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»Wie beruhigend«, nuschelte Leonie. Die nächsten zwei oder drei Minuten überbrückte sie damit, sich auf die umständlichste aller vorstellbaren Arten ein Käsebrötchen zu schmieren, aber irgendwann gelang es ihrem Vater doch, ihren Blick aufzufangen.

»Ich hatte heute Morgen schon einen unangenehmen Anruf«, sagte er. »Von Meister Bernhard.«

»So?«, meinte Leonie einsilbig. »Wer soll das sein?«

»Die Gaukler«, antwortete Vater. »Du hast sie gestern Abend im Burgkeller kennen gelernt. Erinnerst du dich?«

Leonie nickte. Die Vorstellung, dass der Feuerschlucker ein Telefon benutzt haben sollte, fiel ihr sonderbar schwer.

»Würdest du mir einen Gefallen tun, Leonie?«, fuhr ihr Vater fort. »Halt dich bitte in Zukunft aus meinen Geschäften raus.«

»Was hat sie denn getan?«, fragte Mutter.

»Oh, ich glaube, Leonie weiß ganz genau, wovon ich rede«, sagte Vater. »Nicht wahr?«

Leonie wollte antworten, aber in diesem Moment richtete sich Mausetod auf der anderen Seite des Tisches kerzengerade auf. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und ein tiefes, drohendes Knurren drang aus ihrer Brust.

Als Leonies Blick dem der Katze folgte, machte ihr Herz einen erschrockenen Sprung. Sie hatte die Tür hinter sich offen gelassen, und auf der Schwelle war ein winziges graues Etwas erschienen, das aus kleinen Knopfaugen zu ihr emporsah. Conan! Mausetod fauchte. Conan fuhr zusammen und huschte los, aber nicht zurück auf den Flur, wie Leonie gehofft hatte, sondern geradewegs weiter in die Küche hinein und zwischen Leonies Füßen hindurch unter den Tisch. Mausetod fauchte noch einmal und verschwand mit gesträubtem Fell in die gleiche Richtung, und Leonie wollte sich hastig bücken, um die Maus zu retten, die offensichtlich in Selbstmordlaune war.

Ihr Vater griff blitzschnell über den Tisch, griff nach ihrer Hand und hielt sie so fest, dass es beinahe schon wehtat. Unter dem Tisch erscholl ein erschrockenes Piepsen, gefolgt von einem lautstarken Fauchen.

»Was soll das?«, keuchte Leonie. »Lass mich los!« Sie versuchte ihre Hand wegzureißen, aber Vater hielt sie mit eiserner Kraft fest. Sein Griff tat nun wirklich weh.

»Das machen die beiden schon unter sich aus«, sagte er ruhig.

Das Fauchen wurde lauter. Ein dumpfes Poltern erklang, dann ein Krachen und durch all das hindurch glaubte Leonie ein geradezu panikerfülltes Fiepen zu hören.

»Unter sich?«, keuchte sie. »Aber Conan ist eine Maus!«

Sie versuchte noch einmal sich loszureißen, aber ihr Vater verstärkte seinen Griff. »Das hätte sie sich überlegen sollen, bevor sie sich dazu entschieden hat, hier einzuziehen«, sagte er.

Die Kampfgeräusche wurden lauter. Obwohl Leonie nun keinen Widerstand mehr leistete, hielt ihr Vater weiterhin unerbittlich ihre Hand fest. Unter dem Tisch ertönte wieder ein dumpfes Poltern, dann schlug irgendetwas mit solcher Gewalt von unten gegen die Tischplatte, dass das Geschirr klirrte. Auf Vaters Gesicht erschien ein dünnes, kaltes Lächeln.

»So ist nun einmal die Natur«, sagte er.

Unter dem Tisch erscholl ein schmetternder Schlag, und dann flog ein kreischendes graues Fellbündel in hohem Bogen durch das Zimmer und knallte gegen die Wand neben der Tür. Als es daran herunterrutschte, hinterließen seine messerscharfen Krallen ein knappes Dutzend tiefe Kratzer in der teuren Seidentapete. Leonies Vater riss ungläubig die Augen auf und ließ endlich ihre Hand los.

»Ja«, murmelte Leonie mit belegter Stimme, »anscheinend hast du Recht. So ist nun einmal die Natur.«

Ihr Vater rang vergebens nach Worten. Vollkommen fassungslos sah er zu, wie die Katze vollends zu Boden plumpste, einen Moment liegen blieb und sich dann verdattert aufrappelte. Er wollte aufstehen, aber jetzt war es Leonie, die nach seiner Hand griff und ihn zurückhielt.

»Lass nur«, meinte sie. »Das machen die beiden schon untereinander aus.«

Im Moment allerdings wohl eher nicht. Mausetod blieb noch ein paar Sekunden lang benommen sitzen, dann drehte sie sich langsam um und stolzierte beleidigt aus der Küche. Leonie sah ihr nach, bis sie im Flur verschwunden war, und beugte sich dann unter den Tisch, wo Conan in aller Seelenruhe saß und an einem Brotkrümel knabberte, der auf den Boden gefallen war. Die Maus hatte eine winzige Schramme auf der Nase, aber das war auch schon alles. Leonie versuchte erst gar nicht, über das nachzudenken, was sie gerade gesehen hatte.

Sie setzte sich auf und wandte sich wieder an ihren Vater. »Was wolltest du mir gerade sagen?«

Ihr Vater presste die Kiefer so fest aufeinander, dass Leonie glaubte, seine Zähne knirschen zu hören. Er sagte nichts, sondern stand so abrupt auf, dass sein Stuhl umstürzte, und lief aus dem Raum. Nur einen Moment später konnte Leonie hören, wie die Tür zu seinem Arbeitszimmer ins Schloss fiel.

Leonies Mutter stand auf, um den umgestürzten Stuhl aufzurichten. »Du solltest das nicht tun, Leonie«, bemerkte sie.

»Was?«

»Deinen Vater so provozieren«, sagte Mutter, ohne sie anzusehen.

»Ich?«, ächzte Leonie. »Ich habe ihn provoziert? War es nicht eher umgekehrt?«

»Dein Vater hat im Moment eine Menge um die Ohren«, fuhr Mutter fort, scheinbar ohne ihre Frage auch nur gehört zu haben. »Dieses Geschäft ist wirklich wichtig für uns, weißt du? Wir sind nicht arm, aber wenn es schiefgeht...«

»... wachen wir bestimmt am nächsten Morgen auf und stellen fest, dass wir reicher sind als Bill Gates und die Zentralbank von Luxemburg zusammen«, fiel ihr Leonie ins Wort. »Und jeder findet das ganz normal, außer mir vielleicht.«

Ihre Mutter blinzelte. »Wie meinst du das?«

Leonie setzte zu einer schroffen Antwort an, aber dann sah sie ihrer Mutter ins Gesicht und stellte fest, dass sie offenbar wirklich keine Ahnung hatte, wovon sie sprach. »Aber du musst dich doch...«, begann sie.

»Was muss ich?«, fragte Mutter betont, als sie mitten im Satz abbrach. Sie sah plötzlich ein wenig besorgt aus.

Du beginnst dich zu erinnern, hatte Bruder Gutfried gesagt, weil du die Gabe hast. Und ihre Mutter hatte sie nicht. So einfach war das.

»Nichts«, murmelte sie und stand auf.

Ihre Mutter kam um den Tisch herum und auf sie zu. »Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Sicher«, antwortete Leonie fast hastig. »Ich... ich muss nur noch einmal weg. Eine dringende Verabredung. Ich hätte sie fast vergessen.«

»Eine Verabredung? Um diese Zeit? Aber es sind doch Ferien!«

»Eben!« Leonie war schon herum und auf halbem Wege zur Tür. »Das ist die wertvollste Zeit des Jahres. Zu kostbar, um sie zu verschwenden.« Noch bevor ihre Mutter eine weitere Frage stellen konnte, war sie bereits an der Haustür und dann draußen.

Diesmal brauchte sie wirklich nur zehn Minuten, um die Kirche zu erreichen, denn sie nahm keine Rücksicht mehr darauf, ob sie auffiel oder komische Blicke erntete.

Trotzdem kam sie zu spät.

Die Kirche war noch da (nicht einmal dessen war sie ganz sicher gewesen), aber die Erleichterung, die sie bei ihrem Anblick empfand, hielt nur wenige Augenblicke an. So lange, genauer gesagt, bis sie nahe genug heran war, um Einzelheiten zu erkennen. Das Gotteshaus war nicht mehr als eine ausgebrannte Ruine. Die Wände waren brandgeschwärzt, und das kostbare bunte Glas der Fenster war ebenso verschwunden wie die schwere Eichentür. Das Dach hatte sich in ein verkohltes Gerippe verwandelt, und die allermeisten Steinfiguren waren zerborsten und von ihren Sockeln gestürzt. Leonie wurde immer langsamer, je näher sie der Ruine kam, und blieb schließlich ganz stehen. Ihr Herz raste, aber das lag ebenso wenig wie das immer heftiger werdende Zittern ihrer Hände und Knie daran, dass sie so schnell, wie sie konnte, hierher gehetzt war.

Was sie sah, war unmöglich. Es war noch keine vierundzwanzig Stunden her, da war dieses Gebäude vollkommen unversehrt gewesen. Wäre es gestern Abend oder im Laufe der Nacht abgebrannt, ja selbst direkt nach ihrem Besuch gestern, dann hätte die Luft noch immer voller Ruß und Asche sein müssen und es hätte überall Schutt und Trümmer gegeben. Und ganz bestimmt hätte man den Brandgeruch in der Luft immer noch wahrgenommen.