»Was soll der Unsinn?«, herrschte Vater sie an. »Ich bin hier zu einem privaten Essen mit meiner Familie. Wieso belästigen Sie uns?«
»Du weißt, warum ich hier bin.« Theresa sah sich fast erschüttert um. »Großer Gott, was hast du nur getan?«
»Nichts, wofür ich mich rechtfertigen müsste«, antwortete Vater, »und schon gar nicht vor Ihnen.«
»Begreifst du eigentlich nicht, welchen Schaden du anrichtest?«, fragte Theresa. »Welchen Schaden du bereits angerichtet hast?«
»Ich habe niemanden geschädigt«, entgegnete Vater ruhig. »Und ich habe nichts getan, dessen ich mich schämen müsste. Bitte gehen Sie jetzt.« Er hob die Hand, um den Wirt herbeizuwinken, aber Theresa fuhr in einem fast verzweifelten Ton und an Leonies Mutter gewandt fort: »Anna! Ich weiß, du wolltest nie etwas mit uns zu tun haben. Aber sogar du solltest wissen, dass das hier falsch ist! Es war bestimmt nicht im Sinne deiner Mutter und es kann auch nicht in deinem sein! Großer Gott, sieh dich doch nur um! Das ist doch der schiere Wahnsinn!«
»Sie sollten jetzt wirklich besser gehen«, sagte Vater gepresst. »Es sei denn, Sie legen Wert darauf, in einem Polizeiwagen nach Hause gebracht zu werden.«
Theresa wollte sofort widersprechen, doch in diesem Moment tauchte der Wirt neben ihr auf und ergriff sie grob am Handgelenk. Theresa versuchte sich loszureißen, aber der Wirt, ein grobschlächtiger Hüne, packte nur noch fester zu und holte mit der anderen Hand aus, um sie zu schlagen.
»Halt!«, fuhr Vater scharf dazwischen. Der Arm des Wirtes erstarrte mitten in der Bewegung. Er wirkte beinahe enttäuscht.
»Lass sie los!«, befahl Vater.
Der Wirt ließ Theresa tatsächlich los und trat einen Schritt zurück, blieb dann aber wieder stehen und schien geradezu begierig auf einen Vorwand zu warten, erneut zuzupacken.
Leonies Vater warf ihm einen warnenden Blick zu, bevor er aufstand und sich wieder an Theresa wandte. »Wir wollen doch zivilisiert bleiben. Ich entschuldige mich für diesen groben Burschen, aber ich möchte Sie jetzt trotzdem bitten zu gehen. Wenn Sie mir noch irgendetwas zu sagen haben, wenden Sie sich bitte an meinen Rechtsanwalt. Die Adresse haben Sie ja.«
Theresa musterte abwechselnd ihn und den Wirt mit zornigen Blicken, während sie ihr Handgelenk massierte. Aber sie sagte nichts mehr, sondern wandte sich ruckartig ab und verließ im Sturmschritt den Keller.
»Was war denn das für ein Auftritt?«, fragte Leonie.
Vater sah Theresa nach, bis sie verschwunden war, und setzte sich dann wieder. Jetzt antwortete er, aber ohne Leonie dabei anzusehen. »Eine Verrückte.«
»Es klang aber so, als ob ihr euch kennt.«
»Das sind die Schlimmsten«, grollte Vater.
»Die schlimmsten was?«
»Fanatiker! Sie war früher einmal ganz vernünftig, aber dann hat sie sich diesen Irren angeschlossen. Irgendeiner Umweltschutzorganisation, die mit allen Mitteln dieses Projekt hier verhindern wollte. Sie meinen, wir zerstören die historische Realität, wenn wir das Viertel restaurieren um Touristen anzuziehen.«
»Was soll denn das sein: historische Realität?«, fragte Leonie.
»Das musst du schon diese durchgedrehte Walküre fragen«, antwortete Vater. »Und jetzt Schluss. Ich will nichts mehr davon hören! Lasst euer Essen nicht kalt werden und genießt wenigstens den Rest des Abends.«
Was natürlich völlig unmöglich war. Leonie stocherte ein paar Minuten lustlos in ihrem Essen herum, dann stand sie mit einer gemurmelten Entschuldigung auf und ging die Treppe hinauf nach oben. Sie fragte den Wirt nach dem Weg zur Toilette und bekam die Antwort, dass sie auf der anderen Seite des kleinen Innenhofes lag, den sie durch das große Fenster sehen konnte. Sie musste nicht wirklich dorthin, aber unten im Gewölbekeller hätte sie es einfach nicht mehr ausgehalten.
Selbst wenn sie in diesem Moment ein menschliches Bedürfnis verspürt hätte, hätte sie wahrscheinlich mit aller Macht versucht es zu unterdrücken, denn die umfangreichen Restaurierungsarbeiten, von denen ihr Vater gesprochen hatte, erstreckten sich ganz offensichtlich nicht auf die sanitären Anlagen. Es gab weder elektrisches Licht noch den Luxus eines Waschbeckens und die Toilette selbst bestand aus einem viereckigen Holzpodest, in das ein herzförmiges Loch geschnitten worden war. Wozu es diente, das verriet der Geruch, der daraus emporwehte, überdeutlich.
Leonie blieb einige Sekunden lang fassungslos stehen, betrachtete die groteske Konstruktion in dem schwachen Licht, das durch die offen stehende Tür von draußen hereinströmte und fragte sich, ob es sich bei diesem stillen Örtchen vielleicht um einen geschmacklosen Scherz handelte oder einen Gag, um dem Gebäude noch mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Vielleicht hatte sie auch einfach die falsche Tür genommen.
Sie trat wieder ins Freie und blickte sich unschlüssig auf dem kleinen, auf allen Seiten von Mauern umschlossenen Hof um. Viel gab es nicht zu sehen. Er war einfach ein gemauertes, vollkommen leeres Geviert, in dem es nur die Glasfront zum Restaurant und zwei grob gezimmerte Holztüren gab. Nach dem, was sie gerade hinter einer dieser Türen gefunden hatte, verspürte sie wenig Lust auf eine weitere Expedition in die Steinzeit.
Leonie wollte gerade weitergehen, als sie Stimmen hörte. Sie waren zu leise, um die Worte zu verstehen, aber sie klangen erregt, fast wie im Streit, und drangen hinter der zweiten Tür hervor. Leonie rang einen Moment mit sich, schließlich ging es sie absolut nichts an, was dort passierte - aber dann gewann ihre Neugier die Oberhand. Sie trat an die Tür, suchte nach einer Klinke und fand nur einen altmodischen Riegel, der allerdings nicht vorgelegt war. Leonies schlechtes Gewissen meldete sich noch einmal, als die Stimmen auf der anderen Seite lauter wurden und ihr Ton schärfer, denn es ging sie nun wirklich nichts an, was hinter dieser Tür geschah, dennoch zögerte sie nur noch eine halbe Sekunde, bevor sie eintrat.
Der Raum dahinter bot einen so unerwarteten Anblick, dass sie mitten im Schritt verharrte und ungläubig die Augen aufriss. Er war sehr groß, wirkte aber trotzdem beengt, weil die Decke so niedrig war, dass man kaum aufrecht darin stehen konnte. Die Wände bestanden aus unverputztem, grobem Mauerwerk, und es gab nur ein einziges, schmales Fenster, das aber kein Glas hatte, sondern im Grunde nur ein Loch in der Wand war. Im Augenblick war Leonie allerdings ganz froh darüber, denn ansonsten wäre sie möglicherweise erstickt. Licht und Wärme im Raum kamen von einer offenen Feuerstelle unmittelbar unter dem Fenster, durch das der Großteil des Rauchs abzog - aber eben nur der Großteil, nicht alles. Die Luft war zum Schneiden dick und stank so durchdringend nach Qualm und schwelendem, nassem Holz, dass sie nur mit Mühe ein Husten unterdrücken konnte.
Rings um dieses Feuer saß ein halbes Dutzend Gestalten. Leonies Augen füllten sich fast sofort mit Tränen, als ihr beißender Rauch ins Gesicht trieb, aber sie erkannte sie trotzdem als die Artistentruppe, die gerade unten im Burgkeller aufgetreten war. Als Leonie eingetreten war, hatten sie ihr Gespräch abrupt unterbrochen; jetzt stand einer von ihnen auf und kam ihr mit ausgreifenden Schritten entgegen.
»Was willst du hier?«, fuhr er sie an. »Du hast hier nichts...« Er stockte mitten im Satz und der brodelnde Zorn auf seinem Gesicht wandelte sich in Erschrecken. »Oh, Ihr seid es.« Er machte einen halben Schritt zurück und verbeugte sich leicht. »Verzeiht! Ich... ich habe Euch nicht gleich erkannt.«
»Erkannt?«, wiederholte Leonie verständnislos.
Der Mann - es war der, mit dem ihr Vater geredet hatte; Leonie nahm an, dass es sich wohl um den Anführer der Truppe handeln musste - hob unsicher den Kopf und maß sie mit einem langen, nicht sonderlich angenehmen Blick. Seine Augen wirkten verschlagen, fand Leonie, vielleicht hatte sie ihrem Vater ja Unrecht getan. Möglicherweise wusste er etwas über diese Leute, das ihr unbekannt war. »Ihr seid doch die Tochter von Meister Kammer, oder?«