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Etwas warnte Leonie davor, anders als mit »Ja« zu antworten. Der Gedanke war zwar völlig absurd, aber sie hatte plötzlich das Gefühl, dass sie möglicherweise nicht mehr lebend hier herauskommen würde, wenn sie es tat. Überhaupt spürte sie erst in diesem Moment die Angst, die sich in ihr eingenistet hatte, seit sie hereingekommen war, und die mit jedem Atemzug stärker wurde. Sie nickte.

»Sagt Eurem Vater ruhig, dass alles in Ordnung ist«, fuhr der Feuerspucker fort. Er sprach so schnell, dass er sich beinahe verhaspelte, und seine Worte waren von einem hektischen Gestikulieren begleitet. »Wir besprechen gerade unsere neue Nummer. Wir werden besser, das versichere ich Euch!«

»Deswegen bin ich nicht hier«, sagte Leonie. Sie riss ihren Blick mühsam von der armseligen Gestalt los und betrachtete die anderen, die rings um das qualmende Feuer saßen. Vorhin, als sie sie im Burgkeller gesehen hatte, war sie durch ihre Darbietung und das bunte Treiben abgelenkt gewesen, aber nun entdeckte sie, dass sie sich äußerlich kaum von dem heruntergekommenen Feuerschlucker unterschieden.

Ihre Kleider waren schreiend bunt, bestanden im Grunde aber nur aus Fetzen, die an zahllosen Stellen geflickt waren und oft genug nicht einmal das. Sie alle hatten strähnige, ungepflegte Haare, schmutzige Fingernägel und schlechte Zähne, und anscheinend war der Junge in der Mönchskutte nicht der Einzige, der wusste, was das Wort Hunger bedeutete. Leonie verspürte ein eiskaltes Frösteln, als sie in die ausgezehrten Gesichter blickte, und dann noch einmal, als sie den Ausdruck in ihren Augen gewahrte. Was sie im ersten Moment für Zorn, ja vielleicht sogar für Hass gehalten hatte, das erkannte sie jetzt zweifelsfrei als Angst. Und zwar ebenso zweifelsfrei als Angst vor ihr.

»Maus bekommt das beste Essen, mein Wort darauf, edles Fräulein«, versicherte der Feuerspucker.

»Maus?«, wiederholte Leonie.

»Der Junge.« Der Feuerspucker deutete mit einer fahrigen Handbewegung auf den Jungen in der schwarzen Kutte.

»Sein Name ist... Maus!«, vergewisserte sich Leonie. Der leicht schrille Unterton in ihrer Stimme mochte für den Feuerschlucker wie Unglauben klingen, aber in Wahrheit war es etwas, das an Entsetzen grenzte.

»Er... war klein wie eine Maus, als er auf die Welt kam. So richtig gewachsen ist er seither auch nicht«, erklärte der Feuerspucker hastig. »Aber das wird sich ändern. Ganz bestimmt. Ihr könnt Euch überzeugen. Hier, seht selbst!« Er griff nach Leonies Arm und zog sie mit sich zum Feuer. Leonie versuchte instinktiv sich loszureißen, aber der kleinwüchsige Mann erwies sich als überraschend stark. Sein Griff war jedoch nicht nur fest, sondern auch sehr unangenehm. Er hatte schweißige Hände, die Leonie das Gefühl gaben, von etwas Unreinem berührt zu werden.

»Hier, überzeugt Euch selbst, edles Fräulein!« Der Feuerschlucker deutete mit der freien Hand auf einen schwarzen gusseisernen Topf, der an einem Dreibein über dem Feuer hing. Als Leonie sich darüber beugte, stieg ihr ein abstoßender Geruch in die Nase. Sie erkannte erst auf den zweiten Blick, dass es sich um eine dünne, unappetitliche Gemüsesuppe handelte, in der ein paar faserige Fleischstücke schwammen.

»Ihr seht selbst, edles Fräulein!«

Leonie blickte widerwillig auf den zerbeulten Blechteller, den der Junge auf dem Schoß hatte. Darin schwappte dieselbe dünne Suppe, die sich in den Tellern der anderen Gaukler befand, aber es waren deutlich mehr Fleischstücke darin, und auch das Stück Brot, das Maus in seiner schmutzigen linken Hand trug, war mindestens doppelt so groß wie das der anderen. Es dauerte einen Moment, bis Leonie begriff, was diese Beobachtung bedeutete.

»Ihr esst selbst weniger, damit mehr für ihn übrig bleibt?«, fragte sie ungläubig.

»Es war der Wunsch Eures Vaters, dass er das beste, reichhaltigste Essen bekommt, edles Fräulein. Und...«

»Schluss!«, sagte Leonie gereizt. Sie riss endlich ihre Hand los und drehte sich mit einem Ruck zu dem Feuerschlucker um. Der Zorn in ihren Augen loderte so heiß, dass der Mann instinktiv einen Schritt vor ihr zurückwich. »Hören Sie mit diesem blödsinnigen edles Fräulein auf!«, fuhr sie ihn an. »Wollen Sie mir sagen, dass dieser... dieser Dreck alles ist, was ihr zu essen bekommt?«

»Es ist gutes Essen«, antwortete der Feuerschlucker verwirrt.

»Aber ihr arbeitet doch für meinen Vater, nicht wahr? Wollen Sie behaupten, dass er Sie in diesem Loch wohnen lässt und Ihnen Abfälle zu essen gibt?«

Die Antwort bestand nur aus einem weiteren verwirrten Blick. Anscheinend verstand der Mann gar nicht, wovon sie sprach.

»Wieso gehen Sie nicht in die Küche und lassen sich dort etwas zu essen geben?«

»Die Küche?« Der Blick des Mannes wurde geradezu hilflos. »Aber wie wäre das denn möglich, edles Frau...« Er verbesserte sich hastig. »Wie sollte das denn gehen? Die Küche ist nur für Gäste und hohe Herrschaften da. Einfaches fahrendes Volk wie wir hat dort nichts zu suchen.«

Leonie kochte innerlich vor Zorn, aber sie war selbst nicht ganz sicher, wem dieser Zorn eigentlich galt. »Tun Sie mir einen Gefallen und hören Sie mit diesem pseudomittelalterlichen Gequatsche auf«, sagte sie wütend. »Die Show findet drüben im Burgkeller statt, nicht hier. Und jetzt nehmen Sie Ihre Familie und gehen Sie in die Küche, damit Sie etwas Vernünftiges zu essen bekommen. Ich rede mit dem Wirt, und wenn es sein muss, mit meinem Vater.«

Der Anflug von Angst in den Augen ihres Gegenübers wurde größer, nicht kleiner. Er begann sich zu winden. »Das... das ist äußerst großzügig von Euch«, sagte er. »Aber es wäre nicht gut. Bitte glaubt mir, wir sind sehr zufrieden mit unserer Unterkunft und auch das Essen ist für Leute wie uns durchaus angemessen. Wir werden uns gewiss nicht beschweren. Und Euer Vater wird keinen Grund mehr haben, unzufrieden mit uns zu sein!«

Leonie starrte ihn noch einen Atemzug lang an, hin- und hergerissen zwischen Fassungslosigkeit und heller Wut, aber dann drehte sie sich mit einem Ruck um und ging.

»Ihr habt doch allesamt einen Sprung in der Schüssel!«, fauchte sie, während sie die Tür hinter sich zuwarf.

Die Warnung

Sie waren danach nicht mehr allzu lange geblieben. Spätestens nach der hässlichen Szene zwischen Leonies Vater und dem Feuerschlucker war die Stimmung ohnehin im Eimer gewesen, und daran hatte sich auch nach ihrer Rückkehr ins Lokal nichts geändert. Kaum zehn Minuten später waren sie nach Hause gefahren, und obwohl es noch nicht allzu spät war, hatte sich Leonie sofort in ihr Zimmer zurückgezogen und war kurz darauf ins Bett gegangen. Manchmal half es einfach, eine Nacht über eine unangenehme Situation zu schlafen.

Es half nicht. Als Leonie am nächsten Morgen zum Frühstück hinunterkam, war die Stimmung beinahe noch schlechter als am Vorabend. Noch bevor sie die Küche betrat, spürte sie die angespannte Atmosphäre dort sofort. Ihre Mutter saß wie üblich mit ausdruckslosem Gesicht da und rührte in ihrem Kaffee, aber Leonie war ziemlich sicher, dass Vater und sie sich wieder einmal gestritten hatten. Ihre Eltern sprachen in letzter Zeit immer weniger miteinander, und wenn, dann in einem alles andere als liebevollen Ton.

»Guten Morgen«, sagte Leonie, während sie Platz nahm.

Ihre Mutter antwortete nur mit einem angedeuteten Kopfnicken, während ihr Vater sich zu einem Lächeln zwang, das ungefähr so warm war wie die Eiswürfel in seinem Glas. Als Leonie sich vorbeugte, um nach dem Brotkorb zu greifen, erschien ein rundes pelziges Gesicht über der gegenüberliegenden Tischkante. Ein Paar orangerot glühende Augen funkelten sie Unheil verkündend an.

»Überrascht?«, fragte ihr Vater. Er lächelte dünn. »Du solltest doch eigentlich wissen, dass eine Katze überall rein- und rauskommt, wo sie will.«