mit einem Ruck aufstand und zu ihm hineilte. Mit einer einzigen, wütenden Bewegung riss er die Kapuze nach hinten.

Was darunter zum Vorschein kam, war ein ganz normales, wenn auch schrecklich ausgemergeltes Kindergesicht. Der Junge war allerhöchstens zehn Jahre alt und sah aus, als stünde er kurz vor dem Verhungern. Er prallte mit einem Schrei zurück und riss schützend beide Hände vors Gesicht, und allein die Art, wie er es tat, deutete ohne jeden Zweifel darauf hin, dass er es gewohnt war, geschlagen zu werden.

Leonies Vater schlug ihn natürlich nicht. Er stand im Gegenteil plötzlich ziemlich verlegen da und sah regelrecht schuldbewusst aus, zumal nicht nur die Artisten erschrocken ihre Darbietung unterbrochen hatten, sondern auch die meisten Gäste stirnrunzelnd in seine Richtung blickten.

»Klaus, was soll denn das?«, fragte Leonies Mutter betroffen.

Vater ließ die Hand sinken, sah einen Moment lang noch schuldbewusster aus, fing sich dann aber sofort wieder. »Nichts. Es ist alles in Ordnung. Spielen Sie weiter.« Er machte eine auffordernde Geste zu den Gauklern hin, kam zurück und setzte sich wieder.

»Was sollte denn das?«, fragte Mutter noch einmal. »War dieser Auftritt wirklich nötig?«

»Das ist doch wohl ein Skandal, oder?« Vater redete gerade laut genug, um an den benachbarten Tischen verstanden zu werden, und deutete dabei auf den Jungen. Der hatte seine Kapuze wieder hochgeschlagen, blickte aber weiterhin ängstlich in ihre Richtung. »Ich habe fast so etwas vermutet, weißt du?«

»Was?«, fragte Mutter verständnislos.

»Der arme Junge ist halb verhungert«, antwortete Vater. »Und ich gehe jede Wette ein, dass er auch geschlagen wird. Ich werde dafür sorgen, dass das hier der letzte Auftritt dieser sauberen Truppe war.«

Leonie fragte sich, ob er diesen Unsinn wirklich ernst meinte. Er hatte nicht einmal Unrecht, was den Jungen betraf, aber das war ganz bestimmt nicht der Grund gewesen, warum er so jäh aufgesprungen war und dem Kleinen die Kapuze vom Kopf gerissen hatte. Sie hatte den Ausdruck auf seinem Gesicht nicht vergessen; er hatte etwas völlig anderes unter der Kapuze erwartet. Etwas wirklich vollkommen anderes.

Die Darbietung der Jongleure, Feuerschlucker und Tänzer ging weiter, aber sie hatte deutlich an Schwung verloren und schien das Publikum nicht mehr zu interessieren. Viele der Zuschauer starrten immer noch in ihre Richtung und sie sahen nicht einmal weg, als Vater ihre Blicke herausfordernd erwiderte.

Seltsam - ein paar von den Gesichtern kamen Leonie bekannt vor. Sie wusste nicht genau, wo sie sie einordnen sollte, aber sie hatte sie schon einmal gesehen, und das vor gar nicht allzu langer Zeit.

Die Kellnerin kam und brachte ihr Essen. Es roch deutlich besser, als Leonie nach den Worten ihres Vaters erwartet hatte, und es sah auch appetitlich aus. Die Speisen wurden auf großen Zinntellern serviert, die die Kellnerin geschickt vor ihnen auf dem Tisch platzierte. Als sie bei Leonie angekommen war, beugte sie sich leicht vor und fragte: »Ist alles in Ordnung, Meister Kammer?«

»Ja«, antwortete Vater, dann schüttelte er den Kopf. »Nein. Schick sie fort.« Er deutete auf die Gaukler. »Und nimm den Jungen mit in die Küche. Der Koch soll ihm so viel zu essen geben, wie er will.«

»Ganz, wie Ihr wünscht, Meister Kammer.«

»Meister Kammer?«, wiederholte Mutter, nachdem die junge Frau sich umgedreht hatte und mit schnellen Schritten in Richtung Tür verschwunden war.

»Das gehört zum Spiel«, erklärte Vater in leicht ärgerlichem Ton. »Hier ist eben alles so authentisch wie überhaupt nur möglich.«

Leonie beugte sich hastig über ihren Teller und begann zu essen. Die Mahlzeit schmeckte sonderbar, aber durchaus gut, doch sie war nicht in der Stimmung, sie entsprechend zu würdigen. Ihr Blick ging immer wieder zu dem Jungen in der Kutte hin. Er stand reglos da, ohne auf das Treiben um ihn herum zu achten, und starrte in ihre Richtung. Und Leonie konnte trotz der Kutte sehen, dass er am ganzen Leib zitterte.

»Tust du mir einen Gefallen?«, wandte sie sich an ihren Vater.

»Welchen?«

Leonie deutete auf die Schauspielertruppe. »Wirf sie nicht raus.«

»Wieso?« Vater ließ die plumpe dreizinkige Gabel sinken, die sie zum Essen bekommen hatten, und sah überrascht zu den Gauklern hin, ehe er sich wieder an Leonie wandte: »Und warum nicht? Du hast doch gesehen, wie sie den armen Jungen behandeln. Solche Leute haben es nicht besser verdient!«

»Wahrscheinlich würden sie ihre Wut nur an dem Jungen auslassen und alles würde noch schlimmer«, sagte Leonie.

Ihr Vater schüttelte den Kopf. »Bist du sicher, dass dein Name Leonie ist und nicht Mutter Theresa?« Trotzdem hob er die Hand und winkte einen der Gaukler heran. Der Mann - es war der Feuerschlucker - unterbrach seine Darbietung und fuhr sich nervös mit dem Handrücken über den Mund, um die Reste der brennbaren Flüssigkeit wegzuwischen, die er für seine Vorführung brauchte.

»Meister Kammer?«, fragte er nervös. »Seid Ihr... ich meine: Gefällt Euch unsere Vorführung nicht?«

»Ihr könnt für heute aufhören«, erwiderte Vater, ohne damit die Frage des Feuerschluckers direkt zu beantworten. »Und ich werde euch in den nächsten Tagen genau im Auge behalten. Wenn der Junge nicht besser behandelt wird, dann werde ich euch entlassen. Hast du das verstanden?«

Der Mann wagte es nicht, laut zu antworten, sondern nickte nur abgehackt. Was Leonie in seinen Augen las, das war keine Angst mehr, sondern blanke Panik. Rückwärts gehend zog er sich zurück und wechselte einige hastige Worte mit den anderen, woraufhin die gesamte Truppe nahezu fluchtartig den Keller verließ.

»Bravo, mein Lieber, das nenne ich Menschenführung.« Hinter ihnen erscholl Händeklatschen. Leonie fuhr ebenso erschrocken wie ihr Vater herum und erblickte eine dunkelhaarige junge Frau, die neben ihrem Tisch aufgetaucht war. »Wo hast du das gelernt? In einem Managerseminar für Fortgeschrittene?«

»Theresa!«, entfuhr es Leonie überrascht. Die junge Frau blickte sie stirnrunzelnd an. »Kennen wir uns?«

Nein, sie kannten sich nicht. Dennoch wusste Leonie nicht nur ihren Namen. Was hatte Bruder Gutfried gesagt? Sie begann sich zu erinnern...

»Hören Sie auf, meine Tochter zu belästigen«, schnappte Vater. »Und ich verbitte mir diesen vertraulichen Ton.«

Theresa hob die Schultern. »Ganz, wie Sie wünschen, Herr Kammer.« Sie wandte sich mit einem traurigen Blick an Leonies Mutter. »Und du, Anna?«